Politik
Marine Le Pen ist dem Élysée-Palast an diesem Wochenende einen Schritt näher gekommen - ohne etwas dafür zu tun.
Marine Le Pen ist dem Élysée-Palast an diesem Wochenende einen Schritt näher gekommen - ohne etwas dafür zu tun.(Foto: picture alliance / dpa)

"Madame Propre" gegen alle: Hamons Sieg erhöht Le Pens Chancen

Von Alexander Oetker

Mit Benoît Hamon geht ein linker Selbstdarsteller für die Sozialisten in die Präsidentschaftswahl in Frankreich. Freuen kann sich darüber der Front National: Denn das Feld der Mitbewerber um das höchste Staatsamt bleibt für Marine Le Pen schlagbar.

Benoît Hamon sieht sich als französischer Pablo Iglesias.
Benoît Hamon sieht sich als französischer Pablo Iglesias.(Foto: picture alliance / Francois Mori)

Der Gewinner des Sonntagabends ist eigentlich nur Nebensache: Benoît Hamon, ein jugendlich wirkender Bretone, lange Zeit im EU-Parlament, kurze Zeit Bildungsminister. Ein Linker, er sieht sich in seiner Selbstdarstellung in einer Reihe mit dem spanischen Podemos-Messias Pablo Iglesias und dem linken Griechen-Retter Alexis Tsipras. Seine Forderungen nach einem bedingungslosen Grundeinkommen und nach der Legalisierung von Cannabis klingen wie aus der Zeit gefallene linke Parolen, beileibe sind sie kein Wunderpaket für Frankreichs lahmende Wirtschaft. Wen haben die fast zwei Millionen Bürger also gewählt, als sozialistischen Präsidentschaftskandidaten?

Die Frage ist eher: Wen haben sie nicht gewählt?

Manuel Valls nämlich. Den Premierminister. Den ehemaligen Innenminister. Den ehemaligen Vertrauten von Präsident François Hollande, der sich in genau dem Moment von seinem Ziehvater absetzte, als er selbst Morgenluft schnupperte.

Valls, ebenfalls nicht der Älteste, nicht der Uncharmanteste, war lange Zeit der Aufsteiger in der ersten Regierung des Präsidenten, damals noch im Kabinett unter Premier Jean-Marc Ayrault, heute Außenminister. Einer, dem viel zugetraut wurde.

Fillon: Ex-Monsieur-Propre

Doch nun ist er der Nächste in der Reihe der etablierten Politiker, die auf der Strecke bleiben in diesem Wahlkampf. Die Franzosen wollen einfach keine verbrauchten Ex-Minister mehr, keine Zöglinge der Macht, die schon zu lange im Umfeld des Élysée-Palastes vor sich hin regiert haben. Keine Absolventen der Elite-Uni ENA, die die Macht seit Jahrzehnten unter sich ausklüngeln.

Bei der Vorwahl der Konservativen ging es ganz ähnlich aus. Dort strauchelten gleich zwei Favoriten: Bordeauxs Bürgermeister Alain Juppé und Ex-Präsident Nicolas Sarkozy. Den einen hielten die vier Millionen Vorwähler für zu alt und zu geprägt vom Establishment – und den anderen, Sarkozy nämlich – hatten sie schlicht satt.

Stattdessen wählten sie François Fillon. Auch er war nun wirklich kein Geheimtipp. Stattdessen war er jahrelang Premierminister unter Nicolas Sarkozy. Trotzdem wirkte er unverbraucht genug – und er wirkte wie ein Saubermann - Monsieur Propre, skandalfrei, frei von Eitelkeiten. Er versprach auch kein Wolkenkuckucksheim, sondern echte Reformen. Vielleicht schmerzhaft, aber dafür wirksam.

Fillon nach Penelope-Gate angeschlagen

Ein paar Wochen später ist eben dieser Fillon in Verruf. Eine Satirezeitung brachte ans Tageslicht, dass Fillon seine Ehefrau beschäftigt haben soll. Ermittlungen laufen. Zwar dürfen Frankreichs Politiker Verwandte beschäftigen, anders als in Deutschland. Es gibt allerdings Gerüchte, Penelope Fillon habe nur wenig gearbeitet, dafür aber reichlich kassiert.

Fillon ist seinen Ruf als Saubermann wohl los.
Fillon ist seinen Ruf als Saubermann wohl los.(Foto: imago/Metodi Popow)

So oder so: Es wird was hängen bleiben. Und das Image von Fillon ist zumindest angekratzt.

Eine wird sich die Hände reiben. Weil mit Fillon und Hamon zwei schlagbare Gegner im Ring stehen: Marine Le Pen. Sie hat den Front National professionalisiert, vermeidet jegliche verbale Ausfälle. Anders als Björn Höcke meidet sie Themen wie Holocaust und Nazi-Zeit wie der Teufel das Weihwasser.

Stattdessen spürt sie, dass die Präsidentschaftswahl diesmal genau zur richtigen Zeit kommt: der Brexit, die Flüchtlingskrise, Donald Trump. Und dazu reichlich hausgemachte französische Probleme: die hohe Arbeitslosigkeit, die niedrige Wirtschaftskraft, die unruhige Lage in den Vorstädten, die auch schon Terroristen hervorgebracht hat.

Macron könnte Le Pen noch stoppen

Sie setzt auf Abgrenzung: gegen Merkels Migrationspolitik, gegen Europa, für das französische Volk. All ihre Ziele hat sie wohl definiert zu Papier gebracht – ganz anders als der Pi-mal-Daumen-Politanfänger im Weißen Haus.

Und sie grenzt sich von den Pariser Eliten ab. Findet Gehör bei den Arbeitern. Bei den Alleinerziehenden, schließlich war sie selbst mal eine. Nach den Terroranschlägen gaben in einer Umfrage sieben von zehn Polizisten an, Le Pens Partei wählen zu wollen.

Einer indes könnte diesen Durchmarsch noch stoppen: Emmanuel Macron. Auch er war Minister unter Hollande, leitete das Wirtschaftsressort. Er ist jung, charmant und derzeit einer der beliebtesten Politiker Frankreichs. Er mied die Vorwahl der Sozialisten, will lieber als unabhängiger Kandidat antreten.

2016 hat gezeigt: Nichts in unmöglich

Er sammelt die Stimmen der linken Mitte, könnte aber auch bei den Konservativen Wähler finden, mit seinen liberalen Vorschlägen. Er könnte der schwerste Gegner für Le Pen werden, ein Mann, der in ganz Frankreich seine Anhänger findet – und der noch als Saubermann gilt. Das Problem: Auch er ist ENA-Absolvent, auch er gilt als Teil der Eliten.

Dass Le Pen die zweite Runde der Wahlen am 7. Mai erreicht, wird immer wahrscheinlicher. Bisher verschworen sich dann immer die Wähler der Konservativen und der Linken. Diesmal ist das aber nicht mehr ausgemacht. Auch das französische Wahlsystem schließt einen Erfolg der Populisten nicht aus. Nicht in dieser Lage.

Vor einem Jahr noch galt der Brexit als unwahrscheinlich, ein Präsident Trump als aberwitzige Vorstellung. 2016 hat uns eines Besseren belehrt. Marine Le Pen wird das im Hinterkopf haben, der Élysée-Palast jedenfalls ist keineswegs mehr unerreichbar.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen