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Italo-Western mit Großraum-Kino Voyager mutiert zum Lancia

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Die einstige italienische Nobelmarke Lancia strebt nach neuer Größe.

Modern geht anders, aber da die Marke Lancia seit seligen Phedra-Zeiten keine eigene Großraum-Limousine mehr im Programm hat, wird ein etwas betagter, gleichwohl beliebter US-amerikanischer Freund reanimiert: Der Chrysler Voyager. Er verspricht 5,22 Meter lange ungetrübte Reiselust.

Über das segensreiche Wirken US-amerikanischer Konzerne zur Weiterentwicklung des Automobils kann man ja geteilter Meinung sein, eines muss man ihnen aber zugutehalten: Die Erfindung des Mini-Vans hat die Vereinbarkeit von Alltags- und Urlaubsfahrten erheblich vorangebracht. Kein Wunder also, dass sich Lancia nicht von dem seit 27 Jahren bewährten Namen "Voyager" trennen mochte, als die südeuropäische Traditionsmarke den US-Siebensitzer als Italo-Western neu erfand.

Und auch wenn Lancia beteuert, das Fahrzeug an Haupt und Gliedern gründlich renoviert zu haben, so bleibt der Voyager doch ein ur-amerikanischer Wagen. Das erkennt man an der Wahl der Motoren, die beide ein wenig zu bewährt, ein Quäntchen zu groß und eine Idee zu durstig sind. Da wäre zum Beispiel der 2,8 Liter große 4-Zylinder-Diesel. Er gibt 163 PS ab. Das ist genauso viel, wie beispielsweise VW aus 0,8 Litern Hubraum weniger holt. Der damit angetriebene Sharan ist nur geringfügig leichter als der Voyager.

Platz für Passagiere und Pakete

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Knapp 5,20 Meter lang und zwei Meter breit: Der Wagen hat amerikanische Maße.

Seit Sommer dieses Jahres hält Fiat mehr als 50 Prozent der Anteile an der Firma Chrysler, zu der auch die Marke Jeep gehört. Konzern-Boss Sergio Marchionne und seine Mannen haben in der Chrysler-Zentrale in Auburn/Michigan einiges gefunden, was ihr Interesse weckt. Dazu gehört nicht nur der ehemalige Dodge Journey, der inzwischen als Fiat Freemont fröhliche Urständ feierte, sondern auch der Ur-Vater aller Mini-Vans, Chrysler Voyager. Seit man die Sitze zum Transport sperriger Güter nicht mehr kräftezehrend ausbauen muss, sondern einfach in den Wagenboden wegklappen kann, gehört der Voyager zu den vielseitigsten Zweckmobilen auf dem Automarkt. Mit wenigen Handgriffen ist das Auto vom siebensitzigen Familien-Van in einen zweisitzigen Transporter zu verwandeln.

Der Name ist dabei Programm. Urlaubsfahrten mit Familie und Sportausrüstung sind kein Problem, denn Platz ist genug. Von der Heckklappe bis zur Rückenlehne der Vordersitze tut sich eine Ladefläche auf, dass man meint, dort wäre sogar ein Surfbrett unterzubringen. Wenn schon nicht ein Surfbrett, so vielleicht eine Liegefläche? Ganze 2,14 Meter ist die Fläche lang, die Ladekante nur 63 cm hoch. Was nicht unters Dach passt, wird obendrauf geschnallt. Der Voyager bietet seinen Reisenden etwas, worauf auch andere nutzwertorientierte Hersteller längst hätten kommen können: Zum Befestigungssystem für den On-Top-Transport gehört nicht nur eine Dachreling, sondern auch die nötigen Querstreben, so dass im Zweifelsfalle ein einfacher Spanngurt ausreicht, um sperriges Gut zu fixieren. Die zulässige Dachlast beträgt 68 Kilogramm.

Insgesamt ist der Voyager mit maximal 576 Kilogramm beladbar, bis die Waage ein zulässiges Gesamtgewicht von 2315 Kilogramm anzeigt. Im Verhältnis zu fast vier Kubikmetern Laderaum ist diese Transportkapazität allerdings nicht berauschend, aber für sieben Norm-Passagiere mit rechnerischen 525 Kilo und ein wenig Gepäck ausreichend. Um diese Masse akzeptabel in Gang zu bringen, sind kräftige Motoren nötig und in dieser Kategorie ist der Voyager leider nicht da, wo man eine automobile Neuerscheinung gerne sehen würde. Außer dem 2,8-Liter-Vierzylinder-Diesel gibt es noch einen sechszylindrigen Benziner, der mit 282 PS antritt.

Frei von sportlichen Ambitionen

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Der Lancia ist eine Alternative zum VW Sharan.

Da so ein Voyager frei ist von sportlichen Ambitionen, ist die gesamte Inneneinrichtung auf Komfort- und Wohlfühlfaktoren ausgelegt. Die Sessel sind hoch montiert, das schafft Überblick, der Zugang für die Passagiere der Reihen zwei und drei wird durch elektrisch betätigte Türen gewährleistet. Das kann in engen Parklücken, von denen es in Europa mehr gibt als in Amerika, sehr vorteilhaft sein.

