Unterhaltung

"Tyrant" enttäuscht Sind wir nicht alle ein bisschen Tyrann?

AP658582682460.jpg

Fares Fares, links, als Fauzi, und Adam Rayner als Barry.

(Foto: AP)

Familie verpflichtet. Für Bassam Al-Fayeed heißt das, dem strauchelnden Bruder zur Seite zu stehen, als dieser die väterliche Diktatur erbt. Bassam will demokratische Prinzipien durchsetzen, doch etwas Tyrann steckt auch in ihm.

Bassam "Barry" Al-Fayeed ist Kinderarzt. Mit Frau und Kindern führt er in Kalifornien das Leben, von dem er träumte, als er Jahre zuvor seine Heimat verließ. Was Barry gerne verschweigt: Er ist der jüngste Sohn des Diktators des fiktiven Nahoststaats Abbudin. Für die Hochzeit seines Neffen kehrt er nach 20 Jahren in Begleitung seiner Familie in die Heimat zurück. Doch kaum ist der getraut, stirbt Barrys Vater und im Handumdrehen findet er sich erneut verwickelt in die Machenschaften des "Al-Fayeed"-Clans.

Die Fernsehserie "Tyrant" erzählt vom Versuch, ein zerfallendes Regime zu retten. Thronfolger Jamal kennt nur die Schreckensherrschaft seines Vaters, Bassam will ihn Demokratie lehren. Den USA kommt das gelegen, das Militär stemmt sich gegen liberale Vorhaben. Währenddessen bildet sich auf den Straßen Abbudins eine starke Opposition gegen die adelsgleiche Präsidentenfamilie. In der vergangenen Nacht lief in den USA das Finale der ersten Staffel.

Nicht mehr als "As-Salamu Alaykum"

AP246312718171.jpg

Schön dich zu sehen, Bruder ...?

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Seit Beginn der Show lasteten auf "Tyrant" große Erwartungen. Die Geschichte entwickelte der Israeli Gideon Raff, der mit "Hatufim - In der Hand des Feindes" bereits die Vorlage zu "Homeland" lieferte. Ebenfalls an Bord ist Howard Gordon, der seine Finger nicht nur bei "Homeland", sondern bereits beim Serienhit "24" mit im Spiel hatte. In einer Zeit, in der Konflikte in Syrien, Ägypten oder Libyen die weltweiten Nachrichten bestimmen, hätte es genau der richtige Zeitpunkt sein können für ein komplexes Drama über den Nahen Osten. "Tyrant" ist kein schlechtes Format, aber die Show bleibt weit hinter ihrem Potenzial zurück.

Nachdem TV-Serien wie "The Americans" bereits erfolgreich mit Untertiteln arbeiten, lässt sich nicht nachvollziehen, weshalb die Macher von "Tyrant" vom Arabischen völlig Abstand nehmen - das ein oder andere "as-salamu alaykum" ausgenommen, versteht sich. Wenn der alte Diktator in einer Rückblende also auf Englisch zu seinem Volk spricht, dann wirkt das einfach unglaubwürdig, plump und überholt. Dass die Abbudiner ihr Englisch stets mit Akzent versehen erzielt mehr einen Zoo-Effekt als den Anschein von Authentizität. Insbesondere wenn es um das Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen geht, ist Sprache ein dramatisches Mittel, auf das weder Fernsehen noch Film heute noch verzichten können.

So naiv wie die Show sind die Charaktere

AP604704769827.jpg

Mor Polanuer, links, als Samira und Fares Fares.

(Foto: AP)

Dass die Hauptrolle des Bassam an den britischen Schauspieler Adam Rayner vergeben wurde, legt einen zweiten Finger in die Wunde. Um die Wahl plausibel zu gestalten, haben die Macher der Show ihm offenbar eine britische Serien-Mutter zugeschustert. Nach außen hin wurde behauptet, Rayners Ähnlichkeit zu dem arabisch-israelischen Schauspieler Ashraf Barhom, der Bassams Bruder Jamal spielt, sei der ausschlaggebende Faktor beim Casting gewesen. Wie ähnlich sich die Männer sehen, muss wohl jeder selbst entscheiden.

So befremdlich naiv die "Tyrant"-Macher mit ihrem Format umgehen, so naiv agieren auch ihre Protagonisten. Fragt sich Bassams Frau Molly (Jennifer Finnigan) beispielsweise wirklich, weshalb ihr Mann sich von seiner Familie entfremdet, den Kontakt abgebrochen hat? Müssten da nicht eigentlich die 20 Uhr Nachrichten Erklärung genug bieten? Sohn Sammy (Noah Silver) ist fast noch schlimmer. Als Made im Speck genießt er seinen "Plötzlich Prinzessin"-Moment im Palast, wobei doch gerade er, der gerade seine Homosexualität entdeckt, die Grenzen seiner Freiheit bereits spüren müsste. Schwester Emma (Anne Winters) hat das schon besser verstanden, sie stößt all der Protz im Hause Al-Fayeed eher ab. Ihre Redebeiträge beschränken sich jedoch wesentlich auf verbalisierte Smartphone-Inhalte, wodurch sie nicht sonderlich mehr Bedeutung erlangt als eine Twitter-Beauftragte im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

ACHTUNG SPOILER!

"Tyrant" ist einfach zu vorhersehbar. Und vielleicht ist es gerade das, was das Format wesentlich von Shows wie "Homeland" unterscheidet: die gesamte erste Staffel lebte vom Vorenthalten von Informationen. "Tyrant" hingegen versucht sich permanent selbst zu erklären und scheitert - vorerst, denn es gibt Hoffnung für Staffel zwei.

Dass es in der finalen Folge nichts wird mit Bassams angestrebter Präsidentschaft, war tatsächlich zu erwarten. Doch gibt die Episode dem bisher eher stümperhaften, emotional-instabilen Jamal Charakter. Er vertraut auf die, die ihm sein Leben lang und nicht erst ein paar Wochen beistanden: seine Frau Leila (Moran Atias) und seinem Onkel Tariq (Raad Rawi), dem Militärchef, den er eigentlich bereits eingebuchtet hatte. Er erfährt, dass sein Bruder ihm das Amt rauben wollte, auf das er selbst - so erfährt der Zuschauer erst jetzt - liebend gern verzichtet hätte.

Während sich das Publikum spätestens hier fragen muss, wie rein Bassams Intentionen - und auch die der USA - zu diesem Zeitpunkt noch sein können, greift Jamal durch: Er sperrt den Bruder ins Gefängnis. Wo die Grenzen von gut und böse gerade zu verwischen beginnen, zeigt sich eins doch ganz deutlich: Es gibt nur einen unangefochtenen Tyrann in Abbudin und den bringen ein paar scheindiplomatische Tricks sicher nicht zu Fall. In ihren letzten Minuten ist die Serie "Tyrant" endlich das, was sie zu sein vorgibt: das Spiegelbild einer Komplexität nahöstlicher Konflikte, die die Weltöffentlichkeit ratlos zurücklässt.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema