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Die Mauer, die Bee Gees und der Stau Warum Musik wichtig ist

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Die erfolgreichste Familienband der Welt!

(Foto: AP)

Es war wie damals (You Should Be Dancing). Himmel und Menschen auf den Straßen. Leider auch Autos, zum Glück keine Trabis mehr. Es stank nicht ganz so arg (Too Much Heaven).

Was war los? Halb Berlin war gesperrt, weil Hauptstäder und Gäste sich im kollektiven Freudentaumel bei 3 Grad Celsius und Dauerregen zu einer großen Party (Nights On Broadway) versammelt hatten, um 20 Jahre Mauerfall zu feiern. Nichts gegen zu sagen, eigentlich, wäre die Stadt sonst im Fluss (Still Waters Run Deep). Aber Berlin zeichnet sich seit einigen Jahren vor allem dadurch aus, dass die Innenstadt regelmäßig gesperrt wird (Straßenfeste, Besuche hochrangiger Politiker oder Showgrößen, Marathon ...) . Das ist dann - rein verkehrstechnisch - wie früher, als die Mauer noch stand (Tragedy), denn es gibt kein Durchkommen von West nach Ost und umgekehrt. Nun könnte man ja sagen, man soll Bus oder Bahn fahren - bringt an solchen Tagen aber auch nichts als verlorene Nerven und eine 100prozentige Grippeansteckung (Night Fever).

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Seit fast 50 Jahren begleiten uns die drei australischen Staatsbürger mit britischen Wurzeln.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Wenn man dann erstmal drin steht in so einem Stau, sagen wir mal Höhe Invalidenstraße Richtung Westen, es einem auffällt, dass man jetzt von der Kastanienallee bis zum Hamburger Bahnhof eine gute Stunde gebraucht hat (Stayin' Alive), wenn einem also klar wird, dass man seine Kinder heute auf keinen Fall mehr ins Bett bringen wird, da Mutti immer noch im Stau steht, wenn die Tagesthemen bereits den Jubeltag zum Thema als Aufmacher haben, dann kann man sich auch damit abfinden.

Und so schickt man sich eben SMSen mit den Kollegen (I've Gotta Get a Message To You), warnt sie, sich auf keinen Fall in diese Richtung aufzumachen (Don't Forget To Remember), man fängt an, die Handtasche aufzuräumen (Oh, noch Muscheln aus dem Sommerurlaub), man fantasiert, während die Krankenwagen von und zur Charité irgendwie an einem vorbei donnern, wie alles gekommen wäre, wenn man einen Mann kennengelernt hätte, der im Ostteil der Stadt wohnt (ja, dann hätte man es jetzt nicht so weit zur Arbeit!!), man fragt sich, wie es passieren konnte, dass Mitte dem guten alten Kreuzberg so den Rang ablaufen konnte (How Can You Mend A Broken Heart?), man überlegt auch, warum unsere Brüder und Schwestern nicht im Sommer friedlich rübermachen konnten (Guilty), ja, man öffnet das Autofenster und steigt auf's Dach, laut die Nationalhymne schmetternd, alle anderen Stau-Betroffenen singen mit, und dann fällt einem Paul Potts ein und dass er neulich auch gesungen hat in Leipzig, und dass das so eine Art Flash Mob war, nur mit kommerziellem Hintergrund (ta-ta-ta-tata), und da erinnert man sich daran, dass man jetzt, hier mitten im Stau, doch wenigstens gute Musik hören könnte und legt die "Ultimate Bee Gees" ein.

Tag gerettet.

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Bereits mit sechs Jahren standen sie auf der Bühne.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Ja, ehrlich, denn wenn man schon im Stau steht, und dann auch noch an so einem denkwürdig historischen Tag, ja dann doch wenigstens mit guter Musik. Okay, es gibt viel gute Musik, und viele halten die Musik der Bee Gees nicht für gut, aber sie zeigen einem, dass die Zeit doch vergeht (wichtig in einem Stau!!) und außerdem fallen einem Dinge ein (More Than a Woman), Begebenheiten, die einen mitten in dieser "Nicht vor und nicht zurück"-Situation einfach zum Wachbleiben zwingen (huuii, schon wieder rast ein Krankenwagen mit Tempo 20 an mir vorbei, hoffentlich nichts Ernstes!!!). Die bereits angedeuteten Titel "Stayin'Alive", "Nights On Broadway", "Tragedy", "How Deep Is Your Love" oder "If I Can't Have You", sind zum Mitsingen, Lachen, Weinen und Tanzen im Sitzen ganz wunderbar!

Andere Titel wie "Night Fever" erinnern daran, dass früher eben nicht alles besser war - zumindest für mich nicht: Bei einer Schulfeier traten die einzelnen Klassen auf und gaben zum Besten, was es zum Besten zu geben gab. In meinem Fall, sechste Klasse (und das wissen bis jetzt nur wirklich gute Freunde von mir!!) war ich der Flötenschlumpf. Ja, ich hatte eine von meiner Mutter aus Bettlaken genähte Schlumpfmütze auf, etwas Blaues an und Andreas B. und ich flöteten, was das Zeug hielt, Kai S. war Vadder Abraham.

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Barry Gibb (r) galt lange als absolutes Sex-Symbol.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Was das mit den Bee Gees zu tun hat? Alles! Denn Tina und Kerstin, aus meiner Klasse, beide sehr gut gebaut und definitiv frühreif (nach damaligen Maßstäben) tanzten. Sexy. In engen Jeans. Zu "Night Fever!", der Musik aus "Saturday Night Fever". John Travolta war Tony Manero und zuckte angeblich so mit den Hüften, dass ich den Film nicht sehen durfte - Kerstin und Tina durften aber tanzen. Ein Drama für mich!!

Doch die Falsettstimmen der Gebrüder Gibb reißen mich aus den Erinnerungen, und die Frage, ob die beiden Mädchen heute wohl schon Großmütter sind, wird sich mir nie erschließen, denn jetzt geht es weiter, der Verkehr läuft wieder und ich kann endlich rüber machen, nach West-Berlin.

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Robin und Barry sind Ritter, für ihren verstorbenen Bruder Maurice (2003) nehmen sie den Orden posthum an.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Und morgen fahre ich wieder in den "Osten", wie einfach das doch eigentlich ist ...   

 

Bee Gees, "The Ultimate Bee Gees: The 50th Anniversary Collection", Reprise/ Warner Music Germany, 2 x Audio CD, 1 x DVD, ab 13.11.2009

Quelle: n-tv.de