1000 Kilometer und ein GrinsenOpel Kadett D als Einsteiger-Oldie und Astra Diesel sind ein schönes Paar
Von Patrick Broich, Rüsselsheim
Nach fast 50 Jahren trifft der erstmals frontangetriebene Opel Kadett D auf den gerade frisch überarbeiteten Astra L. Und den gibt es noch immer als Diesel. Wie hat sich die Kompaktklasse im Laufe der Jahrzehnte verändert? ntv.de hat beide gefahren.
Opel hat mal wieder so einen Traumtermin angesetzt, bei dem man nicht nur neueste Produkte testen darf, sondern kräftig in der Vergangenheit wühlen. Gleich eine ganze Flotte historischer Fahrzeuge parkt vor den Toren des alten Designcenters im heimischen Rüsselsheim. Aber nicht nur gucken, nee, auch fahren. Genug Gelegenheit, um gleich mal einem im Grunde modernen Vorläufer des Astra auf den Zahn zu fühlen: dem Kadett D. Er ist jung genug, um noch von einer kritischen Masse an Lesern gekannt zu werden, denn die letzten Alltagsexemplare dürften sich locker bis in die frühen 2000er-Jahre gehalten haben.
Auf der anderen Seite wollte Opel noch einmal darauf aufmerksam machen, dass der gerade modellgepflegte Astra ja auch noch als Diesel zu haben ist. Das ist eine gute Nachricht für Interessenten, die sich (noch) nicht großartig mit Ladegeschehen beschäftigen möchten. Zapfsäule ansteuern, Rüssel rein, fünf Minuten Kraftstoffpumpe auf Hochtouren und wieder tausend Kilometer rollen, wenn es gut läuft. Doch dazu später mehr.
Während das eine Auto technisch schon an Perfektion grenzt, zieht dir der andere fahrbare Untersatz die Mundwinkel wirkungsvoller nach oben. Doch warum eigentlich? Weil da gerade ein in typischem Hennarot (oder ist es doch Mandarinrot?) lackierter Kadett D Caravan steht. Früher ein vertrauter Anblick im Straßenbild, heute ein längst vergessener, aber sofort wiedererkannter Kumpel. Los, einsteigen! Fahren!
Aber vorher mit ein paar technischen Fakten im Hinterkopf. Der Kadett D war Opels erster Kompakter mit Vorderradantrieb - im Jahr 1979 bei seinem Debüt längst überfällig, ist der Wettbewerb doch meist ein halbes Jahrzehnt früher dran mit dem Wechsel von Hinterradantrieb auf vorn angetriebene Räder. Und in den ersten Wintern der frühen 1980er-Jahre dürfte dieser untere Mittelklässler eine Wohltat gewesen sein. Keine ungewollten Dreher auf glattem Untergrund bei einem beherzten Gasstoß und generell agiler plus leichter beherrschbar als ein damals langsam angestaubter Kadett C. Und immer noch in Bochum gebaut, wo bis 2014 der Zafira vom Band lief. Das waren noch Zeiten, als manche Dinge in der Autoindustrie besser liefen.
Die Länge des alten Kadett entspricht Kleinwagen-Maß
Und nun? Ist der 4,21 Meter lange Kadett Kombi ein guter Spiegel dafür, wie sich nicht nur die Zeiten, sondern auch die Autos mit ihr verändert haben in einer eigentlich überschaubaren Anzahl an Jahren. Viele Leser werden selbst noch als Lehrlinge mit ihm zur Arbeit oder als Studenten zur Uni gejuckelt sein. Vielleicht sogar mit der hier und heute zur Verfügung stehenden Version 1.3 samt schnuckeligen 60 PS. Klingt ziemlich lame, fühlt sich aber in einem 900-kg-Auto quirliger an, als die Fahrdaten vermuten lassen (16,5 Sekunden bis 100 km/h und knapp 150 Sachen Spitzentempo). Natürlich auch, weil der als später 84er antretende Oldie im Vergleich zu heute deutlich fragiler anmutet. Dünneres Blech, weniger Dämmung und überhaupt das zierliche Fahrwerk mit seinen Dreiecksquerlenkern vorn und Verbundlenkerachse hinten erfordern schon mehr Aufmerksamkeit in allen Belangen. Klar, 175er-Asphalttrennscheiben alias Reifen mussten reichen damals, können aber in schnell gefahrenen Kurven auch mal früh heulen. Aber als Klassiker für Einsteiger taugt der Opel sehr wohl, den man als Brot- und Buttervariante schon in gutem Zustand für deutlich unter 10.000 Euro bekommt. So fährt er sich trotz fehlender Servolenkung leichtgängig, und das Vierganggetriebe schaltet geschmeidig, wenngleich es kein Ausbund an Präzision ist.
Und der moderne Astra? Kommt jetzt vor allem schicker daher mit dem beleuchteten "Kompass" im Kühlergrill. Bietet als sogenannter Sports Tourer (warum eigentlich nicht mehr Caravan?) ein mehr als wettbewerbsfähiges Gepäckraumvolumen von 1634 Litern, sofern man die Rücksitzlehnen umklappt. Und das Fahren? Der souveräne Selbstzünder bleibt mit 130 PS eher bodenständig für heutige Maßstäbe, liefert mit seinen 300 Newtonmetern an Drehmoment jedoch eine hinreichende Portion an Souveränität. Bodenständigkeit spiegelt sich übrigens auch im Beschleunigungswert wider. So werden 100 km/h nach 10,6 Sekunden erreicht immerhin bei einer sanft schaltenden Achtgang-Wandlerautomatik.
Akustisch bleibt der 1,5 Liter große Vierzylinder zurückhaltend. Nur schwer lässt sich seine Verbrennungsweise identifizieren, selbst bei hoher Drehzahl bleibt er füsterleise. Und die braucht ein Diesel im Alltag sowieso nicht. Mit etwas Anlauf schafft der Rüsselsheimer (auch weiterhin dort gebaut) aber deutlich über 200 Sachen. Damit geht er als zügiger Autobahn-Tourer durch. Einer, der außerdem guten Federungskomfort bietet auf feinen AGR-zertifizierten Sesseln. Dabei handelt es sich um den "Aktion Gesunder Rücken e.V.", der Sitze nach ergonomischen Eigenschaften bewertet. Langstreckentauglich sind diese Fauteuils in jedem Fall. Und auch das Platzangebot des mit 4,64 Längenmetern der Kompaktklasse eigentlich schon entwachsenen Fronttrieblers kann sich sehen lassen.
Ab 36.540 Euro bietet der mit fünf Litern WLTP-Verbrauch sparsame Diesel-Kombi viel Auto fürs Geld, zumal man ihn getrost in der Basisausstattung "Edition" kaufen kann. Denn die beschert dem Kunden schon wichtige Features wie Parkpiepser oder Tempomat. Heute selbstverständliche Infotainment-Zutaten à la Smartphone-Integration plus weitläufige Touchscreenflächen spendiert das Werk freilich ebenfalls. Doch das schönste Extra dürften tausend Kilometer Reichweite und der feine Fahrkomfort des modernen Astra sein. Den Kadett D als Einstiegsklassiker könnte man sich angesichts des erschwinglichen Kurses eigentlich on top gönnen. Eine Überlegung wäre es definitiv wert.