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Viele Flüchtlinge haben traumatische Erlebnisse mitgebracht.
Viele Flüchtlinge haben traumatische Erlebnisse mitgebracht.(Foto: REUTERS)

Therapie nach Folter und Missbrauch: Mit Menschlichkeit das Trauma überwinden

Von Sonja Gurris

Wie kann man etwas verarbeiten, für dessen Seelenschmerz es keine Worte gibt? Flüchtlinge haben in ihren Heimatländern oft Folter, Vergewaltigung und Krieg erlebt. Diese Erlebnisse nehmen sie mit nach Deutschland. Menschen wie Marlene Pfaffenzeller helfen ihnen, das Trauma zu überwinden.

Sie hört zu, wenn sie sprechen wollen, gibt ihnen Mut und Halt, wenn sie verzweifelt sind. Marlene Pfaffenzeller hat eine starke Verbindung zu Flüchtlingen, die schmerzhafte Erfahrungen hinter sich haben. Pfaffenzeller kümmert sich seit drei Jahrzehnten als Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie um Gewaltopfer. Bis 2009 betreute sie in ihrer Berliner Praxis viele Flüchtlinge. Heute ist sie im Ruhestand oder besser gesagt im "Unruhestand". Denn sie arbeitet ehrenamtlich weiter und reist regelmäßig nach Afrika, Südamerika und den Nahen Osten.

"Das Leben der traumatisierten Menschen, die nicht in eine sichere Umgebung flüchten konnten und somit in Deutschland weniger bemerkt wurden, hat mich immer beschäftigt", so Marlene Pfaffenzeller. Einige Geschichten der Opfer hat die Ärztin in ihrem Buch "Todesangst und Überleben nach extremer Gewalt" zusammengefasst. Es sind Eindrücke aus Ruanda, Kolumbien und der Ost-Türkei. Jeder einzelne Mensch aus ihrem Buch hat dort Dinge gesehen, die seine Seele nicht vergessen kann.

20 Jahre reichen nicht

Pfaffenzeller gibt den Opfern eine Stimme. Mehr als 20 Jahre sind seit dem Völkermord in Ruanda vergangen, bei dem 800.000 Menschen starben. Auch Dusabunuremy Potraís hat seine persönliche Geschichte des Grauens durchlebt und niemals vergessen. "Ich bin das jüngste Kind in der Familie und habe als einziger den Völkermord überlebt. Mein Vater und meine Geschwister wurden getötet. Ich habe die Ermordung von Menschen mit meinen eigenen Augen gesehen und habe viele Tote im Fluss schwimmen sehen."  

Gerade in Ruanda traf die Ärztin viele Menschen, die durch die Hölle gegangen sind. Doch sie wurden mit diesem Schicksal alleine gelassen: "Das Töten von Menschen war zum Alltag geworden und hat die Überlebenden bis heute geprägt. Die meisten Menschen, die ich gesprochen habe, hatten keine Möglichkeit, das Erlebte therapeutisch aufzuarbeiten". Die Opfer von Gewalt gehen ganz unterschiedlich mit ihren Erlebnissen um, wenn sie Marlene Pfaffenzeller gegenübersitzen: "Es gibt Menschen, die Rückzug und Ruhe brauchen, die keine Worte für das Erlebte finden, andere haben das Bedürfnis immer wieder über das zu sprechen, was sie erlebt haben und beginnen damit den Prozess, das Trauma zu verarbeiten."

"Wünsche mir mehr psychologisches geschultes Personal"

Im Gegensatz zu den Menschen in Ruanda geht es Flüchtlingen in Deutschland etwas besser. Sie werden teilweise psychologisch betreut. Marlene Pfaffenzeller hofft aber auf eine Verbesserung: "Auf jeden Fall würde ich mir weniger Bürokratie und mehr psychologisch geschultes Personal bei den zuständigen Behörden wünschen." Ihrer Meinung nach fehlt es an Zeit, Geld und Helfern, um den traumatisierten Menschen annähernd gerecht zu werden.

Verbände wie die Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychologischen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer sind große Anlaufstellen. Es gibt in Deutschland zusätzlich auch viele kleine, private Initiativen wie Kinderbetreuung, Sprachunterricht und medizinische Hilfe. Mit der immer weiter steigenden Zahl an Flüchtlingen aus den Kriegsgebieten des Nahen Ostens, wird der Bedarf nach diesen Angeboten wohl noch weiter wachsen. Immerhin sind in diesem Jahr allein 10.000 Flüchtlinge aus Syrien nach Deutschland gekommen. Wie viele Menschen davon ein Trauma haben, ist nicht bekannt. Dass aber ein Teil von ihnen Hilfe brauchen wird, ist jetzt schon sicher.

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Quelle: n-tv.de

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