Unterhaltung

Und Gottschalk ermittelt in Jülich Das absurde "Tatort"-Theater der ARD

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Wäre doch auch noch eine Variante: Thomas Gottschalk und Harald Schmidt als Ermittler-Duo.

(Foto: imago stock&people)

Die ARD melkt ihre letzte Quoten-Kuh. Nun darf auch Harald Schmidt im "Tatort" mitwirken. Statt in neue Formate und Autorentalente zu investieren, fließen Spitzengagen an Darsteller. Dabei steht fest: Stars allein bringen's nicht.

"Wie geht's?", fragt "Tatort"-Kommissarin Anna Janneke ihren Kollegen Paul Brix. Der antwortet: "Sie leben, Jule lebt. Das zählt. Gut." Kein moralisch hochstehendes Gerede über Oh-wie-soll-ich-nun-weiterleben-Gewissensbisse und die Erwartung künftiger Sitzungen beim Psychologen, sondern ein ehrliches, glaubwürdiges Bekenntnis: Kollegin lebt, Geiselopfer lebt, und auch ich, der Kommissar, kann mit dem tödlichen Schuss in Notwehr auf eine durchgeknallte, überführte Mörderin leben. Der Zuschauer atmet auf ob dieser nachvollziehbaren Einstellung zum Leben und zum Tod, so grausam das Ende für die Getötete auch ist.

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Machen ihre Sache gut: Margarita Broich und Wolfram Koch als Ermittlerduo Anna Janneke und Paul Brix.

(Foto: HR/Degeto/Bettina Müller/dpa)

So endet der erste, sehr gelungene Frankfurter "Tatort" mit dem Schauspielerteam Margarita Broich und Wolfram Koch, die auf das Team um Miesepeter Frank Steier (Joachim Król) und seiner Partnerin Conny Mey (Nina Kunzendorf) folgten. Broich und Koch sind wunderbare Darsteller. Sie auf der Bühne zu sehen, ist ein Erlebnis ersten Ranges. Aber Stars, über die getuschelt wird, wenn sie am Nachbartisch im Café sitzen, waren sie nicht, als sie beim "Tatort" anheuerten. Und dennoch sind sie eine Bereicherung für die Krimi-Reihe mit ihren ewig grantelnden oder durchgeknallten Burnout-Bullen oder Witzfiguren der Marke Münster.

Etwas "radikal Neues"

Warum also setzt die ARD immer wieder auf Stars, Superstars und Altstars der deutschen Fernsehunterhaltung, die man bis zum Abwinken kennt und auf eine bestimmte Rolle (Action, Klamauk, Komödie) festgelegt sind? Nach Til Schweiger, Christian Ulmen und Nora Tschirner folgt nun Harald Schmidt. Der "Tatort" mit ihm spielt im Schwarzwald, Schmidt kündigt etwas "radikal Neues" an: Er mime einen "heterosexuellen katholischen Familienvater".

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Ab in den Schwarzwald, Herr Schmidt.

(Foto: dpa)

In der Tat: Das gab es noch nie, jedenfalls hat noch kein "Tatort"-Kommissar seinen Glauben zum Thema gemacht. Man kennt Schmidts feinsinnige, des Öfteren geniale Ironie. Aber brauchen wir die im "Tatort", wo es doch den Münsteraner und den (schlechten) Saarländer gibt? Die Absicht der Sendeanstalt ist klar und nachvollziehbar: junges Publikum anlocken und altes halten. Der "Tatort" ist nach wie vor ein Zuschauermagnet, er ist das letzte große TV-Event der ARD und der deutschen Fernsehnation nach dem Ende von "Wetten, dass..?". Selbst Wiederholungen in den dritten Programmen haben bessere Einschaltquoten als mancher "Event"-Film in Sat.1.

Der Fall Alina Levshin

Doch warum engagiert die ARD nicht völlig unbekannte Schauspieler oder setzt - wie im Frankfurter und im neuen Nürnberger "Tatort" - auf starke Darsteller ohne Starstatus? Entscheidend sind ohnehin die Drehbücher. Die ARD sollte Gebührengelder weniger in hohe Gagen stecken als vielmehr in die Förderung talentierter Drehbuchautoren, soweit ihr das erlaubt ist. Oder sie sollte Millionen in neue Formate wie den "Tatortreiniger" investieren. Welchen Wunsch hatte doch gleich Bjarne Mädel? Mehr Geld, so dass "der NDR sagt: Was braucht ihr, wie können wir euch helfen, die Qualität zu halten?"

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Kam in Erfurt unter die Räder: Alina Levshin.

(Foto: picture alliance / dpa)

Dass ein Superstar wie Ulrich Tukur als Kommissar Felix Murot glänzt, liegt eben auch an den Superideen der Drehbuchautoren. Der fast schon tragische Fall von Alina Levshin, die als Erfurter "Tatort"-Kommissarin Johanna Grewel kläglich scheiterte, zeigt das Gegenteil. Wer "Kriegerin" gesehen hat, weiß, was für eine grandiose Schauspielerin Levshin ist. Aber die Drehbuchvorlagen für den Erfurter "Tatort" hätten selbst Nina Hoss oder Sandra Hüller blass aussehen lassen.

Das Grauen im Kuhkaff

Nur kein Risiko, lautet die Devise der ARD. Immerhin ist Schmidt "nur" der Chef des neuen Ermittlerduos um Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner. Die zwei Schauspieler sind weniger bekannt, auch wenn Löbau in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" mitgewirkt und in der gelungenen ZDF-Satire "Lerchenberg" eine Hauptrolle hat. Nun redet keiner über die beiden, weil Schmidt als leibhaftiges TV-Event die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Die eigentliche Gefahr aber besteht darin, dass der "Tatort", weil die ARD sonst nichts hat und so gut wie nichts wagt, zur aufgeblähten Melkkuh verkommt. Auch Kuhkäffer sind nicht länger davor gefeit, als Ort des Grauens auserkoren zu werden. Seit dem Erfolg von "Mord mit Aussicht" gilt das umso mehr.

Nehmen Sie Platz!

Wann startet Thomas Gottschalk an der Seite von Günther Jauch als Kommissar im "Tatort" von Jülich? Wann fasst Hannelore Elsner Mörder in Gotha? Man könnte glatt meinen, die ARD-Krimiserie ersetzt die Bank von "Wetten, dass..?". Nehmen Sie Platz, richten Sie es sich gemütlich ein. Überraschungen darf der Zuschauer nicht erwarten. Aber dafür absehbare Fernsehunterhaltung.

Wie formulierte es Tukur doch so schön in der Debatte um die schrullige Idee von Til Schweiger, die uralte Anfangsmusik durch eine neue zu ersetzen: "Der 'Tatort' ist eine Kirche mit einer großen, gläubigen Gemeinde. Am Wochenende ist Gottesdienst. Eine Kirche erneuert man spirituell und von innen heraus und nicht, indem man den Glockenturm abreißt." Wie gut also, dass die TV-Nation nun einen "heterosexuellen katholischen Familienvater" bekommt.

Quelle: ntv.de

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