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Ach, was gruselt mir! Gottschalks TV-Tod auf Raten

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Wie ein begossener Pudel: Thomas Gottschalk nach einem Senfbad bei "Wetten dass..?" 2008.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Es ist schon ein Phänomen: Kaum einer schaut "Gottschalk Live" - aber alle reden darüber. Mit ersten Relaunch-Schritten wollten die Verantwortlichen in den vergangenen Tagen dafür sorgen, dass fortan nicht nur Kritiker und Medienmacher einschalten. Doch die Bilanz lautet: Außer Spesen nichts gewesen.

Im Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen, hilft am Ende nur ein Kübel Wasser mit Fischen darin. Erst als der schlafende Jüngling den über seinen Körper geschüttet bekommt, kann er endlich befreit ausrufen: "Ach, was gruselt mir, was gruselt mir!"

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Kein Wundermittel: Live-Publikum statt Redaktion im Studio.

(Foto: dpa)

Bezogen auf Thomas Gottschalk müsste man die Geschichte wohl in ein Märchen von einem, der umzog, das Talken zu lernen, umdichten. Ob ein über Tommy ergossener Farbeimer allerdings den gleichen Aha-Effekt hätte wie der Fischbottich im Original, darf bezweifelt werden. Jedenfalls scheinen erste in diese Richtung gehende Experimente mit Senf, die seinerzeit schon bei "Wetten dass..?" unternommen wurden, keinen langfristigen Erfolg gezeitigt zu haben.

Ironie beiseite. Fakt ist: Ein paar total crazy hingestellte Farbkübel, Pappkartons und Leitern reichen ebenso wenig aus, die Misere von "Gottschalk Live" zu beenden, wie der Rauswurf der Redaktion aus dem Studio zu Gunsten eines Livepublikums. Das allein macht aus Gottschalk noch lange keinen Talk-Profi, aus der Sendung noch kein auf ihn zugeschnittenes Format und aus der Show noch keinen Quoten-Bringer - auch wenn der freie Fall, in dem sie sich über Wochen befand, mit der Möbelpacker-Staffage erst einmal gestoppt wurde.

Überlebenskampf in der "Todeszone"

Dass die jüngsten Ausgaben teils gar nicht mal so schlecht anzusehen waren, war in erster Linie nicht Gottschalk, sondern seinen Gästen geschuldet. Oliver Pocher hatte einen guten Tag, Barbara Schöneberger versprühte ihr - wer's mag - altbekanntes blondes Gift und Désirée Nick ätzte in gewohnter Manier gegen alles und jeden. So wenig, wie Gottschalk darauf einzugehen wusste, hätte jedoch auch Lieschen Müller an seiner Stelle durch die Sendung führen können.

Zurück zur Ironie. Denn: Was sich da abspielt, ist schon eine ziemliche Ironie der Fernsehgeschichte. Der geborene Entertainer Gottschalk kämpft sich durch die "Todeszone" zwischen ARD-Vorabendprogramm und öffentlich-rechtlichen "Gremlins" (wie Günther Jauch einst die ARD-Oberen betitelte), während sich der scheinbar geborene Talkmaster Markus Lanz demnächst bei "Wetten dass..?" im ZDF als Entertainer abarbeiten darf. Und beide, so kann gemutmaßt werden, werden daran scheitern. Zugegeben, beim noch nicht mal in die Bütt gestiegenen Lanz ist die These ebenso gewagt wie gemein - eine Chance hat er allemal verdient. Bei Gottschalk indes könnte man kaum noch gemeiner sein als seine derzeitigen Arbeitgeber.

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Gottschalk wird zum Talker - und er zum Entertainer: Markus Lanz.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die lustigen Farbeimer und Pappkartons waren noch nicht einmal im Studio drapiert, als sich die ARD-Intendanten im stillen Kämmerlein mit der Zukunft von "Gottschalk Live" befassten. Ach, i wo, eine vorzeitige Absetzung der Sendung sei dabei nicht angedacht worden, dementierten die Verantwortlichen vergangene Woche flugs entsprechende Berichte diverser Medien. Gleichwohl zog manch einer nahezu zeitgleich die Daumenschrauben vorsorglich schon einmal soweit an, dass man die Knochen geradezu splittern hörte. Das Ziel, so ARD-Programmdirektor Volker Herres, müsse ein Marktanteil von mindestens zehn Prozent sein. Sonst tue man sich mit einer Entscheidung zur Fortführung des Formats schwer.

Die ARD kann bei einer Verfehlung dieses Quotenziels im April aus dem Vertrag zu "Gottschalk Live" aussteigen. Das jedenfalls wird kolportiert. Als ganz und gar gesichert kann indes gelten, dass dieses Ziel nie und nimmer erreichbar ist - selbst wenn Gottschalk in den kommenden Shows abwechselnd in Senf- und Ketchup-Fässer steigen sollte.

