Unterhaltung

Bye bye Bandsalat! "Europa" verabschiedet die MC

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Wer kennt dieses Logo nicht? Das Markenzeichen des Labels "Europa".

(Foto: Sony Music Entertainment)

Ganze Generationen wurden so geprägt: Kassette rein, zurückgespult und Play gedrückt. Und bitte, bitte bloß kein Bandsalat! Doch die MC hat ausgedient. Nun stellt auch "Europa" ab 2012 die Produktion weitgehend ein - das Hörspiel-Label, das mit Serien wie "Hui Buh", "Die drei Fragezeichen" oder "TKKG" seinerseits ebenfalls bei ganzen Generationen Kult-Charakter erlangt hat. n-tv.de sprach mit Arndt Seelig, Senior Marketing Manager bei Sony Music Family Entertainment, heutige Heimat des "Europa"-Labels, über den schleichenden Tod eines Mediums.

n-tv.de: Knapp 50 Jahre nach Erfindung der Compact- beziehungsweise Musik-Kassette (MC) stellt das Label Europa die Herstellung von Hörspiel-Kassetten weitgehend ein. Mal ehrlich: Blutet Ihnen da nicht das Herz?

Arndt Seelig: Es ist auf jeden Fall ein gemischtes Gefühl, weil der Siegeszug des Hörspiels natürlich ganz stark mit der MC zusammenhängt. Die MC hatte damals im Vergleich zur Vinyl-Schallplatte immense Vorteile: Kinder konnten damit besser und selbstständig umgehen. Sie konnten, anders als bei der Vinyl-Schallplatte, Geschichten an einer Stelle unterbrechen und an derselben später wieder einsetzen. Und natürlich war die MC nicht ganz so schnell zerstörbar wie die zerkratzbare Vinyl-Platte. Insofern sind unsere Serien wie "Die drei Fragezeichen", "TKKG" oder "Fünf Freunde", die 1979 entstanden, ganz eng mit der MC verbunden.

Genau genommen wurde die Kassette 1963 erfunden. Das Label "Europa" gibt es unter diesem Namen seit 1965. Wie sah denn damals Ihre Produktpalette aus?

Damals hatten wir unter anderem etliche Literaturklassiker als Hörspiel auf Vinyl und dann auch auf MC im Programm. So war zum Beispiel das erste Hörspiel, das wir herausgebracht haben, der "Struwwelpeter".

Nun, mit Beginn des Jahres 2012, stellt "Europa" die Kassetten-Herstellung mit Ausnahme der Reihe "Die drei Fragezeichen" ein. Was hat Sie zu diesem Entschluss bewogen?

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Hat beim Abschied von der MC gemischte Gefühle: Arndt Seelig.

(Foto: Arndt Seelig)

Es ist so: Der Handel versucht heutzutage, seine Warenplätze immer mehr zu optimieren. Er ist dementsprechend nicht mehr bereit, ein Produkt in zwei Konfigurationen, also auf CD und MC, anzubieten. Zudem muss man aber auch sagen, dass die Nachfrage des Endverbrauchers immer geringer geworden ist. Er konzentriert sich vermehrt auf die CD. Man muss gerade im Kinderbereich bedenken: Es sind die Eltern, die bestimmen, was die Kinder zur Verfügung haben. Heute gibt es aber zum Beispiel kaum noch ein Auto mit Kassetten-Abspielgerät. Und auch in den Kinderzimmern werden diese Abspielgeräte immer weniger.

Lässt sich diese Entwicklung hin zur CD in Zahlen ausdrücken?

Ja, vor zehn Jahren gab es bei den Hörspielen teilweise noch einen MC-Anteil von 80 Prozent. Mittlerweile hat sich das komplett gedreht.

Es heißt, mittlerweile gebe es sogar Engpässe bei der Beschaffung von Kassetten …

Ja, auf Grund der geringeren Nachfrage und Bestellmengen haben viele Werke bereits aufgehört, überhaupt noch MCs herzustellen. Die Preise für die MCs werden dadurch immer höher. Und auch die Beschaffung der Magnetbänder für die Kassetten wird immer schwieriger. Die müssen mittlerweile teils schon aus Russland oder China importiert werden.

Trotzdem machen Sie bei Ihrem Abschied von der MC eine Ausnahme: "Die drei Fragezeichen" wird es auch künftig noch auf Kassette geben. Warum?

Bei dieser Serie ist die Nachfrage nach MCs tatsächlich nach wie vor sehr groß. Es gibt bei ihr eine große Zielgruppe, die von Anfang an die Serie auf MCs gekauft hat und diese bis zum heutigen Tag sammelt.

Wie ist das eigentlich mit den Schallplatten? Werden da noch welche hergestellt?

Ja, Vinyl-Schallplatten gibt es nach wie vor - allerdings nur sehr selten, zu besonderen Anlässen. Ein Beispiel sind gerade wieder "Die drei Fragezeichen". Am 11. November erscheint die Jubiläumsfolge 150. Sie wird auch auf Vinyl, sogar als mit dem Cover bedruckte "Picture-Vinyl" erscheinen. Damit wollen wir das Retro-Feeling, das viele gerne haben und anspricht, bedienen. Aber auch hier ist die Nachfrage inzwischen natürlich sehr begrenzt. Von daher ist die Vinyl im Kinderbereich eigentlich schon seit Jahrzehnten passé - wegen ihrer Unhandlichkeit für Kinder.

Das vorherrschende Medium derzeit ist also nach wie vor die CD. Aber auch sie dürfte durch die Möglichkeiten des Internets doch schon bald von Downloads verdrängt werden …

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Zugpferd Nummer 1 im Hause "Europa": Die drei Fragezeichen.

