Musik

Prag in Berlin "Schnodderiger Punkrock? Niemals!"

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Das sieht wirklich nicht nach Punkrock aus: "Prag", also Nora Tschirner, Erik Lautenschläger und Tom Krimi, beim Classic Open Air 2014 auf dem Gendarmenmarkt in Berlin.

(Foto: imago/Future Image)

Alles nur eine Frage der Organisation: Mit ihrem zweiten Album "Kein Abschied" zeigen Nora Tschirner und ihre beiden Prag-Kollegen jedem den Stinkefinger, der an einer längerfristigen Karriere der Band gezweifelt hat. Wir trafen uns mit ihnen in Berlin.

Die Band Prag kommt aus Berlin und erfreut sich an folkorientierten Vintage-Pop-Klängen, die den Hörer auf eine Reise in die 50er- und 60er-Jahre entführen. Klingt spannend? Ist es auch. Der Vollständigkeit halber sollte man auch noch erwähnen, dass eines der drei Bandmitglieder Nora Tschirner heißt. Ja, genau die Nora Tschirner, die neben Til Schweiger in den beiden Kino-Erfolgen "Keinohrhasen" und "Zweiohrküken" für Furore sorgte und seit Anfang 2013 zusammen mit Christian Ulmen im "Tatort" auf Verbrecherjagd geht. Für die Band spielt das allerdings keine große Rolle. Mit frechen Sprüchen und schauspielerischem Talent allein kommt man in der Musikbranche schließlich nicht allzu weit. Was zählt, ist einzig und allein die Musik. Das weiß auch Nora Tschirner, also redet sie auf der Bühne nicht viel, sondern singt und spielt dabei Bass. Einer Vielzahl von Menschen scheint das zu gefallen. Am 16. Januar 2015 erscheint das mittlerweile zweite Studioalbum der Band namens "Kein Abschied". n-tv.de sprach mit den drei "Pragern" in Berlin über Wahrnehmungsstörungen, Punkrock und Königspudel.

n-tv.de: Als ihr im Januar 2013 euer Debütalbum an den Start brachtet, meinten viele vermeintliche Experten und Insider bereits zu wissen, dass es bei dieser einen Veröffentlichung bleiben würde. Es war von einem Kurzzeit-Projekt die Rede. Nun erscheint euer zweites Album. Ist aus dem Projekt eine richtige Band mit langfristigen Plänen geworden?

Tom: Wir haben uns schon immer als richtige Band gesehen. Dieses Projekt-Anhängsel wurde nur von außen reingetragen.

Nora: Ich konnte das anfangs auch ein Stück weit verstehen. Aber wir hatten immer vor, mindestens noch ein zweites Album zu machen. Die Leute denken bei solchen Konstellationen, dass es von vornerein nur ein Projekt sein kann, weil ein Bandmitglied, das nebenbei noch andere Entertainment-Dinge zu laufen hat, gar keine Zeit für eine richtige Band haben kann. Dem ist aber natürlich nicht so. Ich musste nicht bei Gevatter Film kündigen, um mit Prag ein neues Album aufzunehmen (lacht). Das ist alles nur eine Frage der Organisation.

Wie organisiert sich denn eine Band wie Prag? Richtet sich alles nach dem Terminkalender von Nora?

Tom: Noras TV- und Kino-Aktivitäten sind genauso Bestandteil des Gesamtpakets wie Erics und meine Verpflichtungen außerhalb der Band. Jeder hat seine Dinge am Laufen, die koordiniert und organisiert werden müssen. Noras "Nebenjob" spielt eigentlich nur außerhalb des Proberaums eine Rolle.

Erik: Ich kenne Nora ja auch schon ewig. Da ist dann irgendwann ein Fundament entstanden, das sich nicht mehr verändern lässt. Nora ist für mich immer noch Nora. Der ganze Rote-Teppich-Kram hat an unserer gegenseitigen Wahrnehmung nichts verändert. Es ist eher amüsant, wenn man nach stundenlanger Zusammenarbeit vor die Tür geht und die Leute plötzlich anhalten und Nora um ein Foto bitten. Da denkt man dann manchmal: Hä? Was wollen die denn von unserer Nora? (lacht)

Nora, wie empfindest du die Tage vor der Veröffentlichung eines neuen Albums? Ist das vergleichbar mit einer Filmpremiere oder dem Gefühl an einem Samstag, wenn man weiß, dass am Folgetag der "Tatort" kommt, in dem man eine Hauptrolle spielt?

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Ne ganz andere Baustelle: Im "Tatort" spielt Nora Tschirner an der Seite von Christian Ulmen.

