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Mord ist ihr HobbyWarum vor allem Frauen True Crime lieben

30.11.2025, 11:38 Uhr
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Weibliche Fans verbringen im Schnitt sieben Stunden pro Woche mit True Crime, männliche nur rund vier. (Foto: IMAGO/Westend61)

Ob Podcasts, Dokus oder Bücher - das True-Crime-Genre boomt. Frauen sind dabei die größeren Fans. Sie verbringen fast doppelt so viel Zeit mit wahren Verbrechen wie Männer. Eine Psychologin erklärt, warum es dabei nicht um Voyeurismus, sondern etwas anderes geht.

Serienkiller-Podcasts morgens auf dem Weg zur Arbeit, Dokus über Sexualstraftäter am Abend: Das Genre True Crime boomt - und zwar ungebrochen. Frauen konsumieren dabei wahre Verbrechen deutlich häufiger und intensiver als Männer. Egal ob Bücher, Podcasts, Social Media oder TV - eine aktuelle Studie mit rund 600 Teilnehmenden zeigt: Weibliche Fans verbringen im Schnitt sieben Stunden pro Woche mit True Crime, Männer nur rund vier. Mord und Totschlag sind also überwiegend "Frauensache" - aber warum?

"Die meisten wollen verstehen, nicht voyeuristisch zuschauen", erklärt Psychologin Corinna Perchtold-Stefan im Wissenschaftsmagazin "Spektrum". In einer von ihr durchgeführten aktuellen Studie gaben 93 Prozent der Befragten an, True Crime helfe ihnen, das Unheimliche in Kategorien zu bringen. "Für uns Menschen ist Ungewissheit schwer auszuhalten. Wissen wir jedoch, wer hinter schlimmen Taten steckt, warum Menschen Schreckliches tun und wie sie dabei vorgehen, empfinden wir Verbrechen als weniger bedrohlich", so die Expertin. So hätte man das Gefühl, vorbereitet zu sein.

Wichtig ist Perchtold-Stefan zufolge, dass es in der Regel weder um Voyeurismus noch um Identifikation mit Tätern gehe. Stattdessen funktioniere True Crime als "kognitive Landkarte": Wer versteht, wie Verbrechen entstehen und wie Täter vorgehen, fühlt sich im Alltag weniger ausgeliefert. Das könnte auch erklären, warum sich manche gerne gruseln. "Diese 'Angstlust' könnte ein Trick unseres Gehirns sein, uns auf angenehme Weise mit negativen Dingen zu beschäftigen, um unser Überleben zu sichern", schreibt die Psychologin.

Warum ausgerechnet Frauen True-Crime-Fans sind

Dass insbesondere Frauen sich so stark für reale Kriminalfälle interessieren, ist für Perchtold-Stefan kein Zufall. Viele Frauen verspürten im Alltag eine höhere Grundunsicherheit - empirisch gut belegt durch Umfragen zur Angst vor Übergriffen. Evolutionsbiologische Interpretationen gibt es ebenfalls: Wer physisch schwächer ist, kompensiert dies durch wachsame Informationsaufnahme.

Dazu passt ein weiteres Ergebnis: Frauen interessieren sich überdurchschnittlich für Sexualdelikte und häusliche Gewalt, also für jene Bereiche, in denen sie selbst häufiger Opfer werden. Hier dient True Crime nicht nur der Unterhaltung, sondern auch einem stillen Selbstschutz. "Es gibt Hinweise, dass Frauen True Crime nutzen, um Risikomuster zu erkennen", schreibt die Forscherin. "Sie möchten wissen: Wie könnte ich solche Situationen vermeiden?"

Ein oft unterschätzter Faktor, der hinzukommt: Empathie. Frauen berichten der Expertin zufolge häufiger, dass sie sich für die Opfer und deren Umfeld interessieren. True-Crime-Erzählungen bieten demnach etwas, das fiktive Thriller selten leisten: Sie zeigen, wie echte Menschen mit Gewalt und Ohnmacht umgehen - und wie Ermittler, Familien oder Zeugen weiterleben.

Dass es auch extreme Fälle gibt, in denen Täter bewundert oder romantisiert werden, bleibt laut Forschung die Ausnahme. Rund drei Prozent der befragten True-Crime-Fans gaben an, Straftäter sexuell attraktiv zu finden - ein Phänomen, für das die Psychologie den sperrigen Begriff Hybristophilie bereithält.

Gesund oder gefährlich?

Bemerkenswert sei, wie häufig True-Crime-Fans sich für Justiz und Ermittlungsarbeit interessieren, schreibt Studienautorin Perchtold-Stefan. 86 Prozent wollen wissen, wie Polizisten Spuren sichern, wie Gerichte Entscheidungen fällen oder welche Fehler Behörden machen. Frauen reagieren dabei oft sensibel auf Fragen von Schuld, Strafe und Verantwortlichkeit. Studien zeigen schon länger, dass Frauen im Schnitt ein ausgeprägteres Moralempfinden angeben - und es ist wohl kein Zufall, dass gerade sie besonders viele der True-Crime-Communities prägen.

Nichtsdestotrotz funktioniert True Crime auch als Unterhaltung: Es erzeugt Spannung, fordert zum Mitdenken heraus und erlaubt den Blick in eine Welt, aus der man sich jederzeit zurückziehen kann. Manche nutzen es als Alltagsflucht, manche als intellektuelle Herausforderung. Und manche mögen schlicht den Schauer, der sich einstellt, wenn die Realität kurz wie ein Thriller wirkt.

Ob intensiver True-Crime-Konsum negative Folgen hat, ist bislang kaum erforscht. Möglich wäre laut Perchtold-Stefan, dass ständige Beschäftigung mit Gewalt zu einer verzerrten Wahrnehmung der realen Kriminalitätslage führt - oder zu übertriebenem Misstrauen. Belegt ist das jedoch nicht. Die Studienautorin selbst gibt Entwarnung: "Solange man sich nicht dauerhaft ängstlicher fühlt oder nur noch über Verbrechen nachdenkt, ist gegen True Crime wenig einzuwenden."

Quelle: ntv.de, hny

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