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Die Berliner Volksbühne hat in Helene Hegemanns "Axolotl Overkill" mehrere kleine Gastauftritte.
Die Berliner Volksbühne hat in Helene Hegemanns "Axolotl Overkill" mehrere kleine Gastauftritte.(Foto: picture alliance / Jörg Carstens)
Mittwoch, 28. Juni 2017

Helene Hegemanns "Axolotl": "Die Jungs sind halt das sexy Beiwerk"

Keine Frage, Helene Hegemann ist ein Kind der Berliner Kulturschaffenden-Community und als solches hat sie es an vielen Stellen sicherlich leichter gehabt - an anderen schwerer. Mit 14 schrieb sie einen Blog, mit 15 brachte sie ihr erstes Theaterstück auf die Bühne. Im Folgejahr wurde ihr erster Film, "Torpedo", ausgezeichnet, wieder ein Jahr später spielte sie eine Hauptrolle in einem Berlinale-Streifen. Und dann kam "Axolotl Roadkill", Hegemanns erster Roman. Zunächst als wildes Generationenporträt gefeiert, geriet er wegen Plagiatsvorwürfen in Verruf und die Autorin gleich mit. Das hat sie zwar geärgert, aber nicht davon abgehalten, weiterzumachen. Jetzt kommt die Verfilmung "Axolotl Overkill" ins Kino. Hegemann - mittlerweile 25 Jahre alt - hat das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. Mit n-tv.de hat sie über Frust, "Berghain"-Kotze und zwei nackte Frauen gesprochen.

n-tv.de: Das Axolotl bleibt von Natur aus Teenager und auch die Figuren im Film sind auf eine gehetzte Art statisch einer jugendlichen Haltung verhaftet. Ist Jugend eher Sehnsuchtsort oder Krisengebiet?

Als "Axolotl Roadkill" erschien, war Autorin Helene Hegemann noch ein Teenager. (Foto aus dem Jahr 2010)
Als "Axolotl Roadkill" erschien, war Autorin Helene Hegemann noch ein Teenager. (Foto aus dem Jahr 2010)(Foto: dpa)

Helene Hegemann: Beides gleichzeitig, oder? Jugend bedeutet vielleicht mehr Euphorie, aber auch tieferen Fall - wahnsinnig anstrengend. Ich will auf keinen Fall mehr 16 sein.

Als "Axolotl Roadkill" erschien, waren Sie ein Teenager. Siebeneinhalb Jahre später erscheint nun der Film, "Axolotl Overkill". Begreifen Sie das als Chance, mit Missverständnissen von damals aufzuräumen?

Ich habe die Filmrechte vehement einbehalten und mich dann dazu gezwungen, das selber zu machen. Dabei schwand mir mehr und mehr die Lust an dem Projekt. Man will sich schließlich weiterbewegen und nicht immer auf derselben Stelle rumtrampeln. Dann hat aber tatsächlich die Panik überwogen, nochmal missverstanden zu werden.

Was viele vielleicht nicht wissen: Sie kehren mit "Axolotl Overkill" eigentlich zurück zu Ihrer Materie. Schließlich haben Sie ursprünglich mit Film angefangen. War das Schreiben mehr ein Exkurs?

Ach, das ist ganz simpel: Es ist wahnsinnig schwer, Filme finanziert zu kriegen. Außerdem geht das Schreiben so schnell und es funktioniert so leicht. Man muss nicht immer die ganze Zeit darauf warten, dass der Kameramann vom Catering zurückkommt, um dann eine Stunde lang sein Licht aufzubauen.

Haben Sie sich als Drehbuchautorin und Regisseurin verändert?

Für "Axolotl Overkill" hat Helene Hegemann das Drehbuch geschrieben und Regie geführt.
Für "Axolotl Overkill" hat Helene Hegemann das Drehbuch geschrieben und Regie geführt.(Foto: Constantin Film Verleih GmbH / JC Dhien)

Ich war erstaunt, wie gut ich beides noch konnte. Meine Arbeitsweise ist exakt dieselbe wie vor sieben oder acht Jahren. Nur waren es nicht mehr 15 Leute am Set, sondern 50. Da wird eine Maschine in Gang gesetzt. Die macht es schwierig, spontan zu bleiben und nicht immer nur den Drehplan abzuarbeiten, damit alle pünktlich zum Mittagessen können.

Ist es denn von Vorteil, das Drehbuch basierend auf dem eigenen Roman zu schreiben?

Zuerst bildet man sich ein, es würde wahnsinnig leicht gehen. Man könnte ja einfach seine Lieblingsteile aus dem Roman zusammenfügen und gucken, was dabei herauskommt. So leicht ist es aber nicht, absolut gar nicht. Ich habe insgesamt vielleicht drei oder vier Jahre am Drehbuch geschrieben. Nicht durchgängig natürlich.

In einer Szene sind Sie und Ihre Filmcrew zu sehen. War dieser Woody-Allen-Moment eine spontane Eingebung?

Das stand in der allerersten Drehbuchfassung - nur hatte ich mich da selber nicht mit einkalkuliert. Dazu haben mich meine Teammitglieder überredet. Nehme ich ihnen immer noch übel. Hätte echt nicht sein müssen. (lacht) Ist ein bisschen aufdringlich, oder? Und fettige Haare habe ich. Das wird Ihnen wahrscheinlich nicht aufgefallen sein.

Wirklich nicht. Was mir aber aufgefallen ist, sind die Volksbühnen-Streichhölzer, mit denen sich Mifti eine Zigarette ansteckt. Eine schöne Hommage an das legendäre Berliner Theaterhaus, an dem ihr Vater Carl Hegemann jahrelang als Dramaturg arbeitete und dessen Ära unter Frank Castorf gerade zu Ende ging.

