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Comics über Schrecken und Not Der Krieg kennt keine Helden

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Mai 1940: Die deutsche Wehrmacht überfällt Belgien, Brüssel wird bombardiert. Mittendrin: Spirou.

(Foto: Carlsen Verlag Hamburg)

Am 8. Mai wird der Befreiung Deutschlands gedacht. Doch in den westlichen Nachbarstaaten jährt sich auch der Überfall durch die Wehrmacht zum 80. Mal. Comics schildern das Schicksal von Menschen in Belgien und Frankreich während des Krieges.

"Spirou" ist eine belgische Institution. Die Reihe gehört neben "Tim und Struppi" oder "Lucky Luke" zu den großen Comic-Klassikern des Landes. Seit 1938 gibt es den titelgebenden Helden mit der Kappe eines Hotelpagen - und er hat damit sozusagen auch den Zweiten Weltkrieg erlebt. In den Comics tauchte das Thema allerdings nicht auf. Da ging es um phantastische Abenteuer, garniert mit exotischen Handlungsorten und natürlich Humor. Deutsche Besatzung, Kriegsgräuel und Holocaust passten da nicht hinein.

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Zivilisten fliehen vor den Deutschen - und werden beschossen.

(Foto: Carlsen Verlag Hamburg)

Das änderte sich mit Émile Bravo. Der schilderte 2008 in "Porträt eines Helden als junger Tor" die Jugend Spirous im Jahr 1939, kurz vor Kriegsausbruch. Von der vierbändigen Fortsetzung "Spirou oder: Die Hoffnung" (Carlsen) liegen inzwischen auch zwei Bände vor. Und Bravo schont seinen Helden nicht: Er konfrontiert ihn mit dem deutschen Einmarsch im Mai 1940 und den Bombardierungen Brüssels, mit Hunger und Schwarzmarkt, mit Kollaboration, Judenverfolgung und Deportationen. Bravo legt ein packendes, realistisches Gesellschaftsporträt vor, das die vielen Seiten des Alltags unter Besatzung aufzeigt - von der gegenseitigen Hilfe bis zur gnadenlosen Unterdrückung.

Wer andere Spirou-Abenteuer kennt, wird - auch dank der matten Farbgebung - vom düsteren Ton der beiden Bände überrascht sein. Und auch die Helden erkennt man kaum wieder, etwa weil Spirous Begleiter Fantasio moralisch ins Wanken gerät. Dessen Avancen an die deutschen Besatzer im ersten Band gehören genauso in die Zeit wie das subversive Kasperletheater, mit dem Spirou im zweiten Teil durchs Land zieht. Es ist gerade das Leid der Kinder, das Bravo immer wieder in den Fokus rückt: Sie haben Angst, weil ihre Eltern verhaftet werden - oder sie müssen plötzlich einen Judenstern tragen.

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Die strenge Seitenarchitektur, die Bravo wählt, verleiht dem Comic nicht nur einen dokumentarischen Anstrich, sie steht auch für die Grenzen, an die Spirou bei allem Mut stößt. Heldentum heißt hier vor allem, den eigenen moralischen Kompass nicht zu verlieren. Aber es wäre ja kein Spirou, wenn nicht immer wieder Hoffnung durchschimmern würde. Etwa wenn Fantasio allzu deutsch-freundliche Polizisten verprügelt. Oder wenn es Spirou ein ums andere Mal gelingt, den Besatzern ein Schnippchen zu schlagen, sie vorzuführen. Der Humor kommt der Reihe also nicht ganz abhanden, auch wenn er wesentlich subtiler daherkommt als bei Spirou gewohnt. Einen guten ersten und einen starken zweiten Band hat Bravo bereits vorgelegt - und am Ende einen tieftraurigen Cliffhanger eingebaut, der die Leser beklommen zurücklässt. Die Bände 3 und 4 sollen 2021 erscheinen.

"Nicht einmal geschossen"

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Eine Armee in Auflösung - die Franzosen ziehen sich zurück.

(Foto: Reprodukt)

Doch nicht nur Belgien wurde im Mai und Juni 1940 Opfer des schnellen deutschen Vormarschs. Auch Frankreich wurde im Blitzkrieg besiegt. "Groß in der Niederlage, dieses Frankreich", entfährt es da Videgrain. Der französische Soldat sucht nach seinem Regiment. Dabei ist das aussichtslos. Die Armee des Landes befindet sich in Auflösung, die deutsche Wehrmacht rückt unerbittlich vor. Tote, liegengebliebene Autos und Bombenkrater säumen die Straßen, auf denen Videgrain umherirrt. Er trifft auf fliehende Zivilisten, auf andere versprengte Soldaten. Immer wieder greifen deutsche Flugzeuge an.

