Lautloses Ungetüm Range Rover Electric erklimmt die Spitze mit Monster-Drehmoment
Von Patrick Broich, Coventry
Nach Ankündigungen und noch mehr Ankündigungen steht der elektrisch angetriebene Range Rover in den Startlöchern. Diesmal wirklich. Jedoch hat das Werk erste Fahrten zunächst mit Entwicklungsautos absolvieren lassen. ntv.de hat eine Runde gedreht.
Land Rover kündigt ja schon lange einen rein elektrisch angetriebenen Range Rover an, sehr lange sogar. Und immer wieder feilen die Ingenieure an dem Projekt herum und heraus kam bisher - nichts. Aber das Tröstliche daran ist: Es ist einfach egal. Egal, weil die betuchten Kunden die Wartezeit versüßt bekommen mit unzähligen Range-Rover-Modellen. Angetrieben durch seidige Benziner bis hin zum begehrten Achtzylinder. Durch bärige Diesel oder eben spannende Plug-in-Hybride für Menschen, die ihren Sonnenstrom vom eigenen Dach besser verwerten möchten.
Ob das Range-Rover-EV nun ein oder anderthalb Jahre früher oder später kommt - nicht kriegsentscheidend. So viel zur Kundenperspektive. Doch für den Konzern ist das Produkt schon wichtig. CO2-Reduktion, Image und nicht zuletzt Geländekompetenz lassen den Stromer spannend erscheinen.
Doch nun soll er wirklich kommen, der Konfigurator ist scharfgestellt. Allein, ausgiebige Testfahrten werden weiterhin vertagt. Immerhin demonstriert der Hersteller inzwischen das fertig entwickelte Fahrzeug, wenngleich es sich bei den Testwagen noch um Prototypen handelt.
Warum hat es überhaupt so lange gedauert, bis das Auto bestellbar wurde? Darüber lässt sich lediglich spekulieren. Eine Erklärung könnte sein, dass der elektrische Range Rover wirklich perfekt werden sollte, denn der Wettbewerb hat gut vorgelegt. Und die Messlatte liegt hoch angesichts zahlreicher Konsorten aus deutschen Ingenieur-Häusern. BMW X5, Mercedes G-Klasse und Porsche Cayenne lassen grüßen. Sie alle sind zwar keine direkten Wettbewerber, aber doch Alternativen.
Also aufsitzen und das Antriebssystem des Range starten. Die Interieur-Umgebung ist schon mal nobel wie eh und je mit üppigsten Fauteuils, viel Holz und Leder plus ohne Ende Platz. Nur dass hintergründig kein Verbrenner surrt, sondern einfach nichts ertönt.
Rund drei Tonnen Masse gondeln durch die Gegend
Wie von einer unsichtbaren Macht gezogen, setzt sich das tonnenschwere Ungetüm (genauere Zahlen folgen noch) in Bewegung. Und das ziemlich zügig, obwohl die Leistungswerte gar nicht mal so abgehoben ausfallen, wie man womöglich vermutet hätte. Es gibt eine schwächere Variante mit 450 und eine stärkere - die hier gefahrene - mit 550 PS. Das entspricht exakt dem Output des achtzylindrigen SV. Bloß, dass dieser 100 Newtonmeter weniger Drehmoment liefert, der EV kommt nämlich auf 850. Damit ist er bestens gewappnet, um die Spitze steiler Hänge zu erklimmen, selbst wenn dieser Weg noch mit Felsen gesäumt sein sollte. Und so lotst mich der Instruktor nämlich auf exakt solch einen Pfad, um zu zeigen, was dieser Range unter Schwerstbedingungen kann.
Nämlich in erster Linie seine Kraft ziemlich präzise dosieren. Wobei dieser Range bloß zwei unabhängige und nicht vier Permanentmagnet-Synchronmaschinen unter dem Blechkleid trägt. Das heißt, die Momente zwischen den Rädern einer Achse müssen noch nach alter Manier mechanisch verteilt werden. Dennoch spricht der Hersteller davon, dass Schlupf an der Hinterachse bis zu 100 Mal schneller eliminiert werden könne als bei den Verbrennervarianten.
Den unwegsamen Testtrack schafft das elektrisch angetriebene Vehikel jedenfalls mühelos, aber das war ja auch nicht anders zu erwarten. Bis zu 100 Prozent Steigung kann es außerdem kraxeln - wie auch die Mercedes-G-Klasse. Und selbst auf dem kurzen Asphaltstück war zu spüren, dass der komfortable Offroader machtvoll loslegt. Binnen 4,5 Sekunden sollen 100 Sachen erreicht werden.
Schnelligkeit unterstellt der Hersteller dem Range Rover EV auch beim Akkuladen. Sein 118 kWh netto fassende Stromspeicher soll innerhalb von 22 Minuten wieder 80 Prozent State of Charge erreichen, sofern man ihn nicht unter 10 Prozent Ladestand fallen lässt. Das 800-Volt-System macht es möglich. Die Reichweite beträgt rund 600 Kilometer.
Und wer soll den lautlosen Range Rover überhaupt kaufen? Es gebe jedenfalls schon eine lange Liste an Interessenten, verrät Markendirektor Martin Limpert. Selbst in den USA sei das Interesse rege. Hierzulande führt die 0,5-Prozent-Besteuerung im Dienstwagenkontext zu einer gewissen finanziellen Attraktivität. Zudem könnten andere Kundenschichten angelockt werden. Ab 163.500 Euro ist das im englischen Solihull produzierte EV übrigens zu haben. Ein echter Range Rover eben. Optisch unterscheidet sich die Strom-Ausgabe einzig und allein durch den geschlossenen Grill. Der Range soll schließlich auch dort eine gute Figur machen, wo Elektroautos nicht so en vogue sind.
In einer Disziplin bleibt die Elektroausführung dann aber doch hinter den Erwartungen zurück: Mehr als zweieinhalb Tonnen Anhängelast werden wohl nicht drin sein - auch mit Blick auf das Gewicht des ganzen Gespanns. Gewicht ist beim Elektroauto eben nach wie vor ein Faktor, der sich nicht einfach wegzaubern lässt. Jetzt bleibt abzuwarten, wie die Kunden den ersten elektrischen Range Rover annehmen.