(Foto: dpa)

Nora: Für mich ist das generell nicht so richtig greifbar, da ich ja noch nicht sooo lange im Musik-Geschäft dabei bin. Am ehesten würde ich es mit einer Film-Premiere vergleichen. Beim "Tatort" ist es nochmal ne ganz andere Baustelle, da sich irgendwie alles auf ein Zeitfenster fokussiert. Das ist dann schon immer ziemlich krass für mich. Bei der Musik ist es irgendwie entspannter. Das ist alles noch so abstrakt für mich, dass ich dem eigentlich ganz entspannt gegenüberstehe.

Entspannt ist ein gutes Stichwort: Lasst uns über eure Musik sprechen. Mit melancholisch beschwingtem Vintage-Pop haben wahrscheinlich nur die wenigsten gerechnet, als es vor knapp drei Jahren hieß: Nora Tschirner spielt jetzt in einer Band. Viele hätten, glaube ich, eher auf schnodderigen Punkrock getippt.

Tom: Da bist du nicht der Einzige, denke ich (lacht).

Nora?

Nora: Auch das kann ich gut verstehen. Allerdings grault es mir schon beim Gedanken daran, in einer schnodderigen Punkband zu spielen.

Eric: Das wäre auch viel zu einfach gestrickt (lacht).

Nora: Genau (lacht). Aber mal im Ernst: Ich steh' total auf Folk und Chansons. Das ist mein Ding. Insofern passt das alles schon ganz gut, oder?

Tom: Absolut.

Was mich ein bisschen gewundert hat, ist die Tatsache, dass ihr das neue Album nach einem Song benannt habt, der schon ziemlich alt ist. Ich habe erst gestern wieder ein Video von 2013 entdeckt, wo ihr "Kein Abschied" live spielt. Was steckt dahinter?

Eric: Wir haben 2013 ein Radiokonzert zusammen mit dem Babelsberger Filmorchester gespielt, für das wir unbedingt noch einen neuen Song mit einbauen wollten. Das war sozusagen die Geburtsstunde von "Kein Abschied". Danach haben wir ihn dann auch auf der Tour mit einbezogen. Irgendwie entwickelte sich der Song dann zu einer Art Startschuss für das neue Album, auch weil der Titel perfekt zur damaligen Situation passte. Damals glaubte ja keiner außerhalb der Band an ein zweites Album.

Neben sanften Melodien, melancholischen Texten und jeder Menge 50er- und 60er-Anleihen gibt es im Zuge der Veröffentlichung eures neuen Albums auch zwei majestätisch schöne Königspudel zu bewundern. Die Rede ist von Claire & Thierry alias Usti und Janosch, die im Videoclip zum Song "Film Noir" die beiden "Hauptrollen" übernehmen. Wie kam es denn dazu?

Nora: Ich liebe Hunde und Pudel sind mit die am meisten geächteten und unterschätzten Hunde, die es gibt; vor allem Königspudel. Die haben ja diese markanten Rasuren nicht, weil das irgendwann mal irgendein hipper Hunde-Coiffeur trendig fand, sondern weil das ja eigentlich Wasserjagdhunde sind. Die wurden halt an den Beinen rasiert, damit sie im Wasser schneller paddeln konnten. Das wissen aber nur die wenigsten, was total schade ist, denn das ist eigentlich ein total abgefahrener James-Bond-auf-vier-Pfoten-Hintergrund, der dahintersteckt.

Erik: Wir waren von der Idee aber auch deswegen so angetan, weil wir keine Lust hatten, dem doch sehr melancholischen Inhalt des Songs auch noch ein triefendes Video mit zwei Liebenden, die im Regen durch die Stadt schleichen, an die Seite zu stellen. Das wäre irgendwie zu kitschig gewesen. Insofern waren wir sehr happy, als sich die beiden Kuscheltiere dazu bereiterklärten, uns zu unterstützen.

Retro-Videos mit kuscheligen Hunden und musikalische Grüße aus den Fünfzigern: Ihr haltet nicht viel von zeitgemäßen Klängen, oder?

Eric: Naja, dieses ganze überproduzierte Euro-Trash-Zeugs, das in den Neunzigern gehypt wurde und jetzt aus Amerika ein zweites Mal über uns hinwegschwappt, geht natürlich so gar nicht. Aber es gibt auch vieles aus den handgemachten Bereichen, das uns gefällt. Wir verschließen uns nicht komplett neuer Musik. Es muss halt authentisch sein; so wie wir. Bei uns geht's nicht um Kalkül. Wir ticken einfach auch so, wie wir klingen. Das steckt irgendwie in uns drin.

Quelle: n-tv.de

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