Flatscreens statt Eimer

Gottschalk konterte den Mummenschanz um sich und seine Sendung mit - da ist sie wieder - Ironie. "Ich bin hier nur der Hausmeister", kommentierte er wenig zweideutig die Gespräche über sein Schicksal hinter seinem Rücken. Und unter dem Motto "Sturm der Hiebe" präsentierte er selbstbewusst zur besten (oder schlechtesten?) Sendezeit den Spott, den TV-Kollegen über ihn und seine Show zuletzt ausgekippt haben. Und zwar kübelweise. Wen sollte es da schließlich schon gruseln - waren ja keine Fische drin.

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Mit Selbst-Ironie durch die Krise?

(Foto: dapd)

Nein, jetzt aber mal wirklich im Ernst: Gottschalks jüngster Umgang mit dem Desaster ehrt ihn in gewisser Weise. Das selbstreflexive Spiel war in jedem Fall besser, als eingeschnappt oder verbiestert auf Kritik und Anfeindungen zu reagieren. Dabei schimmerten just in den Momenten, in denen sich Gottschalk aufschwang, Unterhaltungskapital aus seiner eigenen Misere zu schlagen, hier und da die Qualitäten durch, die ihn zu einem deutschen TV-Urgestein werden ließen: seine Qualitäten als Entertainer.

Nur: Über sich selbst zu lachen, trägt auf Dauer kein Format. In der Sendung am gestrigen Montag waren Eimer, Kartons und Leitern mit einem Mal ebenso wieder verschwunden wie die Einspielfilmchen mit Gottschalks schönsten Pannen und Peinlichkeiten. Stattdessen prangen nun ein paar mehr Flatscreens mit dem Sendungslogo im Hintergrund als noch in der Vorwoche. Das war's. Mehr haben Möbelpacker, Maler und Innenausstatter trotz des Tohuwabohus, das sie in den vergangenen Tagen in dem Studio angerichtet hatten, scheinbar nicht hinbekommen. Nur ihre Praktikanten und Gesellen haben sie in Form des Livepublikums zurückgelassen.

"Den mögen alle"

Mit anderen Worten: Vom viel zitierten Relaunch kann eigentlich weiterhin keine Rede sein. Mit seinen Gästen Gregor Gysi und Tim Bendzko probte Gottschalk wie seit Wochen gehabt wieder einmal einen ziemlich kruden Talk-Crossover. "Ihr hättet doch jetzt eine Chance gehabt, den Gauck zu mögen. Den mögen alle - nur ihr mögt ihn nicht", klingt das etwa, wenn der Entertainer versucht, mit dem Linken-Fraktionschef über Politik zu reden. Nicht gerade besser wurde es, als Gottschalk probierte, dem schmunzelnden Gysi die Geschehnisse bei "Deutschland sucht den Superstar" als "interessantes Thema für einen linken Politiker" schmackhaft zu machen.

Geradezu in der Sendung gefehlt hätte etwas, wenn Gottschalk sich bei einem Frage-Antwort-Spiel mit seinen Gästen nicht mal wieder mit seinen Karteikarten verdaddelt hätte. "Ich bin als Quizmaster nicht ausgebildet", bekannte Gottschalk - und schoss damit abermals womöglich eine Spitze gegen seine öffentlich-rechtlichen Chefs ab. Schließlich, so heißt es, sollen die ihm zwischenzeitlich die Moderation von "Frag doch mal die Maus" angeboten haben. Dass der einstige Show-Titan es jedoch abgelehnt hat, eine Show auf Vorschul-Niveau zu übernehmen, kann kaum verwundern.

So demontiert sich Gottschalk in einem Format, in dem er trotz Flatscreens und Claqueuren nicht ankommen will und kann, lieber weiter selbst, als sich demontieren zu lassen. Dass er dabei noch einen Weg aus dem Jammertal von "Gottschalk Live" finden wird, scheint ausgeschlossen. Dafür ist mittlerweile wohl auch zu viel Wein verschüttet - öffentlich wie intern zwischen ihm und den ARD-Granden. Die Perspektive wäre eine neue, dem Entertainer Rechnung tragende Show ohne orange Maus, blauen Elefanten und gelbes Entlein, über die angeblich ebenfalls bereits nachgedacht wird. Vorausgesetzt, Gottschalk will sich das mit seinen 61 Jahren und nach all dem Hickhack um sein gescheitertes Vorabend-Experiment noch antun. Ansonsten bliebe ja auch der vorzeitige Fernseh-Ruhestand im schönen Malibu. Dann wären wir in diesen Tagen tatsächlich Zeuge von Gottschalks TV-Tod auf Raten.

Quelle: n-tv.de

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