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"Tote Mädchen lügen nicht" Selbstmord ist keine Heldentat

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Clay hat Hannahs Tod in Staffel zwei von "Tote Mädchen lügen nicht" noch nicht überwunden.

(Foto: Beth Dubber/Netflix)

Serien sollen unterhalten. Und Suizid ist alles andere als unterhaltsam. "Tote Mädchen lügen nicht" hat den Spagat gewagt und versucht, sich dem Thema zu nähern. Das hat nicht immer geklappt. Jetzt erscheint die zweite Staffel.

Diese Serie könnte nicht das Richtige für Sie sein. Und nicht etwa deswegen, weil Sie lieber was mit Zombies als Geschichten über Highschool-Kids gucken. "Tote Mädchen lügen nicht" behandelt Themen, die wehtun. Es geht um Sucht, Mobbing, Gewalt und sexuellen Missbrauch. Und es geht um Suizid. Was die Serie zeigt, könnte selbstschädigendes Verhalten auslösen. Wie also umgehen mit einem Thema, das explizit besprochen Nachahmer riskiert, als Tabu jedoch Hilfe unmöglich macht?

Als Netflix im vergangenen Jahr die erste Staffel von "Tote Mädchen lügen nicht" herausbrachte, gab es keine große Werbekampagne. Die Serie ist eines der Formate, die einem empfohlen werden. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Jay Asher erzählt sie die Geschichte des Mädchens Hannah, das sich das Leben nimmt, nachdem es missbraucht und von seinen Freunden verraten wurde. Auf 13 Kassetten erklärt sie der Nachwelt ihre Entscheidung, daher der Originaltitel "13 Reasons Why", zu Deutsch "13 Gründe, warum".

Wie gefährlich ist die Serie?

"Tote Mädchen lügen nicht" wurde schnell ein Geheimtipp, bald ein Megaerfolg. Die Serie schien ehrlich und relevant, der junge Cast - allen voran Hannah-Darstellerin Katherine Langford - wusste mit authentisch-eindringlichem Stil zu überzeugen. Doch ebenso schnell wurden vor allem kritische Stimmen laut. Ärzte forderten gar ein Verbot der Serie. Schließlich befolgen Medienvertreter seit Jahren eigentlich strenge Regeln, wenn es um Suizid geht. Und "Tote Mädchen lügen nicht" schien nahezu alle gebrochen zu haben.

Wer Suizid detailliert beschreibt, ermöglicht dessen Nachahmung. Wer übermäßigen Fokus auf den Schmerz der Hinterbliebenen legt, riskiert, dass der Tote nicht schlicht betrauert, sondern nachträglich idealisiert wird. Wer die Motive der verstorbenen Person enthüllt, lässt Menschen in vergleichbaren Situationen die eigene Lage als ebenso ausweglos empfinden. Bei "Tote Mädchen lügen nicht" handelt es sich aber nicht um nachrichtliche Berichterstattung, kann man da jetzt einwenden. Fakt ist, dass nach Veröffentlichung des Formats mehr Menschen online nach Suizid und entsprechenden Methoden suchten.

"Wir haben unser Ziel erreicht"

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Die erste Staffel "Tote Mädchen lügen nicht" war ihre Geschichte. Staffel zwei wird Hannas Geschichte aus neuen Winkeln beleuchten.

(Foto: Beth Dubber/Netflix)

"Es gibt da draußen eine Menge Material, das Suizid in den verschiedensten Formen darstellt", verteidigt Katherine Langford, die Hannah spielt, die Serie im Gespräch mit n-tv.de. Eltern, die glauben, "Tote Mädchen lügen nicht" hätte ihre Kinder auf entsprechende Gedanken gebracht, erscheinen ihr naiv. "Es gab unterschiedliche Meinungen zu unserer Show. Und genau so sollte es sein!", fügt Dylan Minnette hinzu, er spielt Clay. "Wo es unterschiedliche Meinungen gibt, gibt es Diskussionen. Wir wollten, dass die Leute über solche Themen sprechen. In dem Sinne haben wir unser Ziel erreicht." Aus Diskussionen erwachse Verständnis, und Verständnis sei der erste Schritt zu Akzeptanz, sind sich die beiden Jungdarsteller einig.

