Bücher

Zwischen Weichei und Held "Die meisten Jungen kriegen es hin"

23631198.jpg

Testosteron macht Jungen aktiv.

(Foto: picture alliance / dpa)

Jungen gelten inzwischen als Mängelwesen: Sie schlampen in der Schule, sind hyperaktive Gameboy-Junkies und hinken den Mädchen um Jahre hinterher - so die allgemeine Wahrnehmung. Nun soll erstmals ein "Boys' Day" auf sie aufmerksam machen. Nach dem Vorbild des "Girls' Day" sollen Jungen dabei in Berufe hineinschnuppern, in denen bisher nur wenige Männer arbeiten und Lehrgänge für mehr Sozialkompetenz besuchen. Jungen-Forscher Reinhard Winter glaubt, dass das "Jammern überreizt und gesättigt ist". Im Gespräch mit n-tv.de fordert er deutlich mehr Gelassenheit und ein neues Nachdenken über Männlichkeit.

n-tv.de: Wie ist es eigentlich gekommen, dass aus dem starken Geschlecht ein Mängelwesen wurde, das jetzt hauptsächlich in einer ständigen Gefahr des Scheiterns wahrgenommen wird?

21386183.jpg

Jungen sind gut in Naturwissenschaften und können nicht zuhören - es gibt viele Klischees.

(Foto: picture alliance / dpa)

Reinhard Winter: Ich würde das zuallererst mal nicht so sehen. Wenn man die Jungen anschaut, gibt es nach wie vor, heute wie früher wie morgen, Jungen, die wirklich sehr gut unterwegs sind. Ich glaube, das ist die Mehrheit. Und dann denke ich, die Jungen waren immer schon bedürftig, wir hatten das früher nur nicht im Blick. Jetzt hat sich die Perspektive insofern verändert, dass man anfing, die Jungen als Jungen zu sehen. Dann nehmen wir sie auch mit ihren problematischen Seiten wahr, auch mit den Schwierigkeiten im Männlichsein und Mannwerden. Aber wenn man genau hinschaut, sieht man sie auch mit ihren Stärken, mit ihrem Esprit, ihrem Charme, ihren Kräften und so weiter.

Die Modelle für Mädchen sind inzwischen sehr offen, für Jungen verengt sich das Bild eher. Woran liegt das?

Vielleicht erweitert es sich einfach nicht so schnell, wie es sich für Mädchen geöffnet hat. Das ist die Phase, in der wir uns gerade befinden. Die Männlichkeitsbilder haben sich gewandelt. Die traditionellen Bilder sind passé, die früher in Jungs hineingesehen wurden: der Junge als künftiger Held. Nur in den Medien zeigen die sich noch deutlich. Gleichzeitig wurde das Männliche durch die Frauenbewegung ziemlich heftig demontiert, durchaus mit gutem Grund. Es gibt gerade kein tragfähiges Männlichkeitsbild, das in der Mitte liegt, also weder Idealisierung noch Verdammung ist.

Sind Jungs eher kräftiger, wird schnell Gewaltbereitschaft vermutet. Sind sie sensibler, fürchten wir, das ist ein Weichei. Warum fällt es uns so schwer, beide Arten als Verschiedenheit und auch als Stärke zu sehen?

20176083.jpg

Dabei hat jeder Junge seine eigene Art.

(Foto: picture alliance / dpa)

Eigentlich muss man sagen, so ginge es, das Männliche kann so oder so oder noch anders sein. Weil aber die positive Sichtweise fehlt und auch die Sicherheit, dass das Männliche schon gelingen wird, ist man schnell verängstigt. Die Eltern sind verunsichert, wenn der Junge viel Energie hat und sehr lebendig oder rabaukig unterwegs ist. Wenn der Junge eher zurückhaltend ist und wach und eher aufnehmend, dann sind die Eltern auch verunsichert. Und diese Verunsicherung wird in die Jungen hineingesehen.

Viele Eltern machen sich aber Gedanken - was sagen Sie denen?

Vielen Eltern kann ich einfach nur empfehlen, etwas von dem Stress rauszunehmen. Ich erlebe immer wieder, wie es Eltern entlastet, wenn ich sage, die allermeisten Jungen kriegen das hin. Zwischen Schläger, Versager und sexuell auffällig gibt es eine Menge gelingender Jungenleben. Und dann ist es natürlich gut, wenn die Eltern etwas über Jungen wissen. Warum sind manche Jungen so lebendig und hibbelig und unternehmungslustig und wollen eigentlich nur im wirklichen Leben lernen und nicht still sitzen? Dafür gibt es einen körperlichen und psychodynamischen Hintergrund. Damit muss man sich als Eltern ein bisschen auskennen, dann kann man die jeweiligen Entwicklungen auch besser einordnen.

Welche Aufgaben kommen dabei den Vätern zu?

23876996.jpg

Viele Väter wissen nicht, wie wichtig sie sind.

(Foto: picture alliance / dpa)

Meine Grundbotschaft an die Väter ist: Sie sollen sich bewusst werden, wie wichtig sie sind, gerade für Jungen und ihr gesundes Männlichwerden. Deshalb ist es wichtig, dass sie von Anfang an präsent sind. Viele Väter haben die Vorstellung, das richtige Vatersein geht erst los, wenn sie mit den Jungen Fußball spielen können. Entscheidend ist aber der Kontakt von Anfang an, dass ich präsent bin und mit meinem Jungen mitfühle. Wir sind ja geschlechtlich die Gleichen, wir sind gemeinsam unterwegs im Männlichen. Das ist für die Jungen ganz wichtig. Erheblich ist auch, dass die Väter wirklich Zeit haben, wenn sie Zeit haben, und nicht mit dem halben Ohr noch beim Fußball am Fernseher hängen oder überlegen, ob man die Winterreifen jetzt wechseln soll. Daraus entwickelt sich dann eine stabile Beziehung, die durch die Jungenbiographie hindurch trägt.

