Wo bleibt die Wunderenergie?Wann Fusions-Unternehmen erstmals Strom liefern wollen
Von Kai Stoppel
Tokamak, Stellarator, Laserfusion oder magnetischer Spiegel: Unternehmen weltweit wollen die Kernfusion kommerziell nutzbar machen. Doch wann ist es endlich so weit? Die ersten Firmen kündigen an, bereits in wenigen Jahren liefern zu wollen.
Es ist zuletzt ruhiger um die Kernfusion geworden, diese nahezu unerschöpfliche, saubere Energiequelle. Doch unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit wird weiter daran getüftelt, mit dem Verschmelzen von Atomkernen Energie zu gewinnen. Dutzende Unternehmen weltweit setzen dabei auf teilweise sehr unterschiedliche Ansätze.
Lange galt der Witz, die Kernfusion sei immer 30 Jahre entfernt - egal, wann man fragt. Doch glaubt man den Fusion-Startups, könnte es schon in wenigen Jahren endlich zum Durchbruch kommen. Deren Pläne für die ersten Kraftwerke sind teilweise äußerst ambitioniert. Ein Überblick:
Commonwealth Fusion Systems - CFS (USA)
Technischer Ansatz: Das Unternehmen aus den USA setzt auf den klassischen Tokamak - eine ringförmige magnetische Röhre für extrem heißes Plasma. Besonders starke Magnete aus Hochtemperatur-Supraleitern sollen die Anlagen kompakt und leistungsfähig machen - anders als das Mega-Projekt Iter in Südfrankreich.
Fortschritte: Im August 2026 meldete CFS, seinen Forschungsreaktor SPARC zu knapp 80 Prozent fertiggestellt zu haben. SPARC soll ab 2027 mehr Fusionsenergie erzeugen, als dem Plasma als Heizenergie zugeführt wird, allerdings noch keinen Strom produzieren.
Wann will CFS Fusionsstrom liefern? Das Unternehmen plant nach SPARC ein mehrere Hundert Megawatt starkes Kraftwerk namens ARC. Es soll ab Anfang der 2030er Jahre Strom ins Netz liefern.
Helion Energy (USA)
Technischer Ansatz: Helion erzeugt zwei ringförmige Plasmapakete und beschleunigt sie von zwei Seiten aufeinander zu - treffen sie aufeinander, kommt es zur Fusion. Die Technologie wird Field-Reversed Configuration (FRC) genannt. Das Besondere: Das US-Unternehmen setzt auf die Fusion von Deuterium (ein Wasserstoff-Isotop) und Helium-3. Das hat den Charme, dass dabei geladene Teilchen entstehen, deren Bewegungsenergie in Strom umgewandelt werden kann - statt zunächst Wasser zu erhitzen und eine Dampfturbine anzutreiben.
Fortschritte: Der siebte Prototyp namens Polaris erreichte laut Helion Plasmatemperaturen von 150 Millionen Grad Celsius und erzeugte messbare Deuterium-Tritium-Fusion.
Wann will Helion Fusionsstrom liefern? Helion baut im US-Bundesstaat Washington sein erstes kommerzielles Kraftwerk: Orion. Das soll 2028 den Betrieb aufnehmen und nach der Hochlaufphase mindestens 50 Megawatt an elektrischer Leistung für Microsoft bereitstellen.
TAE Technologies (USA)
Technischer Ansatz: Auch TAE arbeitet wie Helion mit FRC: Das Fusionsplasma wird durch sehr schnelle Neutralteilchenstrahlen erzeugt, aufgeheizt und stabilisiert. Langfristig will TAE darin Protonen mit Bor-11 verschmelzen. Auch dabei entstehen überwiegend geladene Teilchen statt energiereicher Neutronen - allerdings ist diese Reaktion erheblich schwerer in Gang zu bringen.
