Musik

Das Tête-à-Tête mit der Masse Nordisch, nobel: Dirk Darmstaedter

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Fast 50 und noch immer dieser jungenhafte Charme - das muss mal einer nachmachen!

Ich erwische den Sänger bei Proben zu seiner aktuellen Tour. Keine Spur von Aufregung oder Hektik, er ist die Ruhe selbst. Er hat ja auch genug zu tun, so als Reiseleiter seiner Band. Und wunderbar - er nimmt sich selbst nicht zu ernst, vermittelt gleichzeitig jedoch einen durchaus ernsthaften Eindruck. Aber er lacht auch sehr viel. Der Mann aus Hamburg, der mit seiner Band Jeremy Days in den End-Achtzigern und Neunzigern zu den Indie-Musikern gehörten, die es bis über den Großen Teich schafften und zu "German Pop Underground Heroes" (New York Times) geadelt wurden, war als "Me & Cassidy" und auch viel solo unterwegs. Er gehört zu den besten englischsprachigen Singer-Songwritern, gründete 2002 das Record-Label "Tapete" (inzwischen ist er ausgestiegen), um auch anderen Bands Gehör zu verschaffen, und ist momentan auf Deutschland-Tour. Mit n-tv.de sprach er über Starruhm, die böse 5, Tagebücher, die Reise des Lebens und sein neues Album "Before We Leave", das laut "Rolling Stone" eine Mischung aus "unaufdringlichem, geschmackvollem Westcoast, Roots-Rock und Pop" bietet. Stimmt so.

n-tv.de: Wie lange warst du eigentlich nicht auf Tour?

Dirk Darmstaedter: (lacht) Och, ich bin eigentlich ständig auf Tour, zuletzt mit dem "Club der Toten Dichter". Aber mit "meiner" Band und meinen Songs ist das jetzt gut zwei Jahre her. Und ich freu mich riesig, dass wir ne Band sind. Ich bin ja meist solo oder als Duo unterwegs. Aber diese Platte ist eine Band-Platte.

Also alles toll im Moment?

(zögert) Ja, naja, "alles toll" ist echt schwer. Als Musiker hat man ja immer so seine Sorgen und Nöte. Ich frag mich vorher immer, ob da genug Leute kommen zu den Konzerten. Ich will meine Freunde, meine Musiker, ja schließlich auch bezahlen können. Wenn man solo tourt, ist es leichter, weil man da nur für sich sorgen muss.

Du fühlst dich also verantwortlich?

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Ein nachdenklicher Troubadour? Nicht nur!

Ja klar, Soundcheck, Bus besorgen, Hotelzimmer mieten, Essen für alle (lacht), da ist natürlich rein logistisch mehr zu tun. Ich bin eben nicht nur der Bandleader, sondern auch der Reiseleiter (lacht). Und auch der Busfahrer, und der Koch ... (lacht)

Herrje, das ist echt ne Menge ...

Genau, da muss ich mehr auf dem Schirm haben, als wenn ich als einsamer Troubadour durch die Gegend ziehe. (lacht)

Ach Gottchen ... Aber als Familienvater hast du das Kümmer-Programm doch eh drauf ...

Na, schau'n wir mal.

Spielt ihr auch alte Hits?

Na klar! Schwerpunkt ist natürlich das neue Album, das wollen wir unbedingt bringen, aber ich spiel' die alten Songs einfach gerne.

Erzähl' bitte was über dein neues Album - es geht ja um das Leben im Großen und Ganzen, um die Spanne von "Brand New Toy" bis "Damage Control"...

Das ist eine ziemliche Bandbreite, du meine Güte (lacht) und da liegen ja auch nur fast 30 Jahre dazwischen. Ich muss gestehen, dass ich den Unterschied zwischen damals und heute gar nicht so genau orten kann, lass' mich überlegen. Die Jeremy Days waren eine Band, ja, und die hatte natürlich eine Eigendynamik. Da wurden Entscheidungen anders gefällt. Aber ich kann gar nicht sagen, was besser und was schlechter ist, heute oder damals, als Band oder also Solo-Künstler, oder als Sänger, der wieder mit ner Band unterwegs ist; das hat alles seine Stärken oder Schwächen. Ich weiß allerdings nicht, ob ich heute noch in ein Band-Konstrukt à la Jeremy Days passen würde. Da muss man eine gewisse Portion Wahnsinn in sich tragen, um das durchzuhalten.

Hattest du damals das Gefühl, dass du ein Star warst, würdest du dieses Wort benutzen?

Nee, eigentlich nicht. Ich hab' mich immer als Musiker gesehen, nicht als Star. Und was auch immer ich als Musiker und Songschreiber erreiche, ich möchte damit viel erreichen, man möchte gehört werden. Ich möchte auch gerne vor vielen Leuten spielen, aber als Berufsbezeichnung und Ethos reicht mir vollkommen Musiker und Songschrieber. Es gibt den Beruf des Stars schließlich nicht!

Was willst du mal werden? Star ...

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Sieht aber aus wie ein Star: Dirk Darmstaedter 1995.

Ja, das geht doch nicht. Ich hab' mich damals sehr gefreut, als wir das Publikum erreicht hatten, aber mir war klar, dass mein Weg, also die Songs zu schreiben, die mir entsprechen, irgendwie zwingend ist. Ich hab' aber auch nichts gegen ein Tête-à-Tête mit der Masse (lacht). Aber das ist nicht Norm, schon klar. Ich bin auch bereit, den langen Weg zu gehen, und das heißt wohl auch, dass man manchmal nicht verstanden wird und nicht so p-o-p-ulär ist (lacht). Und damit bin zufrieden. Ich freu' mich über 20 Leute, aber auch über 200 oder 2000.