Gut, dass Ihnen das aufgefallen ist. Es gibt noch einen Verweis: das "Nadryw"-Shirt, das Mifti anhat, wir haben es extra drucken lassen. Die entsprechenden kyrillischen Schriftzeichen waren lange auf einem Banner an der Volksbühne zu lesen. Daher habe ich das Wort. Es kommt ganz oft in Dostojewski-Büchern vor und ist einfach nicht aus dem Russischen ins Deutsche zu übersetzen. Dafür gibt es keinen äquivalenten Begriff.

Und es gibt auch keine Versuche?

"Schmerzekstase" ist so ein Versuch. "Nadryw" kann aber auch den Moment beschreiben, in dem man einen Pickel ausdrückt - kurz bevor der rauskommt, wenn die Haut gerade aufreißt. (grinst)

Lecker! Da sind wir schon fast beim Thema: "Axolotl Roadkill" gilt als Drogen- und Partyroman. Als ich mir den Film angeguckt habe, …

… waren Sie enttäuscht, dass nicht die ganze Zeit ins "Berghain" gekotzt wird? Partyszenen über 90 Minuten auszureizen ist das Langweiligste, was man überhaupt machen kann. Da ist einfach nichts rauszuholen. Ausgehen ist ja nur toll, wenn man sich so stimuliert, dass man es irgendwie erträgt - diese ganze Langeweile und diese Inhaltslosigkeit. Das war nie der Kern des Buchs, es wurde aber oft anderes behauptet.

Tatsächlich geht es um eine junge Frau, die ichbezogen ist, unangenehm kompromisslos, bedürfnisgesteuert …

"Axolotl Overkill" ist ein Film voller komplexer Frauenfiguren - allen voran Mifti (Jasna Fritzi Bauer).
"Axolotl Overkill" ist ein Film voller komplexer Frauenfiguren - allen voran Mifti (Jasna Fritzi Bauer).(Foto: Constantin Film Verleih GmbH / JC Dhien)

… und manchmal auch ein Trottel! Das dürfen Frauen in Filmen ja nur selten sein. Eigentlich so gut wie nie.

Auch außerhalb von Filmen nicht. Eine feministische Lesart drängt sich also geradezu auf. War das angelegt?

(zögert) Wahrscheinlich schon. Wahrscheinlich war ich deswegen bei der Rezeption des Buches auch ein bisschen beleidigt. Immer ging es um Sexismus in der Berichterstattung über das Buch, aber nie darum, wovon es handelt. Kennen Sie den Bechdel-Test?

Klar. Er sensibilisiert für Stereotypisierung weiblicher Figuren in Spielfilmen. Untersucht wird, ob es mindestens zwei Frauenfiguren gibt, ob diese miteinander sprechen und ob es dabei um etwas anderes als einen Mann geht.

Eigentlich wird der Test nicht auf Bücher angewendet, aber wenn, dann wäre er bei "Axolotl Roadkill" übererfüllt. Da reden eigentlich so gut wie nur Frauen miteinander. Die Jungs sind halt das sexy Beiwerk, was in den 50er-Jahren immer die Sekretärinnen waren. Das gehörte schon beim Schreiben des Buches zum Konzept. Ich habe versucht, das im Film nochmal mehr herauszuarbeiten.

Als Motiv präsent ist Liebeskummer. Mifti trauert der deutlich älteren Alice nach. Sie erzählen das beiläufig und doch spielt es eine Rolle, dass die Geschichte von zwei Frauen handelt.

Alice (Arly Jover) ist der Grund für Miftis Liebeskummer.
Alice (Arly Jover) ist der Grund für Miftis Liebeskummer.(Foto: Constantin Film Verleih GmbH / Lina Grün)

Das habe ich schon beim Schnitt gemerkt. Alle haben darauf bestanden, die Lovestory mehr zu konkretisieren. Sie größer zu machen, damit man sie versteht. Bei einem Mann und einer Frau reicht eine Szene, in der die beiden miteinander knutschen. Eigentlich brauchen die sich nur angucken und der Durchschnittszuschauer weiß: "Okay, da geht was zwischen denen."

Was ist bei der Konstellation zwischen Mifti und Alice anders?

Zum Beispiel: "Die Leute denken doch, das ist die Mutter." Und ich so: "Leute, die liegen nackt zusammen in einem Hotelbett, verkatert!" Umso wichtiger, dass mit dieser Konstellation endlich mal selbstverständlich umgegangen wird. Und dass man Bilder in die Welt setzt, die diese Selbstverständlichkeit behaupten.

Mit "Axolotl Overkill" schneiden Sie - wie bereits mit Ihrem Roman - existenzielle Fragen an und verweigern doch abschließende Antworten. Gefällt es Ihnen, ihr Publikum dahingehend zu frustrieren?

Das Leben ist doch einfach frustrierend! Aber es gibt ja auch so ein ganz kathartisches Frustriertsein. Am Ende steht Mifti auf dem Berg und hat wieder Handyempfang. Man fragt sich: Das soll's jetzt gewesen sein? Das Schlimme ist, im Leben ist es ja wirklich so! Da kommt nicht die große Erlösung. Es wird sukzessive besser, weil man sich immer mehr entspannt und die Abläufe kennt und so. Aber die Erlösung kommt weiß Gott nicht.

Mit Helene Hegemann sprach Anna Meinecke.

"Axolotl Overkill" startet am 29. Juni in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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