Wissen

Weniger Infektionen, mehr Tote Warum wieder mehr Menschen an Covid-19 sterben

115992689.jpg

Nachdem sich die Zahlen vorübergehend beruhigt hatten, meldet das RKI wieder deutlich mehr Todesfälle durch Covid-19.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der aktuelle Trend verheißt nichts Gutes: Das RKI meldet wieder deutlich mehr Corona-Tote als noch vor einem Monat. Dabei scheint der Höhepunkt der gemeldeten Neuinfektionen inzwischen überwunden. Wie passt das zusammen?

Deutschland befindet sich inmitten der zweiten Pandemiewelle. Schreckensmeldungen über Hunderte Corona-Tote pro Tag blieben allerdings aus - zumindest bis jetzt. Denn zwischen Juni und Mitte Oktober sind deutschlandweit pro Tag deutlich weniger Covid-19-Todesfälle gemeldet worden als noch im Frühjahr: meist weniger als zehn, an manchen Tagen sogar gar keine. Experten spekulierten sogar, dass sich das Coronavirus abgeschwächt haben könnte. Doch seit Oktober steigen die Neuinfektionen wieder rasant an - und jetzt auch die Todesfälle. Zuletzt meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) 305 neue Corona-Tote binnen 24 Stunden. Und das, obwohl die Bundesländer allmählich wieder weniger Neuansteckungen verzeichnen. Wie passt das zusammen?

*Datenschutz

Bis vermehrt Patienten bei einer neuen Infektionswelle sterben, vergeht Zeit. Von Symptombeginn bis zum Tod dauern tödlich verlaufende Covid-19-Erkrankungen zwischen 16 und 18 Tage, schreibt das RKI auf seiner Website. Meist vergehen erst mehrere Tage, bevor Erkrankte ins Krankenhaus eingeliefert werden. Und mit intensivmedizinischen Maßnahmen können Covid-19-Patienten wochenlang am Leben gehalten und oft sogar gerettet werden. Somit folgt dem sprunghaften Anstieg von Ansteckungen wie im Oktober nur verzögert eine Zunahme der tödlichen Verläufe.

Absehbar war ein Anstieg der Todesfälle allerdings schon wegen der zunehmenden Zahl von Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen. Seit Mitte Oktober müssen immer mehr Menschen intensivmedizinisch behandelt werden: Vor gut vier Wochen waren es noch 655 Patienten. Inzwischen hat sich ihre Zahl auf rund 3400 mehr als verfünffacht. Momentan sind damit mehr Erkrankte in Behandlung als noch im Frühjahr. Damals wurden im April nur bis zu 2922 Patienten gleichzeitig intensivmedizinisch behandelt.

Alter der Infizierten spielt eine große Rolle

Und der Peak ist heute noch nicht erreicht: Intensivmediziner erwarten erst in den nächsten drei bis fünf Wochen den Höhepunkt der Patientenzahlen auf den Intensivstationen. Wenn sie an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden müssen, haben sie nur eine 50-prozentige Überlebenschance. Denn das RKI geht davon aus, dass etwa jeder zweite künstlich beatmete Intensiv-Patient mit Covid-19 stirbt.

Somit könnte es passieren, dass trotz sinkender Neuinfektionen vorerst immer mehr Menschen sterben. Denn hinzu kommt, wie schon bei der ersten Welle, ein großes Problem: "Aktuell nehmen die Erkrankungen unter älteren Menschen weiter zu. Da diese häufiger einen schweren Verlauf durch Covid-19 aufweisen, steigt ebenso die Anzahl an schweren Fällen und Todesfällen", heißt es im Lagebericht des RKI. Seit Anfang November wurden knapp 13.000 Menschen im Alter von 80 Jahren und älter positiv auf das Virus getestet.

Im Spätsommer hatten sich dagegen vor allem jüngere Menschen infiziert, die nur selten schwer erkranken. Tödlich verläuft Covid-19 vor allem dann, wenn sich alte Menschen infizieren: Rund 85 Prozent der bisher an oder mit dem Coronavirus gestorbenen Menschen waren über 70 Jahre alt, 95 Prozent von ihnen waren älter als 60 Jahre. Die meisten Todesfälle wurden in der Altersgruppe zwischen 80 und 90 Jahren gemeldet.

Eine Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut warnte bereits vor gut zwei Wochen, dass im November deutlich mehr Menschen im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion sterben werden. Die Wissenschaftler analysierten den Anstieg der gemeldeten Neuinfektionen nach Altersgruppen und ermittelten aus der beobachteten Sterblichkeit in der jeweiligen Altersfraktion, wie sich die Zahl der Todesfälle durch Covid-19 entwickelt. Ihr Ergebnis: Die Zahl der Todesfälle dürfte in den kommenden Wochen auf 800 pro Woche steigen - wahrscheinlich sogar noch höher.

Corona-Ausbrüche in Pflegeheimen

Wenn es also gelingt, Menschen aus höheren Altersgruppen zu schützen, muss ein allgemeiner Anstieg der Infektionszahlen nicht immer zu mehr Todesfällen führen. Doch zuletzt häuften sich die Meldungen über Corona-Ausbrüche in Alten- und Pflegeeinrichtungen. Besonders schwer traf es ein Pflegeheim in Berlin-Lichtenberg. Dort starben 14 positiv getestete Bewohner, 13 weitere Infizierte müssen in Krankenhäusern behandelt werden.

Mehr zum Thema

Und auch Bayern vermeldet eine besonders hohe Zahl an Toten in Zusammenhang mit dem Coronavirus. Die Zahl der Todesfälle in der amtlichen Corona-Statistik stieg bis Dienstag im Freistaat auf insgesamt 3193, wie das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) mitteilte. Nach Angaben des RKI ist diese Zahl im Freistaat nicht nur im Verhältnis zur Einwohnerzahl im Bundesländervergleich am größten, sondern auch absolut. "In Bayern ereigneten sich insbesondere zu Beginn der Pandemie Ausbrüche in Alten- beziehungsweise Pflegeheimen, sodass vermehrt vulnerable Personengruppen betroffen waren", erklärte ein LGL-Sprecher. Aktuell nähmen die Erkrankungen unter älteren Menschen auch hier erneut weiter zu.

Ein steiler Anstieg der Todesfälle kann laut RKI nur vermieden werden, wenn die Ausbreitung von Sars-CoV-2 durch die aktuellen Maßnahmen verlangsamt werde.

Quelle: ntv.de