Musik

"Das F***-Wort erregt Anstoß" LAING wechseln die Beleuchtung

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Sei doch bitte wieder gut!

Dass sie freche und provokante Texte drauf haben, haben LAING schon mit ihrem Debütalbum "Paradies Naiv“ gezeigt, auf dem sie die Marotten von Männern und Frauen vertonten. Ähnlich geht es auf der neuen Platte "Wechselt die Beleuchtung", die am 12. September erscheint, weiter. Gelacht wird aber nicht nur über andere:

n-tv.de: In dem Song "Sagen Sie Sie" kritisiert ihr die verbreitete und vorschnelle Duzerei. Soll ich in diesem Interview also auch besser Sie sagen?

Nicola Rost: Nein, wir können uns natürlich duzen. Dieser Song ist nicht so gemeint, dass das alles für mich gilt. Das sind manchmal auch Denkspiele, in denen ich einer Idee nachgehe: Ich fand interessant, dass das "Sie" so wegbricht. Man benennt damit eine Distanz, und es ist doch schade, wenn man das aufgibt. Ich bin für jede Feinheit in der Sprache dankbar. Und ich habe gedacht: Moment mal, war das nicht auch schön, dass man ein Wort hat für Leute, die einem nahe und vertraut sind, und eins für Leute, zu denen man eine Distanz hat.

Ihr habt gefühlt gerade erst "Paradies Naiv" veröffentlicht, da folgt schon "Wechselt die Beleuchtung". Gab es einen Grund für dieses Tempo?   

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Man kann auch aufstehen und tanzen.

Ich habe an "Paradies Naiv" sehr lange gearbeitet, weil es die erste LP war. Da hatte ich noch alte Stücke, die ich seit Jahren mit mir herumgeschleppt hatte. Das waren sozusagen die Lehrstücke, an denen man ewig rumbastelt. Inzwischen habe ich viel Erfahrung auf der Bühne gesammelt und gemerkt, welche Songs gut funktionieren und Spaß machen und was an den Leuten vorbeigeht. Man lernt viel über Songwriting auf der Bühne. Nach der ersten richtigen Platte hatte ich zum ersten Mal einen leeren Tisch. Es hat Spaß gemacht, in diese Leere neue Sachen zu werfen und zu gucken, was kommt jetzt raus. Am Anfang haben Ideen eine unglaubliche Energie, da wird man nicht müde, das hat etwas Rauschhaftes.

Auf "Paradies Naiv" ging es vor allem um Party und Liebe machen, jetzt habt ihr das Themenspektrum etwas erweitert.

Ich glaube, ich habe beim letzten Mal nicht so krass den Fokus auf das Innenleben gerichtet.

In Songs wie "Safari" oder "Zeig deine Muskeln" ist der Blick aber eher süffisant nach außen auf das Baggern und Strampeln deiner Mitmenschen gerichtet.

Ja, stimmt. Aber ich habe versucht, nicht mit dem Finger auf andere zu zeigen, sondern auch zu sagen: Ich bin ja genauso. Tatsächlich hatte ich die Idee zu "Zeig deine Muskeln" im Fitnessstudio, während ich selber dort war. Ich finde Fitnessstudios eigentlich lächerlich und peinlich. Dieses Nebeneinander von Flirten und sich aus dem Augenwinkel beobachten, aber gleichzeitig schwitzen, einen roten Kopf kriegen und scheiße aussehen. Aber ich stehe selber auf dem Stepper und mache mit. Und eigentlich braucht niemand diese Muskeln. Man macht ja nicht irgendwie was für den Rücken, sondern trainiert seinen Arsch.

Bist du privat so ironisch wie in deinen Songs? Müssen Leute bei dir immer erst überlegen, ob du etwas ernst oder halbernst oder gar nicht ernst meinst? 

Das sind ja meine Worte in den Songs. Es deckt sich also mit mir, dass das mein Humor ist. Ich bin der Meinung, dass Humor in allen Lebenslagen eine gewisse Durchschlagkraft hat. Ich glaube aber, dass meine Freunde da gut unterscheiden können.