Da die Kunden in Deutschland voraussichtlich überwiegend zum Diesel greifen werden, wurde diese Testfahrt mit dem Selbstzünder unternommen. Die Kraftübertragung erfolgt mittels Sechsgang-Automatik. Der Wählhebel liegt unüblich platziert zwischen Hauptinstrumenten und Navi-Monitor am Armaturenbrett. Das stört nicht weiter, denn man braucht ihn ja nicht so häufig wie etwa den Hebel einer Handschaltung.

Ist der Diesel-Voyager erst einmal in Fahrt, benimmt er sich souverän und gutwillig, stört die bordinterne Kommunikation nicht durch Arbeitslärm und schnurrt gemütlich vor sich hin. Gefördert wird dies durch die lange Übersetzung des höchsten Ganges, so dass bei Tempo 180 km/h kaum mehr als 3000 Touren an der Kurbelwelle anliegen. 185 km/h gibt Lancia als Höchstgeschwindigkeit an. Wenn der Fahrer sich aber zu einem spontanen Überholmanöver entschließt und durch kräftigen Druck aufs Gaspedal die Automatik veranlasst, zur Maximierung des Drehmoments eine Stufe herunter zu schalten, ist es mit der Zurückhaltung vorbei. Dann jault der Motor auf wie ein getretener Kater und die Souveränität ist dahin. Vielmehr veranschaulicht das Klangbild einen energischen Widerstand des Aggregats gegen höhere Drehzahlen.

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Der siebensitzige Familientransporter kann seine Abstammung nicht verheimlichen.

Um den Prospektwert von 7,9 Litern Durchschnittsverbrauch als gewagte Behauptung zu entlarven, braucht man mit dem Diesel-Voyager nur ein paar Dutzend gemütliche und anstrengungslose Autobahnkilometer zu absolvieren. Dann dürfte, so wie bei dieser Testfahrt, der Bordcomputer um 9,3 Liter anzeigen – mit zwei Insassen und ohne Gepäck. Die Sechsgang-Automatik fiel bei diesem Test nicht unangenehm auf, sie reagiert amerikanisch-lässig und ist bis auf die eine oder andere Denkpause nach der Gaszufuhr eine sanfte Verwalterin des mit maximal 360 Newtonmetern durchschnittlichen Drehmoments. Der Verbrauch des Benziners ist mit 10,8 Litern im Schnitt angegeben.

Schirmfach und Taschenlampe

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Das Ambiente des Innenraums ist behaglich.

Da die Konkurrenz über modernere Antriebstechnik verfügt, versucht der Voyager durch Komfort und reichhaltige Ausstattung zu punkten. Innen herrscht ein wohnliches Ambiente und es mangelt nicht an Chrom, Holz, Leder und Kontrastnähten. Stets sehr geschätzt sind die serienmäßig elektrisch beweglichen seitlichen Schiebetüren sowie die Heckklappe, deren elektrischer Antrieb sich auch mittels Fernbedienung steuern lässt. Ferner gehören zur Serienausstattung die 17-Zoll-Leichtmetallräder, die abgedunkelte Verglasung (Schiebetüren, hintere Seitenscheiben und Heckscheibe), elektrische Fensterheber in den Schiebetüren, Sonnenrollos für die Seitenfenster der zweiten und dritten Sitzreihe, elektrisch verstellbare Vordersitze (Fahrerseite mit elektrischer Lendenwirbelstütze) und Lederausstattung..

Beheizbare Sitze gibt es in der ersten und zweiten Reihe, eine durchgehende Dachkonsole mit indirekter Innenraumbeleuchtung, Dreizonen-Klimaautomatik, beheizbares Multifunktions-Lederlenkrad, elektrisch einstellbare Pedalerie, eine herausnehmbare Akku-Taschenlampe im Kofferraum sowie ein Verstaufach für Schirme. Wem das nicht reicht, der kann den Voyager zum rollenden Multiplex-Kino machen und sich ein Entertainment-System an Bord holen, dass auf zwei im Dach versenkbaren Neun-Zoll-Monitoren unterschiedliche Programme für die zweite und die dritte Reihe anbieten kann.

Das kann sich sehen lassen, zumal auch in der Sicherheitsausstattung Akzente gesetzt werden: Die Kopfairbags reihen bis in die dritte Sitzreihe. Serienmäßig verfügt der neue Lancia Voyager über ESP, ABS und Antischlupfregelung (ASR) für die Antriebsräder. Sensoren überwachen ständig den Druck in den Reifen und melden einen eventuellen Druckabfall mittels der Anzeige im zentralen Display. Die Xenon-Hauptscheinwerfer mit Dämmerungssensor schalten sich automatisch ein, sobald die Umgebungshelligkeit einen bestimmten Wert unterschreitet. Totwinkelassistent und Querbewegungserkennung können dazu bestellt werden. Analog zur kürzlich vorgestellten Limousine Thema gilt auch beim Voyager die Ein-Preis-Strategie des Herstellers: Sowohl Diesel- als auch Benzin-Variante sind für 39.900 Euro zu haben.

Quelle: ntv.de

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