Wissen

Wenn das Immunsystem entgleist Zytokinsturm tötet Covid-19-Patienten

imago0099824975h.jpg

Die Grafik stellt das Sars-CoV-2 und weiße Blutkörperchen dar.

(Foto: imago images/Westend61)

Die Aufgabe des Immunsystems ist es, den Körper vor Attacken von außen zu schützen. Doch manchmal setzt die Regulierung des komplexen Systems aus. Dann tritt eine Entgleisung ein, die tödlich enden kann. Forscher beobachten Hinweise darauf bei schwer erkrankten Covid-19-Patienten.

Viele Berichte von Ärzte haben den gleichen Inhalt: Sie sehen mit Sars-CoV-2 infizierte Patienten, die sich zunächst noch ganz wohl fühlen. Deren Zustand verschlechtert sich aber innerhalb von wenigen Stunden extrem, und manche davon können nicht gerettet werden. Für diese außergewöhnliche Entwicklung könnte es nun, das legen zumindest verschiedene Studien nahe, eine Erklärung geben: Die massive Entgleisung des körpereigenen Immunsystems.

Zytokine

Zytokine sind körpereigene Stoffe, die entzündungsrelevant sind. Die Proteine regulieren vor allem Wachstum und Differenzierung von Zellen. Experten unterscheiden fünf Hauptgruppen: Interferone, Interleukine, Chemokine, Tumomekrosefaktoren und koloniestimulierende Faktoren. Interleukin-6 gehört beispielsweise dazu.

In der Fachsprache wird dieser Vorgang auch als Zytokinsturm oder Zytokin-Freisetzungssyndrom bezeichnet. Dabei wird durch die überschwengliche Arbeit des Immunsystems ein Teufelskreis im Körper losgetreten. Die zytokinbildenden Leukozyten im Blut werden durch bestimmte Auslöser, zu denen auch Sars-CoV-2 gehört, so stark aktiviert, dass sich die Immunreaktionen nicht mehr, wie üblich, automatisch beruhigen. Die sogenannten Zytokine werden immer weiter gebildet. Diese entzündungsrelevanten Proteine, die im Körper auch als Botenstoffe fungieren, beeinflussen die Zellen nun über zwei verschiedene Signalwege.

Vereinfacht dargestellt, docken die freigesetzten Zytokine zum einen an wichtigen Immunzellen an und legen diese damit lahm. Zum anderen haben die Zytokine ein Molekül, mit dem sie an fast allen Zellen andocken können. Das führt dazu, dass das Immunsystem eine Fülle weiterer Zytokine bildet, die sich wiederum so verhalten. Das Immunsystem entgleist.

Entzündungen überall im Körper

Als Symptome werden dann starke Entzündungsreaktionen im gesamten Körper und auch an den Gefäßinnenseiten bei den Patienten beobachtet. Auch Zellen, die nicht von Sars-CoV-2 infiziert sind, gehen dadurch zugrunde. Die Gefäßwände quellen auf und werden durchlässig, Flüssigkeit wird ins Gewebe abgegeben. Im schlimmsten Fall sterben dadurch ganze Organe ab. Diese tödlich verlaufenden Komplikationen sehen Mediziner bei einer Reihe ihrer Covid-19-Patienten. Forscher aus den USA, China und Griechenland berichten bei vielen Patienten mit schweren Verläufen übereinstimmend von stark erhöhten Entzündungswerten bei gleichzeitigem Mangel an Lymphozyten. Lymphozyten sind wichtige Bestandteile der weißen Blutkörperchen und gehören zum Immunsystem.

Mehr zum Thema

Die Blutwerte sprechen dafür, dass bei einer Reihe von Covid-19-Patienten tatsächlich ein Zytokinsturm im Körper tobt, der schnell zu einem lebensbedrohlichen Zustand führen kann. Das könnte auch erklären, warum antivirale Medikamente vor allem bei Patienten mit schwerem Verlauf nicht mehr anschlagen. Es könnte sein, dass die Immunreaktionen mit dem beschriebenem Dominoeffekt bereits fortgeschritten sind, so dass zu diesem Zeitpunkt nicht mehr das Virus selbst, sondern das entgleiste Immunsystem des Patienten zum Tode führt.

Patienten, die auf die herkömmliche Behandlung nicht ansprechen, könnten deshalb mit Medikamenten behandelt werden, die den Zytokinsturm unterbrechen können. Dazu raten Forscher aus den USA angesichts ihrer Erkenntnisse. Dafür wird beispielsweise der gegen Rheuma entwickelte Wirkstoff Tocilizumab bereits in mehreren Untersuchungen geprüft. Das Mittel blockiert gezielt eine Andockstelle, die als Interleukin-6-Rezeptor bezeichnet wird. Erste Ergebnisse aus China seien vielversprechend, schreiben John B. Moore vom Military Medical Center und Carl H. June vom Zentrum für zelluläre Immuntherapie der University of Pennsylvania/Philadelphia in ihrem Bericht, der im Fachmagazin "Science" veröffentlicht wurde.

Quelle: ntv.de