Musik

Jonathan Jeremiah, the "u" in us Blick zurück ohne Zorn

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Jeeesus - diese Augen!

Gucken Sie in diese Augen. Hören Sie sich diese Stimme an. Passen Sie bei den Texten auf. Es gibt so viel zu entdecken - und daran lässt uns der Londoner mit Berlin-Vorliebe teilhaben. Sein Blick auf den "Gold Dust" der Spree lässt auch den berlinerischsten Nörgler verstummen.

Er verspätet sich ein wenig, denn er ist auf eigene Faust unterwegs. Normalerweise werden Stars, Musiker und überhaupt Prominente ja von der Plattenfirma oder dem Management herumkutschiert wie Sechsjährige von der Schule zum Hockey zum Ballett zum Klavierunterricht. Nicht so Jonathan Jeremiah, der sich in Berlin verliebt hat und die Atmosphäre jede Sekunde einsaugen will. Nachdem Jeremiah für sein erstes Album, auf dem unter anderem der wunderschöne Titel "Happiness" enthalten ist, sieben Jahre gebraucht hat, hat er das zweite, das nun am 19. Oktober erscheint, in sieben Monaten geschafft. Es ist deswegen nicht weniger schön, opulent oder gehaltvoll als sein Erstlingswerk. n-tv.de hat den Musiker mit dem verträumten Blick und der Stimme, die man den ganzen Tag hören möchte, in seiner neuen Lieblingsstadt getroffen.

Jonathan Jeremiah: Entschuldige, dass du warten musstet.

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"Gold Dust" in Berlin - man muss nur genau hingucken.

n-tv.de: Kein Problem, war ja nicht lange.

Ich bin etwas durch die Gegend gelaufen.

Und - hast nicht mehr zurückgefunden?

Oh, ja, doch, (lacht), meistens wohne ich immer in dem Hotel da schräg gegenüber (zeigt in Richtung Michelberger), das liebe ich, aber dieses Mal wohne ich hier gleich nebenan, im Nhow. Kennst du das?

Ja, es ist sehr pink und poppig, oder?

Das stimmt, sehr pink, aber es ist das erste Hotel, in dem ich in Deutschland je gewohnt habe, und ich habe gute Erinnerungen daran.

Es hat eine fantastische Aussicht, oder? Der Blick auf die Spree ist doch schön!

Du kennst den Blick? Ich habe dort meinen Song "Gold Dust" geschrieben! Ich habe da gesessen, mit diesem unglaublichen schönen Blick auf den Fluss, ja, und deswegen habe ich so gute Erinnerungen daran (lacht). Ich kriege jedes Mal ein gutes Zimmer.

Na, dann bringt mich das ja gleich zu meiner ersten Frage: Der Text von "Gold Dust" ist wirklich richtig gut, das kann man nicht anders sagen! So eine Passage wie "you are the u in us" - wo nimmst du diese Worte denn her?

(Lacht) Ich kann es dir nicht so genau sagen, wo der Text für einen Song nun wirklich genau herkommt. Ich sitze da ja nicht mit einer Anleitung oder so (lacht). Es passiert einfach! Manchmal braucht man eine neue Umgebung, manchmal braucht man eine besondere Erfahrung - gut oder schlecht - um überhaupt schreiben zu können.

Eine besondere Erfahrung? Zum Beispiel?

Oh, ich meine, einfach nur was anderes, es muss gar nicht gravierend sein. Aber wenn man sich aus seiner normalen Umgebung heraus begibt, nicht jeden Morgen zur selben Zeit aufsteht, dann reicht das schon. Das geht Autoren oder Schriftstellern oder Journalisten doch bestimmt ähnlich, oder?

Ja, manchmal braucht man nur einen ersten Satz oder ein einziges Wort, und es läuft ...

Genau, man braucht einen Anreiz. Je länger man schreibt oder komponiert, desto wirrer oder dunkler oder nebliger wird es ja manchmal. (lacht) Aber jetzt bin ich erstmal stolz auf mein neues Album, mir ist so viel passiert in der letzten Zeit. Aber ich glaube, ich habe versucht, an allem das Positive zu sehen.

Und der "Gold Dust" - den hast du über der Spree gesehen?

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Gold Dust über der Spree ...

(Foto: picture alliance / dpa)

Ja, beim Sonnenaufgang. Ich habe noch nie eine solche Skyline gesehen wie die von Berlin, vor allem aus meinem Zimmer heraus sieht das fantastisch aus.

Du musst ja wirklich gute Erfahrungen in dieser Stadt gemacht haben, so wie du schwärmst. Die meisten schwärmen doch eher von Städten wie New York, London oder Paris ...

Ich habe es in New York versucht und ich bin in London aufgewachsen (lächelt). Seine eigene Stadt sieht man ja auch meist nicht mit so verträumten Augen. Mit 16 bin ich aus London weggegangen, ich habe nicht mehr so ein Gefühl dafür. Berlin ist so wahnsinnig im Umbruch, und so kreativ, an jeder Ecke sieht man etwas, das einen inspirieren kann, und man lernt leicht Leute kennen. In New York ging es mir nicht so, da war ich viel alleine. Ich hatte da irgendwie nicht so gute Voraussetzungen, ich weiß auch nicht. Aber vielleicht versuch' ich es ja nochmal dort.

Es liegt vor allem immer an den Menschen, die man trifft, oder?

Ja, hier habe ich Freunde. Zum Beispiel den Dirigenten Jules Buckley, der lebt in Kreuzberg und wir verbringen eine Menge Zeit zusammen. Man hat zu einigen Städten doch eine besondere Verbindung, oder? Mir geht es eben mit Berlin so. Es ist was ganz Besonderes für mich, hier zu sein.

Die Stadt wird ja immer multi-kultureller, ist das vielleicht auch ein Grund, dass du es so magst? Neulich beim Radiohead-Konzert in der Wuhlheide hatte ich das Gefühl, ich bin im Ausland, das war angenehm.

Ja, bloß, dass Thom Yorke gesagt hat, er hätte noch nie so gefroren bei einem Open-Air-Konzert ... (lacht)

Hast du manchmal beim Komponieren eigentlich sowas wie einen Film im Kopf? Das Album beginnt so, wie auch eine Filmmusik sein könnte, und es endet auch so, in dieser Reprise.

Ja, das stimmt, das kann schon sein. Und dazwischen ist ein Film. Mir ist in den letzten Jahren echt viel passiert, besonders in meinem Privatleben, dass ich schon ab und zu das Gefühl habe, ich könnte daraus einen Film machen. Es ist vielleicht wie Momentaufnahmen, mit bestimmten Leuten an bestimmten Orten. Teile deines Lebens eben. Ich mag Zyklen. Und ich wollte, dass das ein Album wird, dass man quasi rund um die Uhr hören kann, immer wieder.

Hat funktioniert.

Danke, gut! (lacht) ich möchte, dass man mitsingen kann und gute Laue hat, nachdenkt und einfach eine gute Zeit hat und gar nicht merkt, dass es schon wieder von vorne losgeht.

Noch mal zu den Dingen, die dich inspirieren ...

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Liebt es, in Berlin abzuhängen: Jonathan Jeremiah.

Ja, das wollte ich vorhin schon sagen. Bei dem Song "All we need is a Motorway" hab ich einfach in mein Aufnahmegerät gesungen und getextet, und schon war es fertig. Ich meine, bei manchen Songs braucht man ein riesiges Orchester, um etwas auf die Beine zu stellen, und manchmal braucht man nur eine Gitarre oder gar nichts. Am einfachsten ist es, wenn man etwas visualisieren kann. Meine Eltern haben uns Kinder früher immer mitgenommen zu - ich weiß gar nicht, ob es so was in Deutschland gibt - Caravan-Plätzen. Weißt du, da fahren die Leute mit ihren Caravans hin, heute sagt man wohl Camper, und wohnen eine Weile dort.

Bei uns sind das dann Camping-Plätze, wo man sich auch mit Campern oder Caravans hinstellen kann ...

Ja, und das Wichtigste damals war, dass die Straße dorthin gut war. Und damals malten sie sich aus, also meine Eltern, dass sie eines Tages dorthin ziehen werden, wenn sie mal Rentner sind. Sie fanden das wohl irgendwie romantisch. Ich auch, übrigens. Die Vorstellung, dass Eltern eines Tages alles hinter sich lassen, das Haus, die Möbel, die Arbeit, hat tatsächlich etwas Romantisches.

Und haben sie es gemacht? Sind sie denn schon Rentner?

Ja, aber meine Mutter ist leider zu krank dafür, um an einem solchen Ort zu leben. (zögert einen Moment, und schweigt dann; sein Vater ist nach langer Krankheit gestorben, ihm widmet er den Song "Fighting Since The Day We Were Born") Ich glaube, ich habe auf dem Album eine Menge verarbeitet. Vielleicht ist es so etwas wie ein Fotoalbum der letzten 20 Jahre.

Ziehst du noch immer viel aus deiner Kindheit und auch aus deiner Familie?

Ja, mein erstes Album ging mehr um Liebe, und um den Verlust der Liebe, du weißt schon, so Herzschmerz-Geschichten (lacht), aber das zweite jetzt ist reflektierender. Ich habe einen Blick zurückgeworfen und versucht, etwas daraus zu lernen. Und jetzt, wo ich so viel reise, vermisse ich meine Familie natürlich. Ich weiß aber auch, dass, wenn wir uns zu oft oder zu lange sehen, wir uns alle fürchterlich auf den Geist gehen (lacht).

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"Ich mag Zyklen."

Wie war deine Kindheit denn? Irgendwie habe ich den Eindruck, dass es nicht so leicht war.

Ja, aber auch nicht zu schwer. Es sind jedenfalls keine bleibenden Schäden zurückgeblieben, würde ich behaupten. (lacht)

Hast du Geschwister? Und wie oft siehst du die?

Naja, meine eine Schwester hat mich heute morgen heulend angerufen, sie war sehr traurig, aber da will ich natürlich nicht so ins Detail gehen. Wir sind auf der einen Seite eine sehr normale Familie, auf der anderen aber auch sehr künstlerisch.  Ein ewiges Auf und Ab, würde ich sagen.

Das kenn' ich, mal ist man sich so nahe und mal will man alle auf den Mond schießen. Und dann tut es einem wieder leid ...

(lacht, aber ein bisschen traurig) Ja, im Augenblick ist meine Mom so krank, dass sie sich nicht einmal mein neues Album anhören kann, das ist wirklich sehr, sehr traurig. Eine meiner Schwestern  kümmert sich um sie, dadurch habe ich ein besseres Gefühl ...

... das ist nett von deiner Schwester ...

.... ja, allerdings macht sie das so gewissenhaft, dass sie kaum das Haus verlässt. Ich meine, sie muss auch ein Leben haben, oder? Und irgendwie haben meine Lieder immer etwas mit dem zu tun, was bei mir gerade passiert.

Und du hast für das Album bloß ein Jahr gebraucht ...

Nicht einmal, nur sieben Monate. Das ist nicht lang, würde ich sagen.

Woran mag das gelegen haben?

Ich glaube, ich weiß inzwischen genauer, was ich will. Und wenn man mit einem Orchester zusammenarbeitet, dann hat man nun mal nicht sieben Jahre. Es musste einfach schneller gehen, das kann sich ja keiner leisten. (lacht)

Und nachdem dein erstes Album so ein Erfolg war, hast du dadurch mehr Selbstvertrauen erlangt?

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Man braucht einen Anreiz.

Ja, bestimmt ist das so. Aber ich war mir einfach auch im Klaren darüber, was ich sagen wollte. Es ist einem ja nicht immer erlaubt, zu tun was man will, und das ist eine der besten Seiten daran, Musiker zu sein: Ich kann sagen und machen, was ich will.

Du hast mal gesagt, dass du zeitlose Musik magst. Was ist das für dich?

Ich steh' einfach nicht so auf Modeerscheinungen. Es ist mir völlig egal, was momentan gerade angesagt ist. Ich habe keine Lust, mich nach solchen Vorgaben zu richten. Das soll nicht heißen, dass "angesagte" Dinge oder Musik schlecht ist, aber ich glaube, dass es nicht zu mir passt, das ist alles. Manche Stücke laufen dann ein Jahr rauf und runter im Radio, und das war's dann. So bin ich nicht, beziehungsweise so möchte ich nicht, dass meine Musik klingt. Ich will mehr Bestand. Wahrscheinlich bin ich ein bisschen altmodisch. (lächelt)

Manche sagen, deine Musik würde so nach 70er Jahren klingen ...

Ja, ein bisschen ...

... aber ich weiß nicht, alles wiederholt sich auf eine gewisse Art und Weise, oder?

Ja, ich könnte ja gar keine andere Musik machen als die, die ich mache. Für mich ist es so am natürlichsten. Ansonsten würde ich mich auch verstellen. Ich arbeite ja auch nicht am Computer. Ich habe auch gar keine so großen Vorlieben, aber natürlich bin ich mit der Musik aufgewachsen, die meine Eltern gehört haben, das hat mich beeinflusst. Daraus schöpft man doch.

Wann können wir dich sehen? Ich habe versucht, es rauszufinden, aber das ist nicht leicht ...

Ja, es ist noch top secret! (lacht) Ich selbst weiß es nicht einmal!

Du musst doch aber dein neues Album vorstellen?

Definitiv. Wahrscheinlich nächstes Jahr im Februar. Dann haben viele meine CD unter dem Weihnachtsbaum gefunden und können schon mitsingen. (lacht) Alle freuen sich auf den Frühling ... das ist die beste Zeit.

Eine Frage noch zu der Lehrerin, der du als kleiner Junge die Gitarre geklaut hast: Hast du dich inzwischen bei ihr entschuldigt?

Zu meiner Schande muss ich gestehen, nein, aber sie hat es wahrscheinlich nicht einmal gemerkt, sie hatte ja mehrere. Und die, die ich genommen habe, war voller E.T.-Aufkleber ... Meine Mutter war entsetzt, als sie das rausgefunden hat, aber da war ich schon erwachsen. Und alles, was ich sagen kann, ist: Es hat sich gelohnt!! Ich danke ihr wirklich! Und ich werde versuchen, im Gegenzug etwas Gutes zu tun!

Mit Jonathan Jeremiah sprach Sabine Oelmann.

Sein Album "Gold Dust" erscheint am 19. Oktober 2012.

Quelle: ntv.de

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