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Der "Atlas der wahren Namen": Von Sumpfstadt bis St. Französlein

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In Quentin Tarantinos Film "Pulp Fiction" gibt es einen berühmten Wortwechsel. Boxer Butch, dargestellt von Bruce Willis, wird gefragt, was sein Name bedeutet. Seine Antwort: "Ich bin Amerikaner, Schätzchen. Unsere Namen bedeuten gar nichts." (Foto: ASSOCIATED PRESS)

In Quentin Tarantinos Film "Pulp Fiction" gibt es einen berühmten Wortwechsel. Boxer Butch, dargestellt von Bruce Willis, wird gefragt, was sein Name bedeutet. Seine Antwort: "Ich bin Amerikaner, Schätzchen. Unsere Namen bedeuten gar nichts."

In Quentin Tarantinos Film "Pulp Fiction" gibt es einen berühmten Wortwechsel. Boxer Butch, dargestellt von Bruce Willis, wird gefragt, was sein Name bedeutet. Seine Antwort: "Ich bin Amerikaner, Schätzchen. Unsere Namen bedeuten gar nichts."

Gut, dass dem im alten Europa nicht so ist.

Zwischen Schlammwassermarkt-Holzsitzen und Weideland, …

… von Niederlassung am Strom (die Stadt mit dem berühmten Dom) bis Freienfurt an der Schnellen ganz im Osten der Republik sprechen Namen noch Bände.

Sie haben nichts verstanden?

Antwort weiß der "Atlas der wahren Namen" aus dem Carlsen-Verlag.

Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein gewöhnlicher Atlas, wie er seit Generationen von Schülern herumgetragen wird.

Doch das Geheimnis des Buches – und die große Lesefreude – stecken im Detail: Statt der üblichen Stadt-, Landschafts- und Flussnamen …

… stehen dort ausschließlich Wörter wie Uferburg, Randen oder Wasserfelsen.

Denn die Autoren Stephan Hormes und Silke Peust haben die etymologischen Wurzeln unserer heutigen geographischen Namen ausgegraben, ihrer ursprünglichen Bedeutung nachgespürt.

Und so fragt man sich natürlich, welche tiefere Bedeutung die eigene Stadt einst hatte – etwa Buxtehude.

Nun ja, wer in Weißwasser, Finsterwalde, Würzburg oder Freiburg (Bild) wohnt, hat's nicht schwer – die Bedeutung dieser Namen ist heute noch eindeutig.

Heidelbeerberg und Feuchtenburg (man denke an den Niederschlag) kann man sich mit einigem guten Willen noch herleiten.

Doch wer hätte gedacht, dass München, das jedes Jahr zum Schauplatz des weltweit größten Volksfestes wird, eigentlich "Bei den Einsiedlern" bedeutet?

"Apud Munichen" – der ursprüngliche Name der heutigen Hauptstadt des Bundeslandes Weideland leitet sich vom griechischen Wort für Einsiedler oder Mönch ab. (Im Bild eine Postkarte mit dem Münchner Kindl, das sich aus der Wappenfigur der Stadt – natürlich einem Mönch – herleitet)

Berlin – nicht wenige alteingesessene oder zugezogene Bewohner dachten vielleicht, der Name der Bundeshauptstadt leite sich vom Wappentier, dem Bären, ab.

Doch weit gefehlt: Altpolabisch (die Sprache der westslawischen Stämme) bedeutet die Silbe "berl" nichts weiter als "Sumpf". Denn Berlin ist nun mal auf ehemals sumpfigem Gelände gebaut.

Andere Namen nehmen vielleicht Bezug auf die Vorlieben der Einwohner: "Frühaufsteher" im Bundesland Steinschwerten etwa. Der Stadtname leitet sich vom slawischen buditi für "wachen, wecken" und vom Fürsten Budislaw ("wecken, früh aufstehen") ab. (Wer nicht gleich drauf kommt: Die Stadt ist auch für ihren Senf berühmt.)

Im Land der Hutleute steht eine der ältesten deutschen Hutfabriken - die Firma Wegener im hessischen Lauterbach.

Sogar ein "Land der Mutigen" gibt es in Deutschland. Ob's an den Wurstspezialitäten liegt?

Die Reihe ließ sich endlos fortsetzen. Nimmt man erstmal den "Atlas der wahren Namen" zur Hand, legt man ihn so schnell nicht wieder weg, so amüsant und lehrreich ist er.

Wobei man viel zu blättern hat, denn viele Orte muss man im Register nachschlagen, um herauszufinden, was sich dahinter verbirgt.

Schonungslos werden geographische Wissenslücken bloßgelegt, wenn die altbekannten Namen weg sind und man sich einzig an der geographischen Lage orientieren kann.

Richtig spannend wird dies, wenn man die deutschen Grenzen verlässt.

Denn der Atlas zeigt die ganze Welt. So erfährt man, dass Vancouver, der Bosporus (Bild) und Oxford fast identische Bedeutungen haben: Kuh- oder Ochsenfurt.

St. Französlein ist berühmt für seine Golden Gate Bridge.

Der "Ort an dem man Gold findet" leidet seit geraumer Zeit unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten, auch bedingt durch ein Embargo des großen Nachbarlandes.

Das "Land der Ruderer" hat als Hauptstadt die "Morastige", was sich vom slawischen mosk für "sumpfig, morastig" ableitet.

Die "Stadt der Olivenbäume" – Haupstadt des "Landes der Freien" – hat in der Gegenwart wohl eher mit einer Masse an Autos zu kämpfen - oder mit Demonstranten in gelben und roten Hemden.

Die Stadt "Pavillon der Banknoten" auf der Insel "Land des nördlichen Meeres", die wiederum zu "Ursprung der Sonne" gehört, wurde erst 1869 gegründet. Sie sollte die wirtschaftliche Entwicklung der Region antreiben.

Wobei gerade das Beispiel Sapporo zeigt, dass Namen vieles bedeuten können. So führt das Onlinelexikon Wikipedia den Namen auf "trockener, großer Fluss" zurück, während die Atlas-Autoren darin den Begriff für Papiergeld verborgen sehen.

So gibt es wohl bei vielen Namen unterschiedliche Deutungen und Herleitungen. Schließlich sind viele der Sprachen, aus denen die Begriffe stammen – darunter sind germanische, slawische, keltische, indoeuropäische, lateinische, griechische und viele andere – inzwischen ausgestorben und schwer nachzuvollziehen, teils wurden sie nie verschriftlicht.

Düster sieht es übrigens für Unna aus. Die Autoren haben für den Stadtnamen ebensowenig einen Ursprung gefunden wie für Havanna, Kinshasa, Oman und Mombasa.

Der Spaß am "Atlas der wahren Namen" geht darüber nicht verloren, er regt schließlich zum Nachdenken über unsere "volksländischen" Wurzeln an. (Übrigens wird in dem Atlas nicht nur Deutschland mit Volksland "übersetzt", sondern auch Serbien)

PS: Buxtehude bedeutet "Landungsplatz bei den Buchen" und die Autoren leiten dies so ab: ursprünglich Buochstadon, althochdeutsch Buocha "Buchenstätte" und mittelniederdeutsch hude "Landungsplatz, Stapelplatz".

Stephan Hormes, Silke Peust: "Atlas der wahren Namen. Deutschland, Europa und die Welt in etymologischen Karten", Carlsen Verlag Hamburg, Gebunden mit Schutzumschlag, 96 Seiten, 19,90 Euro (D), ISBN 978-3-551-68458-5 (Text: Markus Lippold)

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