Schlicht "Zusammenbruch" (Reprodukt, Leseprobe) hat Pascal Rabaté seinen Comic genannt. Es ist das Porträt einer Niederlage, der Trostlosigkeit und der Ohnmacht. Der französische Oberst erschießt sich und die Soldaten ergeben sich. "Neun Monate Krieg, und ich habe nicht einmal geschossen", sagt Videgrain. Es beginnt der große Marsch der Gefangenen, bestimmt von Hunger, Erschöpfung und deutschen Gräueltaten. Die Gespräche drehen sich um Belanglosigkeiten. Viele Soldaten sind verroht, die Niederlage wird als Demütigung empfunden. Helden findet man in Rabatés Buch nun wirklich nicht, auch nicht auf Seiten der Besatzer. Aber es gibt Menschen, und das ist entscheidend, die das Schicksal doch noch einmal in ihre Hand nehmen wollen, die eine Entscheidung treffen.

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Rabaté beobachtet vor allem die Gesichter seiner Protagonisten. In ihnen spiegeln sich Verzweiflung und Erniedrigung, Unsicherheit über die Zukunft, aber irgendwie auch die Zuversicht, dass sie diesen Krieg wenigstens vorerst überlebt haben. Dem Künstler reichen dazu Graustufen und ein markanter, realistischer Strich, der allenfalls mit Schraffuren für Akzente sorgt. Interessant aber auch, wie Rabaté die Natur einfließen lässt. Wie sich der Zug der Gefangenen wie eine lange, sich windende Straße durch diesen Frühsommer zieht und das Laub Schatten auf die Gesichter der Soldaten wirft. Nur in ihrem Inneren, da ist es Herbst.

In die SS gezwungen

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Als Soldat der Waffen SS nimmt Marcel Grob auch am Massaker von Marzabotto teil.

(Foto: Splitter Verlag)

Auch Marcel Grob - eine reale Figur - ist nicht mehr Herr seines Schicksals. Weil seine Heimat, das Elsass, nach der französischen Niederlage annektiert wurde, gilt er als Volksdeutscher und wird 1944 zwangsrekrutiert. Wie Tausende andere sogenannte Malgré-nous aus dem Elsass und Lothringen muss er in den Zweiten Weltkrieg ziehen, weil sonst seine Familie terrorisiert werden würde. Doch Grob kommt nicht zur Wehrmacht, sondern zur Waffen SS. Als Soldat der SS-Panzergrenadier-Division "Reichsführer SS" kämpft er vor allem in Italien und nimmt im Juni 1944 am Massaker von Marzabotto teil. Der Ort nahe Bologna wurde von den Deutschen dem Erdboden gleichgemacht, mehr als 770 Menschen ermordet.

Für dieses und andere Verbrechen muss sich Grob 2009 vor einem Untersuchungsrichter verantworten. Die Gespräche des inzwischen hochbetagten Mannes mit dem jungen Richter bilden den Rahmen des Comics "Die Reise des Marcel Grob" (Splitter, Leseprobe). Darin eingebettet sind in Rückblenden Grobs Erinnerungen - an seine Einberufung und Ausbildung, an den Fronteinsatz und seine schwere Verletzung, an die Freundschaft zu anderen Elsässern in der Einheit, aber auch zu einem intellektuellen deutschen SS-Offizier. Das ist sehr detailgenau, nahezu dokumentarisch erzählt, was Philippe Collin zu verdanken ist, einem Großneffen Grobs. Der interessierte sich für die Geschichte seines Verwandten und rekonstruierte akribisch dessen Kriegsjahre. Sébastien Goethals setzte die Biographie in realistische Zeichnungen um und tauchte die Erinnerungen in wechselnde Sepia-Farben.

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Jedoch überzeugt der Comic vor allem durch seine Erzählung. Denn diese verzichtet auf einfache Antworten. Schuld oder Unschuld? Die Sicht auf Grob bleibt ambivalent: Inwieweit ist er ein Opfer, das zum Kriegseinsatz gezwungen wurde, und inwieweit auch Täter als Teil der Waffen SS? Als Leser wird man unweigerlich mit der Frage konfrontiert, wie man selbst gehandelt hätte. Hervorzuheben ist außerdem, dass "Die Reise des Marcel Grob" das bisher wenig bekannte Schicksal der "Malgré-nous" aus Elsass-Lothringen auch in Deutschland bekannt macht. Denn die etwa 130.000 Zwangsrekrutierten wurden in Frankreich lange als Kollaborateure verunglimpft. Erst spät wurden sie rehabilitiert.

Quelle: ntv.de