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Eine Mörderin und ihre GründeDer alte weiße Mann muss dran glauben

02.08.2026, 12:17 Uhr Aljoscha-PrangeVon Aljoscha Prange
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Eigentlich wollte Heinz Brockhaus seine Kollegin nur zu einer Gedenkfeier fahren. Nun ist er tot. (Foto: picture alliance / Zoonar)

Eine junge schwarze Frau tötet ihren alten weißen Chef. In "So, in etwa, ist es geschehen" untersucht Sharon Dodua Otoo die Beweggründe dieses Mordes - und taucht dabei tief in Deutschlands Nazi-Vergangenheit und Kolonialgeschichte ab.

Amata Haller ist eine Mörderin. Sie hat ihren Chef Heinz Brockhaus getötet und übernimmt dafür die volle Verantwortung. Keine Sorge, dies ist kein Spoiler. Sie gibt es gleich zu Beginn der Geschichte zu: "Ich habe dafür gesorgt, dass Brockhaus nie wieder atmen wird." Auf den folgenden Seiten geht es darum, genau diese Geschichte von vorne aufzuwickeln. Wer ist Amata Haller? Wer war Heinz Brockhaus? Und warum musste er sterben?

Antworten auf genau diese Fragen versucht die junge Afrodeutsche in ihren "Erinnerungen" zu geben, die sie aus dem Gefängnis heraus wie im Wahn herunterschreibt. Sie beginnt mit dem Kapitel "Die Wahrheit" - was aber offenbar nicht reicht. Es folgen mit "Die ganze Wahrheit", "Nichts als die Wahrheit" und schließlich "Wahrer geht es nicht" drei weitere Annäherungen an eine möglichst eindeutige Erklärung für eine ziemlich komplexe Geschichte.

Nazis, Gedenkfeiern und ein großes Problem

Haller ist Ende 30, lebt in Berlin und hat ein Problem: Sie will, nein, sie muss nach Timmendorfer Strand. Wie jedes Jahr findet dort eine Gedenkveranstaltung anlässlich des verheerenden Untergangs der "Cap Arcona" statt. Das KZ-Häftlingsschiff war am 3. Mai 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, von britischen Flugzeugen in der Lübecker Bucht versenkt worden. Tausende KZ-Häftlinge wurden dabei getötet. Auch Hallers Großvater war an Bord der "Cap Arcona", er aber überlebte die Katastrophe.

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Und damit zurück zu Hallers Problem: Wie jedes Jahr ist sie mit ihrer Mutter an der Ostsee verabredet, um dort des mittlerweile verstorbenen Opas zu gedenken. Nur hat sie vergessen, sich einen Mietwagen zu organisieren. Ein eigenes Auto hat sie nicht, mit der Bahn würde sie niemals pünktlich kommen.

Als ihr Chef, Heinz Brockhaus, davon erfährt, bietet er ihr kurzerhand an, sie an die Ostsee zu fahren. Er habe ein Auto und Zeit noch dazu und würde ihr gern aus der Patsche helfen. Nur weiß er da noch nicht, dass sein eigenes Problem damit gerade erst beginnt.

Alter weißer Mann erklärt die Welt

Es ist heiß, richtig heiß. Und die Klimaanlage in Brockhaus' Kleinwagen ist kaputt. Der Verkehr ist zäh, und da er diverse Toiletten- und Essenspausen braucht, wird eine pünktliche Ankunft immer unwahrscheinlicher. Brockhaus inszeniert sich als Hallers Retter in der Not, bekommt aber nicht mit, dass er die Sache eigentlich nur noch schlimmer macht. Besser gesagt: Er will es nicht mitbekommen.

Vielleicht kann Brockhaus aber auch einfach nichts mitbekommen, denn er ist eigentlich die ganze Zeit damit beschäftigt, zu reden. Ohne Punkt und Komma. Die letzten 50 Seiten von Hallers Geständnis umfassen ein Transkript von Brockhaus' Monologen, das sie mit dem Handy aufgenommen hat.

Und ihr Chef nimmt darin so ziemlich jedes Alter-weißer-Mann-Klischee mit, das es gibt. Er erklärt ihr, wer der beste Fußballverein Deutschlands ist und schreit andere Verkehrsteilnehmer an. Er will ihr, der schwarzen Frau, schwarze Literatur erklären und weiß nebenbei ganz genau, wie es sich anfühlt, eine Frau zu sein. Er spricht über Kindererziehung und darüber, was die Mutter seiner Kinder alles falsch macht. Er erklärt Haller im Grunde die ganze Welt. Und vor allem redet und redet und redet er.

Und irgendwann kann sie nicht mehr, nicht mehr zuhören, nicht mehr nicken, kein Verständnis mehr aufbringen für Brockhaus' Sermon - und setzt ihm eigenhändig ein Ende. "Alles drehte sich. Es war unendlich heiß. Eine Wespe klatschte immer wieder gegen die Scheibe. Dazu kam die dröhnende Stimme von Brockhaus, sein ständiges, ununterbrochenes Erzählen. Und dann: Stille. Aus. Vorbei."

Schluss mit den Abziehbildern

All dem voran stellt Sharon Dodua Otoo in ihrem neuen Roman "So, in etwa, ist es geschehen" eine Spurensuche. Sie lässt Haller erklären, was es bedeutet, als junge schwarze Frau in Deutschland zu leben. Was es bedeutet, dafür kämpfen zu müssen, dass Straßen nicht mehr den Namen von Kolonialherren tragen. Was es bedeutet, sich tagtäglich mit den Heinz Brockhauses dieser Welt auseinandersetzen zu müssen, mit ihren Meinungen und ihrem Besserwissen; mit ihrem ständigen Reden und Meinungen äußern und ihrem Niemalszuhören.

Brockhaus, der eine Art Prototyp des alten weißen Mannes ist, mag gegenüber der weitaus facettenreicheren Figur der Amata Haller eindimensional wirken. Doch vielleicht dreht Otoo hier einfach alte Muster um. Nämlich solche, in denen nuancierte weiße Figuren eindimensionalen Abziehbildern schwarzer Figuren gegenüberstehen. Muster, die in einer langen Tradition weißen Schreibens und Erzählens stehen und die hier aufgebrochen werden.

Da reingehen, wo es wehtut

Otoos zweiter Roman, erschienen bei S. Fischer, ist nur knapp 140 Seiten lang. Doch er ist deshalb nicht weniger reichhaltig. Die Geschichte Amata Hallers und ihrer Familie steckt voller historischer Querverweise und beinhaltet gleich mehrere Ausflüge in die deutsche Nazi- und Kolonialvergangenheit.

Und bisweilen bringt der Roman die Lesenden auch an ihre Grenzen: Brockhaus' Welterklärer-Monologe sind so ausufernd und gleichzeitig so hohl, dass es beinahe wehtut. Es hätten wohl auch 20 Seiten gereicht, um die Brockhaus'sche Penetranz zu unterstreichen. Doch Otoo lässt ihn noch ein gutes Stück weiter schwadronieren und geht damit so weit, dass es kaum noch auszuhalten ist.

Doch ist schier endloses Daherplappern in einem überhitzten Pkw ein Grund, umgebracht zu werden? Rechtfertigen Hallers Lebensumstände den Mord an ihrem Chef? "So, in etwa, ist es geschehen" liefert darauf keine Antwort. Sollte es überhaupt eine geben, wird die den Lesenden selbst überlassen. Amata Haller jedenfalls hat ihre bereits gefunden: "Schuldig, im Sinne der Anklage."

Quelle: ntv.de

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