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Tests an Affen und Menschen Wie mit Abgasen geforscht wird

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Grenzwerte am Arbeitsplatz: In einem Werk von Mercedes Benz in Berlin werden Dieselmotoren produziert.

(Foto: imago/photothek)

Während Mediziner vor Risiken durch Stickoxide warnen, geben Autobauer Abgastests - auch an Menschen - in Auftrag. Der Aufschrei ist groß, doch die fraglichen Studien sagen nichts über Schadstoffe aus dem Straßenverkehr aus. Das sollten sie offenbar auch nicht.

Sie reizen Augen und Atemwege und gefährden vor allem Menschen in Ballungsgebieten: Stickstoffoxide - kurz NOx - sorgen in vielen deutschen Städten seit Jahren für schlechte Luft. Auch das nun verstärkt in die Schlagzeilen geratene Stickstoffdioxid NO2 gehört dazu: Bei Abgastests sollen sowohl Affen als auch Menschen dem Gas gezielt ausgesetzt worden sein - Berichten zufolge über mehrere Stunden in unterschiedlicher Konzentration. Ein schädlicher Effekt sei dabei nicht festgestellt worden, heißt es.

Seit dem Abgasskandal streiten Mediziner, Forscher, Wirtschaft und Politik darüber, wie schädlich die Abgase tatsächlich für den Menschen sind. Zwar gibt es für Stickstoffoxide unter anderem natürliche Quellen. In der Stadt ist dem Umweltbundesamt zufolge aber hauptsächlich der Straßenverkehr für den NOx-Ausstoß verantwortlich - vor allem Diesel-Fahrzeuge, die dort 60 Prozent der Stickoxid-Emissionen verursachen.

Problematisch sind die Gase vor allem für empfindliche oder vorgeschädigte Menschen wie Asthmatiker und Ältere. Stickoxide wirken reizend auf die Schleimhäute in den Atemwegen und der Lunge. Die Europäische Umweltagentur macht die Luftschadstoffe für rund 13.000 vorzeitige Todesfälle allein in Deutschland im Jahr 2014 verantwortlich. Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte die Dieselabgase 2012 sogar als krebserregend ein.

Studie zu Grenzwert am Arbeitsplatz

Ziel der "Clean Diesel"-Kampagne von Volkswagen, Daimler und BMW war nun offenbar zu beweisen, dass die Diesel-Schadstoffbelastung dank moderner Abgasreinigung abgenommen hat. Dazu gab die Lobby-Initiative EUGT ("Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor") im Jahr 2014 eine US-Studie in Auftrag, in deren Rahmen auch Tests an Affen durchgeführt wurden. 2016 folgten laut "Stuttgarter Zeitung" und "Süddeutscher Zeitung" an einem Institut des Aachener Uniklinikums Tests mit 25 jungen, gesunden Menschen.

*Datenschutz

Das Institut betonte, die Versuche hätten keinen Bezug zum Dieselskandal gehabt. Grenzwerte für Menschen seien dabei nicht überschritten worden. Laut den EU-Grenzwerten für die allgemeine Belastung der Umgebungsluft darf ein Stundenwert von 200 Mikrogramm NOx je Kubikmeter höchstens 18 Mal im Jahr erreicht werden. Der Jahresdurchschnittsgrenzwert für NOx liegt bei 40 Mikrogramm. Viel höhere Grenzwerte gelten in Deutschland allerdings am Arbeitsplatz, wo bis zu 950 Mikrogramm erlaubt sind.

Keine Beweiskraft für Dieselproblematik

Laut dem Aachener Institut hat sich die Studie mit genau diesem Grenzwert am Arbeitsplatz befasst. Wichtig ist, an dieser Stelle zu unterscheiden: Der Arbeitsplatzgrenzwert zielt auf eine zeitlich begrenzte Belastung gesunder Arbeitnehmer - die Grenzwerte für die Umgebungsluft beziehen jedoch alle Menschen (auch solche mit Vorerkrankungen) ein, die den Schadstoffen rund um die Uhr ausgesetzt sind. Insofern konnte die Aachener Studie den Autobauern kaum als glaubhafter Beweis dafür dienen, dass eine dauerhafte Belastung durch NO2 unschädlich für den Menschen ist. Glaubt man dem Institut, war das aber auch gar nicht das Ziel der Studie.

Geht es um die Untersuchung von Arbeitsplatzgrenzwerten - etwa bei der Produktion von Dieselmotoren - sind Probandenstudien laut Umweltbundesamt nichts Ungewöhnliches. In der Regel würden bei solchen Studien gesunde Testpersonen mittleren Alters an ihrer Arbeitsstätte untersucht - auch, um mögliche Wechselwirkungen mit anderen Schadstoffen in der Umgebung ausschließen zu können. Weil die Studien aber nicht immer langfristig angelegt seien, könnten sie "die Folgen jahrzehntelanger vergleichsweise niedriger Stickstoffdioxid-Konzentrationen aus dem alltäglichen Leben außerhalb des Arbeitsplatzes nicht abbilden".

Ganz abgesehen von der ethischen Fragwürdigkeit solcher Tests steht damit auch deren wissenschaftlicher Erkenntniswert für die Abgasproblematik im Allgemeinen infrage - und die ist weiter akut. Zwar ging der Stickoxid-Ausstoß zwischen 1990 und 2015 bundesweit um fast 60 Prozent zurück. Grund zur Entwarnung ist das laut Umweltbundesamt aber nicht. Die zulässigen EU-Grenzwerte werden an vielen Stellen weiter verfehlt. 2016 wurden sie der Behörde zufolge an mehr als jeder zweiten verkehrsnahen Messstation im Jahresmittel überschritten.

Quelle: n-tv.de, jug/AFP

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