Und die Mütter?

9783407859310.jpg

Winters Buch ist im Beltz-Verlag erschienen und kostet 16,95 Euro.

Bei den Müttern ist es ganz am Anfang wichtig, dass sie nicht so sehr das Andere in ihren Jungen sehen. Da gibt es die Baby-X-Versuche aus den 1970er Jahren, was alles in Kinder schon hineingesehen wird, wenn man glaubt, ein bestimmtes Geschlecht vor sich zu haben. Wenn ich stark mit dem Impuls unterwegs bin, der Junge ist ganz anders als ich, und ich kann ihn nicht verstehen, entsteht daraus eine Distanz. Die sollte man gerade zu seinem kleinen Jungen einfach nicht haben. Dann gibt es die Phase, in der der Junge ambivalent wird und sich ablöst. Mädchen können sich linear von der Mutter entfernen und dem Vater zuwenden. Der Junge will sich auch dem gegengeschlechtlichen Liebesobjekt zuwenden, ist aber ambivalent, weil die Mutter eben die Mutter ist und gleichzeitig das gegengeschlechtliche Liebesobjekt. Das heißt, der Junge ist mal schmusig und nah und dann wieder ganz abrupt ablehnend. Dieses Weggehen und Wiederkommen ist für viele Jungs schwierig und für viele Mütter auch. Aber wenn ich das verstehe, weiß ich eben auch: Wenn er weggeht, muss ich keine Angst haben und wenn er wiederkommt, ist es schön, aber er wird auch wieder weggehen.

Wie wichtig sind verschiedene Männer im Leben eines Jungen?

20312595.jpg

Mehr Erzieher wären gut, aber sie müssen auch gut sein.

(Foto: picture alliance / dpa)

Je mehr Vielfalt des Männlichen Jungen zu sehen bekommen, um so besser. Zu sehen, das Männliche ist nicht ein Typ, sondern es gibt ganz viele Arten, männlich zu sein. Gleichzeitig ist es so, dass die Jungen am besten merken, dass die Männlichkeitsideologien Quatsch sind, wenn sie möglichst viele verschiedene reale Männer erleben. Mädchen haben auch ideale Weiblichkeitsbilder im Kopf, aber die relativieren sich durch die vielen Frauen in ihrer Umgebung. Je weniger Männer es in der Umgebung des Jungen gibt, umso größer ist die Gefahr, dass er denkt, er muss wirklich so sein wie Männer im Film.

Ist das gerade bei vaterlosen Jungen die Aufgabe der Familie, alle Männer für den Jungen aufzustellen?

Ja, und vor allem ist es eine Aufgabe der ganzen Familie. Oft denken alleinerziehende Mütter, sie müssten das leisten. Aber es ist eine Aufgabe der Familie, des Dorfes, der Nachbarschaft. Das als gemeinschaftliches und gesellschaftliches Thema aufzufassen, das ist genau richtig platziert.

Mit dem "Boys' Day" sollen Jungen auch für eher frauentypische Berufe interessiert werden. Was bringen Männer mit, was Frauen nicht haben?

Reinhard_Winter.Foto.JPG

Der Pädagoge und Sozialwissenschaftler Reinhard Winter hat über Jungen geforscht, aber auch praktische Erfahrungen in der Jungenarbeit gesammelt.

Man kann nicht sagen, man braucht die Männer im Kindergarten, um mehr Sport oder mehr Energie oder mehr Kraftvolles einzubringen. Das passiert, aber manchmal sind die Erzieher sanfter oder weniger unternehmenslustig als die Erzieherinnen. Aber sie bringen die Vielfalt mit, auch im Sinn der Widerspiegelung gesellschaftlicher Wirklichkeit. Und sie bringen Männerthemen mit, damit können sie sich leichter andocken an Themen, die die Jungen haben. Viele Männer tragen beispielsweise das Thema der Beziehungsambivalenz aus der Kindheit durch ihr ganzes Leben. Die Jungen erleben also einen Erzieher in der Beziehung zu sich selbst, zu den Kolleginnen und können davon profitieren. Deshalb muss man sagen, es reicht nicht aus, dass da irgendwelche Männer kommen, sondern die müssen über ihr Mann-Sein nachdenken, so wie die Erzieherinnen über ihr Frau-Sein übrigens.

Es gibt gerade in der Weltliteratur starke Jungenfiguren mit großer Sensibilität, Lebensfreude oder Abenteuerlust. Kommt die Freude auch an den Herausforderungen eines Jungen langsam zurück?

Ich habe den Eindruck, dass das Jammern überreizt und gesättigt ist. Das zieht einen selber runter und die Jungen auch. Es reicht jetzt mit der Wahrnehmung als Problembolzen, jetzt kommt der Gegenimpuls und wir schauen, was eigentlich am Jungensein gut ist. Mit Jungen zusammen zu sein macht auch einfach Spaß, weil sie starke Themen und kräftige Energien mitbringen. Das hat sicher auch mit der Sehnsucht zu tun, diese offenen Stellen in unseren Männlichkeitsbildern neu zu besetzen und an einem gelingenden Männlichsein zu arbeiten. Wenn ich mich frage, was mag ich an diesem Mann, merke ich plötzlich vielleicht, ich mag Verantwortungsbewusstsein oder Fürsorglichkeit einfach an Menschen, also an Männern und Frauen.

Mit Reinhard Winter sprach Solveig Bach

Winters Jungen-Buch im n-tv shop bestellen

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.