In dem Lied "Schwächen" heißt es: "Dein Musikgeschmack ist leider völlig verkackt". Könntest du mit jemandem zusammen sein, der in deinen Augen echt üble Musik hört?

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Ich finde es irgendwie rührend. Natürlich wäre es schwierig, wenn du mit jemandem zusammen bist und der Musikgeschmack sich gar nicht deckt. Andererseits finde ich, dass das seinen Reiz haben kann. Der Song handelt ja auch davon, dass es dich selbst ein bisschen entspannt, wenn du siehst, der andere ist auch nicht perfekt. Dann kann ich auch erzählen, wie es bei mir zu Hause aussieht, dass ich auf diesen peinlichen Song stehe und dass ich einen Pickel habe - und muss nicht die ganze Zeit so tun, als wäre ich perfekt.

Auf eurem Debüt habt ihr Trude Herrs "Morgens immer müde" gecovert, dieses Mal ist Heintjes "Sei doch bitte wieder gut" vertreten: Wie bist du auf das Lied gekommen?

Ich hatte wieder Lust auf ein Cover und hab mich richtig auf die Suche begeben. Ich bin durch eine Sammlung von Schlagertexten im Internet gegangen und dann hab ich diese Zeile gelesen: Sei doch bitte wieder gut. Das fand ich so schön, das ist ein bisschen altmodisch, das sagt ja so keiner. Dann habe ich den Song angehört und wusste sofort, das muss ich machen. Ich hab in dem Refrain etwas total Böses gehört. Ich fand es wahnsinnig dreist, zu sagen, sei doch bitte wieder gut, denn wenn du böse bist auf mich, weil ich etwas falsch gemacht habe, dann leide ich so sehr. Man verkehrt diese Opfer-Täter-Rolle. Ich fand das so absurd und dachte, ich muss Strophen schreiben, die klar machen, wie krank das ist.

Im Oktober geht ihr auf Theatertour und spielt vor sitzendem Publikum. Soll man zu LAING nicht mehr tanzen?

In unserer Show performen wir, singen Texte, die durchdacht sind und gehört werden wollen und gleichzeitig gibt es einen Beat, zu dem du tanzen willst. Das ist manchmal schon ein bisschen viel verlangt. Deswegen dachten wir, wenn wir die neue Platte vorstellen, möchten wir, dass die Leute sich konzentrieren können und dabei sitzen, hinsehen und zuhören. Aber es sagt ja keiner, dass man nicht irgendwann aufstehen und tanzen kann. Die Idee zu "Wechselt die Beleuchtung" hatte ich auch im Theater. Ich saß in der Volksbühne und habe mir ein Stück von Rene Pollesch angesehen und da fiel dieser Satz. Ich weiß nicht mehr den genauen Wortlaut, aber in etwa so: Das Licht wechselt, da ist doch irgendetwas mit der Beleuchtung, was ist denn hier los. Und ich fand diese Metapher einfach so toll, so stark.   

Du hast Songs mit Textzeilen wie "Ich weiß, wie du beim Ficken klingst" geschrieben und als Tagesmutter gearbeitet. Ist es mal passiert, dass eine Mutter zu dir sagte: Bitte nicht das böse F-Wort benutzen, wenn Sie auf mein Kind aufpassen?

Es ist lustig, dass dieses Wort so rausfällt. Auch unsere anderen Texte kommen ja nicht immer ganz jugendfrei daher oder sind etwas doppeldeutig. Ich habe mich aber gewundert, dass Ficken ein Wort ist, das immer noch Anstoß erregt. Weil es ja nun wirklich lange genug im Umlauf ist. Schon Bertolt Brecht hat Gedichte mit dem Wort Ficken geschrieben. Es war von uns gar nicht als Provokation gedacht, sondern einfach so, als wenn meine Freundinnen und ich uns das erzählen würden. Aber wir mussten tatsächlich Radioversionen machen, wo wir "F…" sagen. 

"Wechselt die Beleuchtung" erscheint am 12. September

Mit Nicola Rost sprach Nadine Emmerich.

Quelle: ntv.de

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