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Geballte Faust mit GlitzernägelnDie Antwort auf Gewalt lautet Gegengewalt

27.09.2026, 12:08 Uhr imageVon Aljoscha Prange
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Wie wurde Olympia zum "Terror-Teen"? (Foto: IMAGO/Wirestock)

Ein Underdog bäumt sich auf und verliert sich in einem Netz aus Lügen und Brutalität. Der Buchpreis-nominierte Roman "Orca" erzählt eindrucksvoll vom Kampf um Zugehörigkeit. Und vom Kampf um eine verloren geglaubte Zukunft.

"Jagd nach Terror-Teen endlich erfolgreich": Cora ist gerade bei der Arbeit, als die Breaking News auf ihrem Handybildschirm aufblitzen. Sie jobbt hinter der Fleischtheke eines Supermarkts und ist froh, dass sie zwischen Schweinehack und Kochschinken nicht über ihr Leben nachdenken muss. "Ich freue mich, dass die Leute mir nicht ins Gesicht sehen, dass auch die mich nicht erkennen, die mich eigentlich erkennen sollten, dass es primär um meine Hände geht, die Wurstscheiben auf Papier stapeln, um die Grammzahl auf der Anzeige."

Doch als sie die Eilmeldungen über ihre Freundin Olympia liest - die "mutmaßliche CEO-Mörderin" -, da bricht plötzlich alles wieder über sie herein: Olympias plötzliches Abtauchen, das Warten auf ein Lebenszeichen - und vor allem Erinnerungen an diese eine Nacht. Die Nacht, in der sich jahrelang angestaute Wut in einem Ausbruch der Gewalt entlud. Die Nacht, die alles verändert hat.

Faustschläge und gebrochene Nasen

Das Motiv der Gewalt zieht sich wie ein roter Faden durch Franziska Gänslers dritten Roman "Orca", mit dem sie es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2026 geschafft hat. Gleich zu Beginn ist da etwa Coras Ausraster, bei dem sie einer Mitschülerin ihres verhassten Elitegymnasiums ins Gesicht schlägt und die Nase bricht.

Viel wichtiger als die teils krasse Gewalt selbst ist aber die Frage nach ihren Gründen - oder zumindest nach ihren Auslösern: Cora lebt mit ihren Eltern in einfachen Verhältnissen, das Geld ist knapp. Durch ein Förderprogramm für Benachteiligte wird sie auf einer Privatschule angenommen. Und wird dort ausgegrenzt und gemobbt. Weil sie weniger Geld hat als die anderen, weil sie nicht dazugehört - und nie dazugehören soll.

Irgendwann hält sie die immer fieseren Angriffe der anderen nicht mehr aus und schlägt zu. Cora soll daraufhin die Förderung gestrichen werden, ihr Traum von Cambridge droht zu platzen. Und damit auch der Traum von einer Flucht aus den Verhältnissen, in die sie hineingeboren wurde - einer Flucht nach oben. Der Faustschlag ist das Aufregerthema an Coras Schule. Über das Mobbing spricht stattdessen niemand. Cora bleibt eine Außenseiterin. Auch, weil sie zu einer gemacht wird.

Gewalt ist überall

Aber alles scheint besser zu werden, als Cora nach vielen Jahren ihrer ehemaligen Nachbarin Olympia wiederbegegnet. Die beiden freunden sich an und Cora sieht in ihr jemanden, der ihren Schmerz und ihre Probleme versteht. Olympia kommt selbst aus einkommensschwachen Verhältnissen und lebt mit ihrer Schwester und der alleinerziehenden Mutter in einer viel zu kleinen Wohnung. Auch sie ist ein Underdog - eine, die nach Zugehörigkeit und Anerkennung sucht.

Genau die finden die beiden in einer Gruppe von Klimaaktivistinnen und Klimaaktivisten. Dort scheint es egal zu sein, woher sie kommen oder wie viel sie haben. Worauf es ankommt, sind Mut und Entschlossenheit, Zusammenhalt und das Verfolgen eines gemeinsamen Ziels.

Doch bald beginnen Cora und Olympia erneut, aus dem Rahmen zu fallen. Nämlich als ihnen die gewaltfreien Protestaktionen der Gruppe plötzlich nicht mehr genug sind. Sie begreifen, dass sie tagtäglich von Gewalt umgeben sind - in Form von kapitalistischen Zwängen und der fortschreitenden Zerstörung des Planeten. Aber auch in Form von prügelnden Polizisten, denen sie und ihre Mitstreiter regelmäßig gegenüberstehen.

Gemeinsam mit einer dritten Verbündeten setzen sie sich von der Gruppe ab und entwerfen einen eigenen, radikaleren Plan. Einen, der schließlich in jener schicksalhaften Nacht gipfelt.

Gute Menschen, die Böses tun

Franziska Gänsler verbindet in ihrem völlig zu Recht Buchpreis-nominierten Roman drängende gesellschaftspolitische Fragen unserer Zeit mit packenden Thriller-Elementen und bettet diese in eine zärtliche Coming-of-Age-Geschichte ein, in der es um Freundschaft, Liebe und Zugehörigkeit geht.

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Dabei romantisiert sie weder ihre Figuren noch die allgegenwärtige (Gegen-)Gewalt als letztes verbleibendes Mittel eines geschundenen Underdogs. Vielmehr beleuchtet sie Widersprüche und innere Konflikte. Sie lässt gute Menschen Böses tun und umgekehrt. "Orca"-Lesende müssen also Ambivalenzen aushalten können. Wer sich darauf einlässt, den erwartet ein toll komponierter Roman mit ungeheurer Sogkraft.

Quelle: ntv.de

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