Bücher

Bilanz eines Ungleichgewichts Arbeit ist das halbe Leben

1.jpg

Ein Bauarbeiter schweißt in Hamburg in der S-Bahn Haltestelle unter dem Flughafen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Gerade einmal 15 Prozent der Beschäftigten in Deutschland sind mit ihrem Job so zufrieden, dass sie ihn als gut bezeichnen. Das hat gerade eine Umfrage des DGB ergeben. Doch Arbeit ist das halbe Leben, heißt ein Sprichwort. Der Arbeitsrhythmus dominiert unseren Alltag, die Tatsache, ob wir Arbeit haben und welche bestimmt nicht nur unser Einkommen, sondern auch den sozialen Status. Und unsere Arbeitswelt verändert sich rasant.

50 Sozialwissenschaftler und – wissenschaftlerinnen haben sich für ein Projekt zusammengetan, dass diese Veränderungen dokumentieren soll. Sie führten in Deutschland, Österreich und der Schweiz Interviews mit Menschen über ihre Arbeit.  Sie fragten Menschen, die schon 20 Jahre im Arbeitsprozess stehen und bekommen erstaunlich offene Antworten.

Ein Schnitt durch die Gesellschaft

Auf imposanten 750 Seiten kommen Künstler, Anwälte, Bäcker, Buchhändler, Ärzte, Sozialarbeiter, Musiker, Lokführer und viele andere Berufe zu Wort. Sie berichten über prekäre Beschäftigung, weil immer weniger Aufträge eingehen, oder weil ständig umstrukturiert und modernisiert wird. Die Veränderungen sind gravierend, im Laufe eines Arbeitslebens ändert sich so ziemlich alles.

ArbeitistdashalbeLeben.jpg

Das Buch ist im uvk-Verlag erschienen und kostet 39,90 Euro.

Die Buchhändlerin, die einst in einem Familienbetrieb lernte, arbeitet heute für eine große Kette. Das DDR-Eisenbahnerpaar arbeitet inzwischen für die Bahn, der Traum von der Verbeamtung erfüllte sich nie, aber auch die Tochter ist inzwischen ins Unternehmen eingestiegen. Handwerksmeister beklagen den Druck durch die billigere Konkurrenz aus Osteuropa und die schlechte Zahlungsmoral der Kunden. Wer früher mit seinen Händen arbeitete, brauchte keinen Computer, heute kommt kein Arbeitsplatz mehr ohne aus.  

Ohne Fort- und Weiterbildung kommt niemand mehr durch seine Arbeitsjahre, doch auch die Belastungen steigen. Vor allem ältere Arbeitnehmer erzählen davon, dass sie sich den Belastungen der modernen Arbeitswelt kaum noch gewachsen fühlen, dass im Ringen um immer noch mehr Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit die Menschlichkeit verloren zu gehen zu droht. Viele Arbeitsbedingungen haben sich verbessert, aber nicht alles, was die Arbeit leichter macht, macht auch den Arbeitenden zufriedener. Bei aller Unterschiedlichkeit der Berichte sind viele Entwicklungen offenbar branchen- und länderunabhängig.

Herausforderung und Anerkennung

"Das halbe Leben" ist im Kern eine wissenschaftliche Veröffentlichung. Doch es ist jenseits der analytischen Einschätzung auch erzählte Geschichte. Und genau das macht das Buch spannend. Mitten in Europa stehen Menschen auf, um zur Arbeit zu gehen. Sie freuen sich an den Herausforderungen und an der Bestätigung. Sie lieben ihre Jobs und sind dennoch unglücklich, weil sie zu viel arbeiten oder Angst haben, die Arbeit zu verlieren. Erwerbsarbeit ist jenseits der Flexibilisierung des Humankapitals ein höchst komplexer und spannender Teil unseres Lebens. Nicht umsonst wollen die Wissenschaftler zum Nachdenken über die eigenen Erfahrungen in der Arbeitswelt einladen.

"Ein halbes Leben" im n-tv shop bestellen

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema