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Atari schart die Hunde um sich, um gegen Bürgermeister Kobayashi anzutreten.
Atari schart die Hunde um sich, um gegen Bürgermeister Kobayashi anzutreten.(Foto: 2018 Twentieth Century Fox)
Dienstag, 08. Mai 2018

Eine Ode an die Vierbeiner: Wes Anderson kommt auf den Hund

Von Markus Lippold

Magische Nostalgie könnte man den Stil nennen, den Wes Anderson kreiert hat. Ihm bleibt er bei seinem neuen Werk "Isle of Dogs" treu, der Hunde-Freunde wie Japan-Fans gleichermaßen begeistern dürfte. Auch wenn er um Klischees nicht herumkommt.

Einige Londoner Kinos entpuppten sich als wahre Hunde-Versteher: Sie veranstalteten Vorpremieren, zu denen Frauchen und Herrchen ausnahmsweise auch ihre Hunde ins Kino mitbringen durften. Zumindest die "wohlerzogenen", wie es hieß. Wer weiß schließlich, wie die Vierbeiner reagieren, wenn sie ihre Artgenossen auf der großen Leinwand sehen oder hören. Wobei: Viel gebellt wird in "Isle of Dogs - Ataris Reise" gar nicht. Die Hunde reden. Sie sind eben wohlerzogen.

Der Bürgermeister und sein brutaler Gehilfe Major Domo.
Der Bürgermeister und sein brutaler Gehilfe Major Domo.(Foto: 2018 Twentieth Century Fox)

Zu Beginn des Films gäbe es allerdings allerlei zu bebellen: In der nahen Zukunft werden die zahlreichen Hunde aus der japanischen Stadt Megasaki City verbannt, auf die titelgebende Insel, die gleichzeitig die Müllhalde der Metropole ist. Seit dem Auftauchen einer mysteriösen Hunde-Seuche, die angeblich auf Menschen übertragen werden kann, hat sich in der Stadt eine wahre Anti-Hunde-Hysterie entwickelt. Angefeuert wird sie vom autoritären Bürgermeister Kobayashi, dessen Clan seit alters her katzenfreundlich ist. Ein Erzfeind also.

Der erste Hund, der ins Exil geschickt wird, stammt ausgerechnet aus dem Haushalt des Stadtoberhauptes: Es ist Spots, der dem 12-jährigen Pflegesohn des Bürgermeistern als Bodyguard diente. Dem jungen Atari bricht es das Herz. In einem Akt der Rebellion gegen seinen Vater flieht er sechs Monate nach dem Hunde-Bann auf die Müll-Insel, um nach seinem Hund zu suchen. Doch der ist verschwunden und Atari begibt sich auf eine lange und gefährliche Reise.

Für Design-Fetischisten und Detail-Exzentriker

Zum zweiten Mal nach "Der fantastische Mr. Fox" legt Wes Anderson mit "Isle of Dogs" einen Animationsfilm vor. Es passt zu seinem Image, dass er sich dem aufwändigen Stop-Motion-Verfahren verschrieben hat, bei dem Szenenbilder einzeln abfotografiert werden. Damit kann der Amerikaner nicht nur seine ganz spezielle Art magischer Nostalgie auf die Leinwand bannen, sondern auch seine pedantische Ader ausleben. Denn all die Puppen und kleinen Objekte, die auftauchen, gibt es tatsächlich, liebevoll per Hand hergestellt und genauestens im Film platziert.

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Design-Fetischisten und Detail-Exzentriker dürften also ihre helle Freude haben. Auch wenn "Isle of Dogs" bei aller liebevollen, handwerklich überzeugenden Ausgestaltung im Vergleich zu "Mr. Fox" etwas distanzierter wirkt. Vielleicht liegt es daran, dass die japanischen Umgangsformen sehr formell sind. Oder daran, dass diesmal die menschliche Welt eine größere Rolle spielt, mit Labors, Industrieanlagen und der unwirtlichen Müll-Insel. Vielleicht aber ist auch der sprachliche Trick Schuld, dessen sich der Regisseur bedient: Während die Hunde verständlich sprechen, werden die Dialoge der japanischen Menschen nicht übersetzt oder synchronisiert. Wenn sie nicht gerade durch eine in die Handlung integrierte Dolmetscherin übersetzt werden, muss man die Äußerungen aus Kontext oder Gestik und Mimik schließen. Das gilt selbst für den jungen Atari, der damit weniger zum Sympathieträger taugt als die Hunde, denen er auf der Müllinsel begegnet.

Neben der Machart bleibt der Regisseur auch dramaturgisch auf bewährtem Terrain, denn Reisen, während der sich die Protagonisten weiterentwickeln, tauchen bei ihm immer wieder auf. Mal geht es um die Suche nach einem Jaguarhai, mal um eine Reise durch Indien und mal um zwei Zwölfjährige, die gemeinsam durchbrennen. "Isle of Dogs" macht da keinen Unterschied: Atari wird nach dem Absturz seines Flugzeugs auf der Insel von einem Rudel Hunde gefunden, die sich um ihn kümmern und ihn bei der Suche nach Spots unterstützen. Das gegenseitige Misstrauen wird bald abgelegt und die ungewöhnliche Gemeinschaft macht sich auf eine Reise über die vermüllte, industriell verseuchte Insel. Schließlich gehen sie daran, all die dort verbannten Hunde zu befreien und sich gegen Bürgermeister Kobayashi aufzulehnen, der längst die Ausrottung der Tiere beschlossen hat.

Schräger Humor und schlimme Klischees

Eine US-amerikanische Schülerin bedient schlimme Stereotype.
Eine US-amerikanische Schülerin bedient schlimme Stereotype.(Foto: 2018 Twentieth Century Fox)

Natürlich dienen hier der junge Atari und die Hunde auf ihrer Reise als Blaupause für viel größere Themen: Ausgrenzung spielt in "Isle of Dogs" genauso eine Rolle wie populistische Politiker und die Manipulation der Massen. Der Bürgermeister macht Hunde zu Sündenböcken, die aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden müssen. Ihre Deportation und geplante Ausrottung verweisen auf faschistisch-autoritäre Staaten, auf Völkermord. Schon Andersons letztes Werk "Grand Budapest Hotel", der bisher erfolgreichste Film seiner Karriere, verfügte mit seinen Anspielungen auf die europäische Zwischenkriegszeit und den aufkommenden Faschismus über entsprechende politische Untertöne. Allzu ernst wurde es trotzdem nicht.

Das ist auch im neuen Film so, der wie der Vorgänger die Berlinale eröffnete und von der Kritik gefeiert wurde. Denn natürlich sorgen Andersons liebevoller Stil und der schräge Humor des Films für einen leichten Ton, der die im Grunde brutale Handlung ungemein abfedert. Um nicht zu sagen: verniedlicht. Im Grunde geht es um allgemeine menschliche Werte, um die klare Gegenüberstellung von Gut gegen Böse, darum, seine Stimme zu finden und Empathie für andere Lebewesen zu entwickeln - wobei die Hunde eine bessere Figur machen als die Menschen. Das macht den Film universell verständlich und selbst für Katzenliebhaber äußerst charmant.

Daneben huldigt der Film aber auch der Japan-Liebe des Regisseurs, vor allem seiner Verehrung für die Filmgeschichte des Inselstaats. Dabei driftet "Isle of Dogs" immer wieder ins Klischeehafte ab. Sumo, Kirschblüten und Sushi sorgen für eine wenig realistische Ästhetisierung des Landes. Ärgerlich ist aber vor allem, dass am Ende ausgerechnet eine US-amerikanische Austauschschülerin zur wichtigen Protagonistin aufsteigt. Dass sie den Japanern den Wert von Meinungsfreiheit und Demokratie beibringt, bedient schlimmste Stereotype von der angeblichen Überlegenheit der westlichen Welt.

Das ist umso ärgerlicher, weil der Film sich ansonsten nahtlos in das wunderbare Werk Andersons einreiht. Durchgestylte, detailversessene Szenenbilder treffen auf subtilen Humor und eine ganze Riege von Stars. Bryan Cranston, Edward Norton, Bill Murray, Jeff Goldblum, Greta Gerwig, Frances McDormand, Scarlett Johansson, Harvey Keitel, Yoko Ono, Tilda Swinton und Ken Watanabe sind im Original nur die bekanntesten Stimmen von Hund und Mensch. Wie gesagt: Viel bellen müssen sie ja nicht.

"Isle of Dogs - Ataris Reise" startet am 10. Mai in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de