Fortschritte: TAE betreibt bereits seine fünfte große Fusionsmaschine. 2025 demonstrierte das Unternehmen in dem Prototyp "Norm", dass sich eine FRC mit Neutralteilchenstrahlen erzeugen lässt.
Wann will TAE Fusionsstrom liefern? Das Unternehmen plant den Bau von Da Vinci, eine erste kommerzielle Anlage mit zunächst rund 50 Megawatt elektrischer Leistung. Nach aktuellem Unternehmensfahrplan soll Da Vinci ab 2031 Fusionsenergie produzieren.
Pacific Fusion (USA)
Technischer Ansatz: Pacific Fusion setzt auf Kondensatoren, die enorme Mengen elektrischer Energie aufnehmen und innerhalb extrem kurzer Zeit als gewaltigen Strompuls wieder abgeben. Dieser erzeugt Magnetfelder, die ein winziges Kügelchen mit Fusionsbrennstoff explosionsartig zusammendrücken und fusionieren lassen.
Fortschritte: Das Unternehmen hat bereits Pulser-Module und relevante Komponenten getestet. Im August 2026 begann in Albuquerque der Bau eines rund eine Milliarde Dollar schweren Forschungs- und Produktionscampus.
Wann will Pacific Fusion Fusionsstrom liefern? Bis 2030 soll bei dem Demonstrationsreaktor die bei der Fusion frei werdende Energie größer sein als die gesamte zuvor in der Maschine gespeicherte Energie.
Proxima Fusion (Deutschland/Großbritannien/Schweiz)
Technischer Ansatz: Proxima baut an einem sogenannten Stellarator: Wie beim Tokamak hält ein starkes Magnetfeld das Plasma in einer ringförmigen Röhre fest. Der Ring ist jedoch stark verdreht und die Magnetspulen besitzen komplizierte Formen. Dadurch kann der Reaktor theoretisch dauerhaft laufen, anders als der Tokamak.
Fortschritte: Das Unternehmen profitiert stark von den Erkenntnissen des deutschen Forschungsstellarators Wendelstein 7-X. Ein Kraftwerkskonzept namens Stellaris wurde bereits wissenschaftlich publiziert. Als nächster Schritt soll 2027 eine große Stellarator-Modellspule fertig werden.
Wann will Proxima Fusionsstrom liefern? Anfang der 2030er Jahre soll der Demonstrator Alpha in Garching in Betrieb gehen und Netto-Fusionsenergie demonstrieren. Anschließend soll Stellaris am früheren Kernkraftwerksstandort Gundremmingen errichtet werden.
Focused Energy (Deutschland/USA)
Technischer Ansatz: Focused Energy setzt auf die sogenannte Laserfusion. Viele Laserstrahlen beschießen dabei eine winzige Kugel mit Deuterium und Tritium und drücken sie in einem winzigen Sekundenbruchteil zusammen. Bei der sogenannten Trägheitsfusion verschmelzen die Elemente und geben dabei Energie frei.
Fortschritte: Bisher wurden vor allem Vorarbeiten geleistet, eine funktionierende Anlage existiert noch nicht. Am ehemaligen Atomkraftwerksstandort in Biblis entsteht derzeit schrittweise ein großer Laserfusionscampus.
Wann will Focused Energy Fusionsstrom liefern? Der aktuelle Fahrplan ist recht detailliert: Im Jahr 2028 soll ein erster Laser in Biblis in den Betrieb gehen, für 2031 sind erste Versuche geplant. Ab 2033 soll es die ersten Implosionen geben und ab 2035 eine Pilotanlage. Erste Megawattstunden fürs Netz stellt Focused Energy für 2037 in Aussicht.
Marvel Fusion (Deutschland/USA)
Technischer Ansatz: Auch Marvel setzt auf Trägheitsfusion mit Hochleistungslasern. Besonders strukturierte Targets werden von extrem kurzen und intensiven Laserpulsen getroffen. Die Nanostrukturen sollen die Laserenergie besonders effizient in energiereiche Teilchen umwandeln. Der Ansatz soll weniger Laserenergie benötigen als klassische Laserfusion.
