Auto

Smart Mobility Summit Die Zukunfts-Macher in Tel Aviv

_RFL3726a.JPG

Der 17 Kilogramm schwere Evoway ist nur eine von vielen Ideen die auf der Smart Mobility Summit Tel Aviv vorgestellt werden.

(Foto: Skoda)

Wer die Smart Mobility Summit in Tel Aviv besucht, ist überrascht, was sich schlaue Köpfe so alles ausdenken: E-Bikes zum Nachrüsten, EKG-Messung während der Fahrt oder selbstheilende Auto-Software. Ein kleiner Rundgang über die Start-up-Messe in Israel.

Arie Bergman steht stolz neben dem Fahrrad, das eher an Omas alten Drahtesel als an ein E-Bike erinnert. Der Israeli in den 50ern erklärt seine Erfindung: Ein kleiner Kasten, nicht größer als ein Kofferradio, mit dem man jedes herkömmliche Rad elektrifizieren kann. In der zwei Kilogramm schweren Antriebseinheit stecken Motor und Batterie für rund 25 Kilometer Reichweite, am Fahrrad werden ein stabiler Gepäckträger und der Antriebsriemen befestigt. Das kann man zur Not selber machen, die Installation ist im Preis von rund 650 Euro aber auch enthalten. Soviel soll die Nachrüstlösung kosten, wenn sie denn irgendwann in Serie geht. Dafür brauchen Arie Bergman und seine beiden Partner aber noch einen finanzkräftigen Investor. Den hoffen sie auf dem Smart Mobility Summit in Tel Aviv zu finden.

_RFL3628a.JPG

Per Nachrüstsatz von Ari Bergman könnte jeder Drahtesel zum E-Bike werden.

(Foto: Skoda)

Zum siebten Mal bereits veranstaltet die Start-up-Nation Israel das Meet-and-Greet, bei dem sich innovative Vordenker, Industrie und Stadtplaner treffen, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen, die unsere Mobilität in Zukunft effizienter, grüner, komfortabler oder sicherer machen sollen. Während im Plenarsaal auf der Bühne heiß diskutiert wird, präsentieren sich im Foyer junge Unternehmen, die ihre neuesten Produkte und Entwicklungen vorstellen, und auf einer Freifläche gehen Tüftler wie Arie Bergman mit Prototypen auf die Suche nach Sponsoren.

E-Scooter und neue Bremslichter

So wie auch Naveh Spector: Der Ex-Soldat hat zusammen mit seinem Vater eine neue Form des E-Scooters entwickelt, mit einem Radnabenmotor hinten und zwei Lenkstangen, auf dem man parallel zur Fahrtrichtung steht. Der 17 Kilogramm schwere Evoway soll stabiler fahren als die klassischen Tretroller und die Fahrt soll schonender für Knie und Rücken sein. Der avisierte Preis von 1800 Dollar ist allerdings ziemlich happig und die Serienfertigung steht ohne Investoren auch hier noch in den Sternen.

Auch Michael Elgrably tut sich schwer, einen Investor zu finden: Er hat ein neues Bremslicht-System fürs Auto entwickelt, das nicht nur anzeigt, wenn der Wagen verzögert, sondern mit einem gelben und grünen Licht auch das Rollen beziehungsweise Gasgeben signalisiert – und dabei sogar anzeigt mit welcher Intensität der Vorgang ausgeführt wird. Hinterherfahrende sollen so deutlich mehr Reaktionszeit bekommen und Unfälle vermieden werden. Allein, die Industrie konnte Elgrably damit noch nicht überzeugen, denn die hat mit Radar und Sensor längst eine technische Lösung am Start, die die optischen Zeichen obsolet macht.

Die Revolution des E-Motors

IMG_1656.JPG

Grauer hat einen neuen E-Motor entwickelt, der deutlich kompakter ist und 15 Prozent weniger Strom verbrauchen soll.

