"Unter Feinden"Der Kieler Tatort überzeugt: Yippie-Ya-Yay, Schweinebacke

Mit dem zweiten Teil der "Tatort"-Doppelfolge ist der Neustart an der Kieler Förde geglückt. Wie in Zürich, Bremen und Ludwigshafen agiert nun auch hier eine weibliche Doppelspitze - und die gibt buchstäblich ihr letztes Hemd.
Bei einem Phraseologischen Somatismus handelt es sich um eine Redewendung, die als Bestandteil mindestens eine Bezeichnung für einen Körperteil oder ein inneres Organ hat, etwa "Herz aus Stein" oder "sich den Kopf zerbrechen". Auch "von hinten durch die Brust ins Auge" ist so ein Somatismus, wie ein Team der Uni Greifswald in einer historisch-etymologische Studie aus dem Jahr 2022 aufzeigt. Nun ging es bei Polizeipsychologin Elli Krieger (Karoline Schuch) nicht von hinten durch die Brust, sondern von vorn, und auch nicht ins Auge, sondern direktemang ins Herz ihres Geiselnehmers, aber wenn einem so einfallsreiches Zur-Strecke-bringen wird beschert - das ist schon einen Somatismus wert. Aber der Reihe nach ...
Einer wie Borowski hätte bei diesem Thema wohl den Duden bemüht oder das Literaturtelefon, überhaupt ging es beim mittlerweile pensionierten Ex-Kriminalen oftmals prosaisch zu. Die Gäste still, die Herzen einsam, das Meer, der Himmel, die Kinder von Gaarden, am Ende oftmals Kulisse für die Befindlichkeiten des betulichen Borowski. Dass der Wind an der Förde fortan weht, wie es die Küstenbewohner auch im wirklichen Leben gewohnt sind, ins Gesicht nämlich, das zeigte sich bereits im ersten Teil dieser "Tatort"-Doppelfolge.
Kommissarin Mila Şahin (Almila Bagriacik) hat fortan das Sagen, ihr zur Seite stehen soll besagte Polizeipsychologin, doch erst einmal rückte eine andere weibliche Figur in den Vordergrund - Anna Nowak (Lilith Stangenberg), eine Polizeischulfreundin Şahins, so eigenwillig, so labil, gleichzeitig alle Dienstvorschriften pulverisierend, dass man es ahnen konnte: Lange würde es für sie "Unter Freunden" wohl nicht gutgehen. Und siehe da: Am Ende des ersten Teils lag Nowak tot in einer Ferienhütte, in den Adern eine Überdosis Heroin, im Hintergrund die malerische Kulisse des Passader Sees.
Irritierende Wechselspiel der Locations
Vorhang auf für den zweiten Teil, "Unter Feinden", der Titel, und bei dem ging es nicht minder hoch her. Robert Iwersen (Yorck Dippe), der korrupte Schmierlapp, wird zum Dienststellenleiter erkoren, Elli Krieger versucht verzweifelt, die freidrehende Şahin irgendwie einzuhegen, während sich Jan Kuper (Sven Schelker), die Koksnase, unantastbar fühlt und in seiner schmucken Loftbude dem Ausdruckstanz frönt.
Bei derlei intensiven Interna rückte der eigentliche Fall beinah in den Hintergrund. Das Start-up-Unternehmen Prometheus, Buchhalterin Francesca Polidoro (Julia Goldberg), die es ebenso dahingerafft hatte, wie kurz darauf ihren Männe, die zerstrittenen Prometheus-Eigner Viola und Oskar Berger (Sarah Hostettler, Pascal Houdus), allesamt mehr oder weniger Staffage. Sascha Geršak durfte in seiner Rolle als zwielichtiger Franco Steiner dramatisch dreinblicken, bekam von den richtigen Mafiosi jedoch den Hals umgedreht, nach einem letzten Teller Pasta und einigen Gläschen Chianti beim Edel-Italiener Cuneo. Wie schon im ersten Teil auch hier die Frage: In Kiel gibt es genug Restaurants, Lofts und telegene Straßen, warum also das, zumindest für Locals und Stadtkundige, irritierende Wechselspiel der Locations?
Auch der Besuch in der Hamburger "Plattenrille" wird sich für "Tatort"-Zuschauer in Zukunft anders anfühlen, kam es hier doch zum eingangs erwähnten Showdown. Da versuchte Kuper verzweifelt die Flucht, mit Elli Krieger als Geisel. Die jedoch legte eine Kaltblütigkeit an den Tag, wie einst der gute John McClane in "Stirb langsam 4.0" und drückte sich die Wumme an die Schulter, zielte und drückte ab. Durch die eigene Brust, die Schulter, direkt dem Tunichtgut Kuper in die linke Herzkammer. Yippie-Ya-Yay, Schweinebacke, die Frau hat Nerven wie Drahtseile, womit man fast schon wieder beim Somatismus wäre. Die Produktion der nächsten beiden Kieler "Tatort"-Folgen läuft bereits. Man darf jetzt schon gespannt sein, wie sich die Dinge an der Förde entwickeln.