Fortschritte: Zusammen mit der Colorado State University baut Marvel die rund 150 Millionen Dollar teure Atlas-Anlage, die 2027 betriebsbereit sein soll. Dort sollen leistungsstarke Laser und weitere, für ein späteres Kraftwerk relevante Technologien getestet werden.
Wann will Marvel Fusionsstrom liefern? Bis 2032 will Marvel Fusion einen Prototyp entwickeln und bis 2036 ein kommerzielles Kraftwerk errichten.
Zap Energy (USA)
Technischer Ansatz: Zap verfolgt einen der einfachsten Reaktoransätze. Durch das Plasma selbst wird ein enorm starker Strom geschickt. Dieser erzeugt ein Magnetfeld, das das Plasma zusammenschnürt - den sogenannten Z-Pinch. Normalerweise wird ein solcher Plasmaschlauch schnell instabil. Zap lässt unterschiedliche Plasmaschichten jedoch verschieden schnell strömen, was die Instabilitäten unterdrücken soll.
Fortschritte: Mit der Anlage Century testet Zap bereits eine Kombination aus schnell wiederholten Plasmaentladungen und einer Wand aus strömendem Flüssigmetall. Bereits 2024 wurden mehr als 1000 aufeinanderfolgende Plasmapulse in weniger als drei Stunden demonstriert.
Wann will Zap Fusionsstrom liefern? Im Mai 2026 genehmigte das US-Energieministerium den Vorentwurf für ein Fusionskraftwerksmodul mit rund 50 Megawatt elektrischer Nettoleistung. Ein konkreter Termin für die geplante Inbetriebnahme ist nicht bekannt.
Realta Fusion (USA)
Technischer Ansatz: Realta setzt auf den magnetischen Spiegel - eine der ungewöhnlichsten Technologien in dieser Liste. Statt das Plasma in eine kreisrunde Röhre zu sperren, liegt es in einer geraden Röhre. Sehr starke Magnetfelder an beiden Enden wirken auf geladene Teilchen wie Spiegel und werfen sie zurück. Der Ansatz war schon vor Jahrzehnten erprobt und dann verworfen worden, weil Teilchen aus der Röhre entweichen können. Realta will das mit modernen Hochtemperatur-Supraleitern, Plasmaheizung und aktiver Stabilisierung lösen.
Fortschritte: Der gemeinsam mit der University of Wisconsin betriebene Versuch WHAM hat Plasma in einem 17-Tesla-Magnetfeld erzeugt - ein Rekord für ein magnetisches Plasmaeinschlussexperiment dieser Art. 2026 demonstrierte Realta außerdem, dass sich Energie aus austretenden Plasmateilchen elektrostatisch direkt in Strom umwandeln lässt. Das war jedoch noch keine Netto-Stromerzeugung aus Fusion.
Wann will Realta Fusionsstrom liefern? Einen Fusions-Pilotreaktor plant Realta für Mitte der 2030er Jahre.
Type One Energy (USA)
Technischer Ansatz: Type One setzt wie Proxima auf den Stellarator. Aufwendig geformte Magnetspulen verdrehen das Magnetfeld so, dass das heiße Plasma dauerhaft eingeschlossen werden kann. Um die komplizierte Technik wirtschaftlich zu machen, setzt Type One auf Hochtemperatur-Supraleiter.
Fortschritte: An einem stillgelegten Kohlekraftwerksstandort in Tennessee soll der Test-Stellarator Infinity One entstehen. Er wird ausdrücklich keinen Strom produzieren, sondern ab 2029 den Betrieb eines späteren Kraftwerks erproben.
Wann will Type One Fusionsstrom liefern? Das als Infinity Two geplante Kraftwerk soll 400 Megawatt elektrische Leistung liefern und nach Unternehmensplänen 2034 kommerziell in den Betrieb gehen.