Kommst du dir authentischer vor als früher?

Ich mach' mir eigentlich keine Gedanken darüber, wie ich wirke. Ich versuche einfach, die besten Songs zu schreiben und so nah wie möglich an das heranzukommen, was ich in meinem Kopf höre. Das isses! Der andere Kram ist mir egal. Wenn du dir diese Frage selbst stellst, dann bist du schon nicht mehr authentisch, oder?

Da ist was dran! Aber jetzt mal ehrlich: Du spielst vor 20 oder 200 Leuten, sagst du.

Ja.

Aber wenn du die Möglichkeit hättest, vor 20.000 Leuten aufzutreten, weil du dich, sagen wir mal, einem breiteren Publikum bekannt gemacht hast, zum Beispiel, weil du Juror in einer Casting-Show warst ...

(lacht)

Wär' das was für dich? Da saßen schon einige, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie bei so etwas mitmachen. Zum Beispiel der Gregor Meyle ...

Gutes Beispiel. Keine Ahnung. Also, der Gregor saß da (bei "Sing meinen Song" in diesem Fall, Anm. d. Red.) natürlich genau aus dem Grund, weil er jetzt ein größeres Publikum hat. Das ist so ein bisschen aus der Not geboren, denke ich, es ist ja nicht leicht, überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Alle Musiker fragen sich: Wie soll das weitergehen? Da wundert es nicht, dass man "ja" sagt, da mach' ich mit, wenn einer anruft und fragt, willst du mal in einer Casting-Show mitmachen, oder in einem ähnlichen Format, wie der Gregor Meyle das gemacht hat. Da geht es um: Ich spiele vor 60 oder 400 Leuten, und weitergedacht geht es dann darum: Kann ich meine Miete von der Musik bezahlen oder nicht? Ich versteh' das total, ich will das nicht abwerten. Insgeheim hoffe ich, dass ich es nicht machen muss (lacht), aber hey, wenn einer anruft, keine Ahnung ...

Wir wollen hier an dieser Stelle nichts verbauen!

Nee, is' klar. Es zeigt eigentlich nur, dass dieses Nadelöhr so klein geworden ist für Künstler, dass jedes weitere Nadelöhr genutzt werden muss.

Würdest du jungen Menschen raten, Musiker zu werden?

Ja, sicher, aber eine weitere Option zu haben, ist nicht wirklich verkehrt! Viele fragen mich, ob es jetzt härter ist als früher. Und da muss ich schon sagen, dass es früher eine größere Hürde gab, die man überspringen musste, um sagen zu können, ich bin Musiker. Heute kann man sagen, hey, ich bin Musiker, ich stell was ins Netz, ladet euch das mal runter. Das ist auf der einen Seite positiv, weil das Spielfeld für alle offen ist. Aber unter Umständen kriegt es eben keiner wirklich mit, wenn du nicht gerade Shakira bist (lacht). Ob man davon leben kann? Das wird hart!

Deine Erfahrungen spiegeln sich in deiner Musik wider, oder?

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Ja klar, ich schreibe da nicht Tagebuch, es ist schon autobiografisch, aber free form (lacht). Ich schreib' jetzt nicht wirklich über meinen letzten Urlaub oder mein letztes Bremen-Konzert oder so. Aber diese Dinge fließen im Gesamtkontext natürlich ein (lacht). Deswegen ist die Musik von jedem Künstler auch anders, es geht darum, wie das Leben so spielt. Ich will den Künstler, den ich höre, ja spüren.

Welches wäre das Lied, das du als letztes hören würdest, wenn du nur noch einen Song in deinem Leben hören dürftest?

(wie aus der Pistole geschossen) "Desolation Row" von Bob Dylan.

Wow! Das war zackig!

(lacht)

Also ich wüsste nicht, was ich auf so eine schwachsinnige Frage antworten sollte!

Naja, ich muss gestehen, ich hätte noch 100 andere nennen können. Zum Beispiel "Ballroom Blitz" von den Sweets.

Du bist jetzt fast 50 - sorry, Frauen frage ich so etwas auch immer: Hast du Schiss vor der bösen 5?

Nee, eigentlich nicht, der einzige Gedanke dazu ist: Wie zur Hölle konnte das passieren? Es fühlt sich so irreal an. Aber ich hab' mir sagen lassen, "fifty is the new thirty", von daher ...

Das sagen sie alle, die Verzweifelten ...

Ja, genau, siehste ...

Und dann: Feiern oder abhauen?

Weder noch. Wie bei allen meinen Geburtstagen: Ich werd' aufstehen, mein Müsli essen und weiter geht's.

Mit Dirk Darmstaedter sprach Sabine Oelmann

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Dirk Darmstaedter und Band sind weiterhin unterwegs:

31.10.2014 - Aachen - Raststätte (Duo)
22.11.2014 - Brunsbüttel - Lyra
10.01.2015 - Hoisdorf - Landhaus Hoisdorf
03.03.2015 - Lübeck - Tonfink
04.03.2015 - Hannover - Pavillon
06.03.2015 - Schwerin - Speicher
08.03.2015 - Berlin - Monarch
08.05.2015 - Nienburg - Kulturwerk

Quelle: ntv.de

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