Und tatsächlich ist das Ringen um Akzeptanz zu Beginn von Staffel zwei von "Tote Mädchen lügen nicht" ein zentrales Thema für die Figuren der Serie. Sie wollen gesehen werden als die Personen, die sie sind, angenommen werden in ihrem Leid und verstanden, auch wenn ihre Wut sie manchmal fast auffrisst. Hannah ist tot, doch auch die, die sie zurückgelassen hat, tragen noch eine Menge Geheimnisse mit sich herum. Sie wollen heilen, aber es klappt nicht.

Hannah ist keine Heldin

In Staffel eins gliederten die Kassetten-Tapes die Serie in Episoden, nun ist es eine Gerichtsverhandlung. Hannahs Mutter will die Schule für den Tod der Tochter zur Verantwortung ziehen. Nacheinander müssen die Protagonisten der Serie als Zeugen in dem Prozess aussagen. Jeder bekommt seine eigene Folge. Wie schon in Staffel eins sind besonders die Rückblenden entscheidend.

"Die größte Gefahr besteht darin, in Hannahs Selbstmord mehr zu sehen als einen tragischen Tod", richtet der Schulleiter zu Beginn der Staffel das Wort an seine Schüler. "Sie ist keine Heldin. Sie kann uns keine Lektionen erteilen." Fast klingt es, als leiste da jemand Abbitte. Die Macher der Serie haben sich die Kritik zu Herzen genommen. Für den Fortgang der Geschichte setzen sie neue Schwerpunkte.

Zwischen Wut und Scham

Während Hannahs Suizid aufgearbeitet wird, treten in der zweiten Staffel von "Tote Mädchen lügen nicht" andere Themen in den Vordergrund. Am fesselndsten ist die Geschichte von Hannahs Freundin Jessica. Sie wurde in Staffel eins von einem Mitschüler vergewaltigt und muss nun lernen, damit zu leben, oder sie muss sprechen. Alisha Boe spielt ihre Zerrissenheit zwischen Wut und Scham herausragend. Die Storyline wird massiv bereichert durch Neuzugang Anne Winters. Sie spielt die Freundin des Vergewaltigers - unwissend, aber ahnend, ignorant und betroffen zugleich.

"Tote Mädchen lügen nicht" war so erfolgreich, da musste schnell eine zweite Staffel her. Die ist nicht perfekt geworden, es gibt holprige Stellen in der Handlung und ein etwas unglückliches Ende. Der Sog, den die Geschichte ausübt, ist jedoch der gleiche geblieben. Es ist eine Stärke von "Tote Mädchen lügen nicht", den Finger in die richtigen Wunden zu legen. Die Serie adressiert wie kein anderes Format derzeit die Probleme, denen sich Heranwachsende ausgesetzt sehen, mit genau der Härte, die die Betroffenen tatsächlich empfinden. Pubertät ist nicht nur eine Phase. Es ist auch die Zeit, in der psychische Krankheiten besonders oft ausbrechen. Teenager trifft das Leben mit voller Härte, bevor sie das Handwerkszeug beisammen haben, ihm zu begegnen. Dass "Tote Mädchen lügen nicht" ein Licht auf die Abgründe wirft, die sich zwischen Kinderzimmer und Schulhof auftun, macht die Serie unbestreitbar relevant.

"Tote Mädchen lügen nicht" ist ab dem 18. Mai abrufbar über Netflix.

Rat und Nothilfe bei Suizid-Gefahr und Depressionen
  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222 oder 116-123, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111; Mo-Sa von 14 bis 20 Uhr)
  • Bei der Deutschen Depressionshilfe sind regionale Krisendienste und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige. Dort gibt es auch eine E-Mail-Beratung für Depressive.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

 

Quelle: ntv.de