(Foto: Sony Music Entertainment)

Ja, das stimmt. Und auch hier bilden "Die drei Fragezeichen" bei uns die Speerspitze - sie sind tatsächlich der erfolgreichste Artist bei iTunes in Europa. Aber noch betrifft dieses Phänomen wieder speziell "Die drei Fragezeichen". Ansonsten ist der Kinderbereich im Digital-Segment noch sehr gering ausgeprägt - allerdings mit aufsteigender Tendenz.

Kommen wir von den Tonträgern nochmal zum Label "Europa", das eine bewegte Geschichte hinter sich hat und heute Teil von Sony Music ist. Es gibt kaum jemanden, der das Logo des Labels nicht kennt. Wie erklären Sie sich diesen Kultcharakter? Schließlich ist "Europa" nicht das einzige Hörspiel-Label, sondern konkurriert zum Beispiel mit "Karussell" …

Zunächst mal waren wir in Deutschland die ersten großen Marktteilnehmer im Hörspiel-Segment. Wir waren von Anfang an sehr stark, mit sehr starken Serien - ich nenne da wieder "Die drei Fragezeichen", "TKKG" oder "Fünf Freunde". Das sind Serien, die schon über Generationen bekannt sind. Sie werden von den Eltern an ihre Kinder weitergegeben. Wir sind mit über 40 Prozent Marktanteil im Hörspiel-Bereich Marktführer. Diese Stärke, gepaart damit, dass viele Kinder mit unseren Produkten aufgewachsen sind und viele Erwachsene sich mit ihnen an ihre Kindheit zurückerinnern, trägt zu der Bekanntheit sicher bei.

Hat es vielleicht auch etwas mit den Sprechern zu tun? Zum Beispiel die Stimme von einem Mann wie dem 2002 verstorbenen Hans Paetsch hat sich ja über Jahrzehnte ins kollektive Bewusstsein gebrannt …

Natürlich ist es auch wichtig, dass die Hörspiele gut und qualitativ hochwertig produziert sind. Dazu gehören auch die Hörspiel-Stimmen. Egal ob Kind, Jugendlicher oder Erwachsener - wenn man immer wieder diese markanten Stimmen hört, werden natürlich Gefühle wachgerüttelt und nostalgische Momente erzeugt, in denen man sehnsüchtig an die Vergangenheit zurückdenkt.

Wissen Sie noch, was Ihr erstes Hörspiel war?

Ja, als Kleinkind war das "Biene Maja". Und mein erstes "Europa"-Hörspiel war "Winnetou". Mit der Serie "Die Originale" lassen wir die Literaturklassiker von damals übrigens heute wieder aufleben - mit Hans Paetsch und allen anderen.

Wer in den 70er- und 80er-Jahren Kind war, ist mit Hörspielen groß geworden. In den 90er-Jahren gab es jedoch einen Einbruch. Erst seit einigen Jahren erlebt das Hörspiel wieder eine Renaissance. Wie ist diese Entwicklung zu erklären?

Nun, zum einen gibt es immer Ups & Downs - das ist in gewisser Weise normal. Zum anderen kam Anfang der 90er-Jahre der Nintendo-Gameboy auf den Markt. Er hat damals das Hörspiel enorm konterkariert. Trotzdem gab es später in den 90ern wieder eine Rückbesinnung. Das kam nicht zuletzt durch die Erwachsenen. Die Generation, die eben in den 70ern oder 80ern aufgewachsen ist, hat ihre alten Hörspiele wieder aus ihren Schuhkartons auf dem Dachboden hervorgeholt. Das hat den Kultcharakter von früher wieder aufleben lassen.

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Ein wahrer Hörspiel-Klassiker: Die erste Folge "Hui Buh".

(Foto: Sony Music Entertainment)

Gerade im Hörspiel-Bereich fällt ja eine unglaubliche Langlebigkeit auf, von der manch anderer etwa in der Musik oder im Fernsehen träumen würde: "Die drei Fragezeichen", "TKKG", "Hui Buh" oder "Bibi Blocksberg" beispielsweise gibt es seit Jahrzehnten. Warum sind diese Serien, salopp gesagt, einfach nicht totzukriegen?

Ich würde das weniger auf den Bereich Hörspiel als auf das Familien-Segment insgesamt beziehen. Hier ist der Markt in Deutschland grundsätzlich etwas konservativer. Hier wird sehr viel Wert auf Bekanntes und Bewährtes gelegt - nach dem Motto: "Wenn ich das schon gehört habe, wird das für mein Kind auch gut sein." Es gibt in Deutschland sehr viele Charaktere, die unheimlich alt sind. Wir feiern gerade 40-jähriges Jubiläum mit der "Sendung mit der Maus", das "Sandmännchen" hatte vor Kurzem 50-jähriges Jubiläum und "Bob, der Baumeister" ist auch schon wieder zehn Jahre alt. Der Kindermarkt an sich ist also relativ stabil, was allerdings auch zur Folge hat, dass man nicht viel Neues zulässt.

Gibt es bei dem, was dennoch neu auf den Markt kommt, denn so etwas wie einen Trend?

Ja, natürlich gibt es trotzdem immer wieder neue Sachen, die auch sehr erfolgreich sind. Im November veröffentlichen wir mit "Kati und Azuro" etwa eine neue Serie für Mädchen, die um Pferde und Freundschaft geht. Und was die Erwachsenen-Zielgruppe angeht, haben wir vergangenes Jahr zum Beispiel die Fantasy-Serie "Dragonbound" entwickelt. Es gibt im Hörspiel-Segment also durchaus auch immer wieder Belebung.

Mit Arndt Seelig sprach Volker Probst

Quelle: ntv.de

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