Wirtschaft
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Montag, 27. März 2017

Totgesagte leben länger: So reagieren Kunden auf den VW-Skandal

Von Helmut Becker

Seit anderthalb Jahren steckt der VW-Konzern in der Dieselkrise: Strafzahlungen, Imageschaden, Jobabbau. Doch die nackten Verkaufszahlen zeichnen ein ganz anderes Bild.

Als im September 2015 Volkswagen-Chef Martin Winterkorn die Manipulation der Abgaswerte bei VW-Dieselmotoren nicht mehr länger leugnen konnte, da zuvor massive und belegte Vorwürfe der US-Umweltbehörde EPA veröffentlicht worden waren, weitete sich der Skandal zum bekannten "Diesel-Gate" aus. Strafzahlungen in schwindelerregender Milliardenhöhe an die Behörden und Autokäufer in den USA - und in anderen Ländern außerhalb Europas - machten in den Medien und Talkshows die Runde. Ja, viele sogenannte Automobilexperten läuteten dem VW-Konzern angesichts drohender Finanzbelastungen in unbekannter Höhe und eines unterstellten Imageschadens mit anschließender Kundenflucht bereits das Totenglöckchen. Welch wohliger Schauer für die Medien, täglich neue Horrormeldungen über die gebeutelten Wolfsburger zu verbreiten.

Helmut Becker schreibt als Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.
Helmut Becker schreibt als Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.

Alles kalter Kaffee! Inzwischen sind eineinhalb Jahre vergangen und der VW-Konzern existiert trotz ungeheurer Strafzahlungen und Prozesskosten in der Größenordnung von Minimum 25 Milliarden Euro immer noch. Beleg dafür, dass Finanzvorstand Pötsch und seien Vorgänger klammheimlich und steuerschonend riesige Vermögensbestände im und für den Konzern thesauriert haben müssen, auf die man nun zurückgreifen kann. Und trotz aller Strafzahlungen: Der Kurs der VW-Aktie ist in neuem Höhenflug begriffen!

Rein betriebswirtschaftlich gesehen kann die VW-Diesel-Akte also geschlossen werden. Allerdings noch nicht juristisch. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass mehrere Medien übereinstimmend berichten, die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittele gegen den ehemaligen VW-Chef Martin Winterkorn wegen des Anfangsverdachts des Betruges. Er soll schon vor September 2015 von der Manipulations-Software erfahren und auch deren Auswirkungen früher gekannt haben, als er öffentlich behauptet.

Außer gegen Winterkorn ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen 36 weitere Personen - wohl mit ein Grund dafür, warum VW-Ethik Vorstand Christine Hohmann-Dennhardt, zuständig für den Geschäftsbereich "Integrität und Recht", den Konzern vorzeitig verlassen hat. Aber auch eine Abfindung der Zahlung von 13 Millionen Euro für Dennhardt warf den VW Konzern nicht aus der Bahn. Dafür sorgten die VW-Kunden.

Trotz allem: Besser als die Konkurrenz

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Und jetzt wird es kurios:  Aller defätistischen Unkenrufen und Schmähgerede in der Öffentlichkeit zum Trotz haben die Automobilkäufer 2016 VW zum weltgrößten Hersteller von Automobilen gemacht. Damit hat Volkswagen vorzeitig und in der Krise das wahrgemacht, was Winterkorn 2015 als strategische Zielsetzung ausgegeben hatte: VW bis 2018 an die Spitze der Weltautomobilindustrie zu führen.

Der Volkswagen-Konzern hat damit erstmals Toyota überholt, der fünf Jahre zuvor General Motors als größten Autobauer der Welt vom Thron gestoßen hatte. Und zwar überholt nicht durch die Produktion von Autos, die auf Halde gestellt werden mussten, sondern durch Autos, die von Kunden echt gekauft wurden, weil sie offenbar – Dieselskandal hin, Dieselskandal her – besser waren als die Konkurrenzprodukte. Zu diesem Verkaufserfolg haben vor allem Dieselfahrzeuge beigetragen, auch in Europa und Deutschland, den weltgrößten und sensibelsten Dieselmärkten der Welt.

Mehr Wachstum als Toyota

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Der Führungswechsel mit Toyota hatte sich schon länger abgezeichnet. Die Japaner - inklusive des Kleinwagenspezialisten Daihatsu und des Nutzwagenherstellers Hino Motors - verkauften weltweit 10,17 Millionen Fahrzeuge, ein Plus von 0,2 Prozent zum Vorjahr.