(Foto: Michael Gebhardt)

Deutlich weiter sind die zahlreichen Start-ups, die sich an mehreren Dutzend Ausstellungsständen vor dem Plenarsaal präsentieren. Sie haben den ersten Schritt geschafft und versuchen jetzt, ihre Produkte im großen Stil unters Volk zu bringen. Das Angebot ist groß, die Innovationen stammen aus den Bereichen Elektromobilität, autonomes Fahren, Sicherheit, Infotainment und mehr. Amit Grauer zum Beispiel hat nach eigenen Angaben den E-Motor revolutioniert: Mit seiner Firma IRP entwickelte er den Elektroantrieb komplett selbst, sowohl Hard- als auch Software. Allein dadurch, dass sein Team jedes Teil in- und auswendig kennt und optimieren kann, lässt sich gegenüber E-Antrieben die aus Teilen von Zulieferern zusammengebaut werden, die Effizienz deutlich steigern. 15 Prozent weniger Verbrauch und deutlich kompaktere Bauweise verspricht Grauer für den gerade in der Entwicklung befindlichen 150-kW-Motor; bereits fertig ist ein 1-kW-Antrieb für E-Scooter, der kaum größer ist als ein Schlüsselanhänger.

Auf einem ganz anderen Gebiet forscht die Firma Auroralabs: Die Programmierer dort haben eine selbstreparierende Software für Autos entwickelt. Normalerweise läuft das Betriebssystem eines Fahrzeuges solange unbeobachtet, bis ein Fehler auftritt – der dann häufig erst mit dem nächsten Update behoben werden kann. Die Software von Auroralabs dagegen überwacht sich andauern selbst und analysiert Prozesse, um so eventuelle Ausfällen vorbeugen zu können. Läuft etwas aus dem Ruder, wird sofort der letzte, funktionierende Software-Stand wieder aufgespielt. So kann der Fahrer sein Auto ohne Probleme nutzen. Ist der Fehler behoben, wird der Wagen per Over-the-air-Update wieder auf den neuesten Stand gebracht.

Das Auto als Arzt

IMG_4013.jpeg

Dieses "Ding" sieht unspektakulär aus, soll aber im Auto die Vitalfunktionen des Fahrers untersuchen können.

(Foto: Michael Gebhardt)

Auf welchem Stand die Vitalfunktionen der Autoinsassen sind, untersucht Isaac Litman von Neteera. Die Krux dabei: Den Herzschlag ohne direkten Körperkontakt zu messen ist schwierig. Er und seine Entwickler machen sich zu Nutze, dass der Puls minimalste Bewegungen der Haut verursacht, die Neteera mit Radarsensoren erfasst. Die sind so klein, dass sie überall – am Rückspiegel, auf dem Armaturenbrett oder sogar an der Mittelarmlehne – montiert werden könnten und so gut, dass sie durch die Klamotten hindurch messen. Zudem kann die Software dahinter auch sonstige Bewegungen oder Schweiß auf der Haut aus den Werten heraus rechnen. Gerade im Gesundheits-Bereich gilt es, einen Fehlalarm auszuschließen. Schließlich will niemand aus Versehen ein Vorhofflimmern diagnostiziert bekommen.

Wie und wann der Fahrer gewarnt wird, ist ohnehin nicht Litmans Sache. An diesem Punkt kommen die Autobauer ins Spiel, die sich überlegen müssen, was sie mit der neugewonnenen Datenflut anfangen. Denkbar ist in diesem Fall, neben einem Warnhinweis im Infotainmentsystem auch, dass das Auto von selbst zum Stehen kommt, den Notarzt ruft und die Position durchgibt. Genau um diese Zusammenarbeit voran zu treiben, hat unter anderem Skoda vor einiger Zeit ein DigiLab in Tel Aviv eröffnet. Zusammen mit den Startups und den Kollegen in Prag arbeiten die Experten hier daran, Zukunftsvisionen ins Auto und auf die Straße zu bringen. Und eins wird auf dem Smart Mobility Summit klar: Arbeit und Ideen gehen den Entwicklern so schnell nicht aus.

Quelle: ntv.de, Michale Gebhardt, sp-x