Der VW-Konzern, zu dem 13 Marken gehören, steigerte dagegen den Absatz trotz Diesel-Gate um 3,8 Prozent auf 10,31 Millionen Fahrzeuge. "Affe tot, Klappe zu, Ziel erreicht!", könnte man Winterkorn also sagen.

Auf den zweiten Blick

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Wie konnte das geschehen, wo doch der Konzern laut Medien einen deutlichen Imageverlust aufgrund erlitten hat? Da ein solcher Vorgang alle 70 Jahre nur einmal vorkommt, scheint eine etwas nähere Betrachtung durchaus gerechtfertigt. Schauen wir auf die wesentlichen Märkte:

  1. In Deutschland konnte der VW-Konzern Absatzverluste in Summe vermeiden, weil Absatzrückgänge der Marke VW (-4,3 Prozent) durch Zuwächse bei den Konzerntöchtern Seat (+3,1Prozent), Skoda (+3,5 Prozent) und Audi (+7,6 Prozent) mehr als ausgeglichen wurden.
  2. In Europa verkauften die Marken des Volkswagen-Konzerns 4,2 Millionen Fahrzeuge (+4,0 Prozent). Auch hier musste die Marke VW Einbußen und Marktanteilsverluste hinnehmen, die aber konzernweit durch die Töchter weitgehend aufgefangen werden konnten.
  3. Auch in der Region Nordamerika blieb der Absatz des VW-Konzerns stabil (+0,8 Prozent). In den USA hielt sich der Zulassungsrückgang um 2,9 Prozent auf rund 660.000 Fahrzeuge in Grenzen; bei den Premium-Herstellern BMW und Daimler lagen die Verluste bei bis zu 9,0 Prozent. Auch Toyota musste in USA, seinem Hauptabsatzmarkt, Zulassungsrückgänge hinnehmen. Trotz Rückgang hat Volkswagen in 2016 in den USA mit einem Gesamtmarkt von etwa 17,5 Millionen Automobilen ebenso viel verkauft wie in Deutschland mit einem Gesamtmarktvolumen von 3,5 Millionen. Dies zeigt eines: Da ist für die Zukunft noch viel Luft!
  4. 2016 wurden in der Region Asien-Pazifik 4,3 Millionen Konzern-Neufahrzeuge (+9,7 Prozent) an Kunden übergeben. Davon entfielen 4,0 Millionen Fahrzeuge (+12,2 Prozent) an Kunden in China. Im Klartext heißt das, dass inzwischen 40 Prozent des VW-Absatzes am chinesischen Markt hängen.

Modelloffensive satt

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Und nun noch das: VW-Chef Müller kündigte Anfang des Jahres für 2017 fast 60 neue Fahrzeuge konzernweit an. Neben ganz neuen Konzepten sind darunter viele Kernmodelle der Marken - wie die neuen VW Polo und VW Touareg, der Skoda Yeti, der Seat Ibiza, der Porsche Cayenne sowie Audi A8 und Bentley Continental GT. Wobei immer wieder darauf hingewiesen werden muss, dass "neu" nicht automatisch gleich "mehr" bedeutet.

Daneben will VW seine E-Mobilitätsoffensive weiterführen und 2017/18 mehr als zehn neue Modelle mit elektrifiziertem Antrieb auf den Markt bringen. Bis 2025 sollen es 60 sein.

Schließlich betonte Müller das, was alle anderen Wettbewerber auch unermüdlich bei jeder Gelegenheit herausstellen: Dass der Konzern seien Anstrengungen bei den großen Zukunftstechnologien, der Elektromobilität, autonomen Fahrzeugen, der Digitalisierung seiner Produkte und des Unternehmens verstärken will - ohne dabei das heutige Kerngeschäft zu vernachlässigen, versteht sich.

Das Wesentlich bleibt also der Bau zuverlässiger, gediegener, werthaltiger und effizienter Diesel- und Benzin-Autos für die gegenwärtige und die nächste Generation von Kunden. Denn mit denen wird das Geld verdient. Dass der Imageschaden durch Diesel-Gate nur herbeigeredet worden ist, hilft dabei.

Quelle: n-tv.de

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