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Lob für die Krisen-Kanzlerin "Dem Beispiel Merkel sollte man nacheifern"

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In Ruhe und Rationalität liegt gewaltige Kraft, meint der US-amerikanische Politikwissenschafter Francis Fukuyama.

(Foto: REUTERS)

Laut dem renommierten US-Politologen Francis Fukuyama hat Deutschland die Coronakrise vorbildlich gemeistert. Im Interview erklärt er, was der Führungsstil von Kanzlerin Merkel dazu beigetragen hat. Außerdem spricht er über den Absturz der USA und Asien, das gestärkt aus der Krise hervorgehen könnte.

Der weltbekannte Politikwissenschaftler Francis Fukuyama sieht zwei große Erfolgskriterien im Kampf gegen Corona: Zum einen die "Staatskapazität", also die Fähigkeit des Staates, eigene Ressourcen etwa im Gesundheitswesen zu mobilisieren. Und zum anderen hält er den Konsens innerhalb der Gesellschaft für entscheidend. Eines der Länder, die beides gut hinbekommen hätten, sei Deutschland.

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"Einer der großen Vorteile, die Deutschland hat und in den letzten Jahren hatte, ist ein recht hohes Maß an Vertrauen in die Regierung und ein gesellschaftlicher Konsens", sagt US-Politologe Fukuyama.

(Foto: picture alliance/dpa)

"Einer der großen Vorteile, die Deutschland hat und in den letzten Jahren hatte, ist ein recht hohes Maß an Vertrauen in die Regierung und ein gesellschaftlicher Konsens, dass die Menschen glauben, dass sie in dieser Krise zusammenstehen", sagt Fukuyama im Podcast "Die Stunde Null". Und er fügt hinzu: "Ich denke, eine Führungspersönlichkeit wie Angela Merkel hat viel getan, um dies zu kultivieren. Denn sie ist sehr ruhig und rational, im Gegensatz zu Führungen in anderen Ländern. Angela Merkel ist ein Beispiel, dem man nacheifern sollte."

Francis Fukuyama ist einer der größten politischen Theoretiker der Gegenwart. Mit seinem Buch vom "Ende der Geschichte" sorgte der Stanford-Professor Anfang der 1990er weltweit für Furore - auch wenn um die These noch immer gestritten wird. Nun gibt er in dem Podcast sein erstes größeres Interview in Europa und spricht über sein Heimatland USA und die tektonischen Verschiebungen auf der Welt im Zuge der Corona-Krise.

"Alle Schwachstellen von Staaten werden nun aufgedeckt", sagt er. "Diese Krise hat viele Probleme der amerikanischen Gesellschaft offenbart, in Bezug auf die Ungleichheit aber auch das soziale Sicherheitsnetz. Die größte Schwäche der USA sei "der Grad ihrer Polarisierung". "Wenn das Land einigermaßen geeint ist, kann es eine gewaltige politische und wirtschaftliche Kraft erzeugen." Derzeit sei aber seine Führung schwach, und Kongress und das Weiße Haus würden sich gegenseitig lähmen.

Fukuyama glaubt, dass Asien insgesamt stärker und schneller aus der Krise heraus finden wird. "Die Verlagerung der Wirtschaftsmacht nach Asien wird sich fortsetzen oder gar beschleunigen. China wird ein wichtiger Akteur sein, aber nicht allein. Asiatische Länder wie Taiwan und Südkorea haben diese Epidemie besser bewältigt als Europa oder die USA", sagte der Politikwissenschaftler.

In seinem 1992 erschienenen Werk "Das Ende der Geschichte" sagt Fukuyama, dass die Geschichte einer gewissen Evolution folgt, sie passiert nicht zufällig, sondern entwickelt sich seit dem Zweiten Weltkrieg bis zum Fall der Berliner Mauer in eine bestimmte Richtung. Und zwar weg von totalitären Systemen wie dem Kommunismus und dem Faschismus hin zur liberalen Demokratie. Totalitäre Systeme seien auf lange Sicht zum Scheitern verurteilt.

Die These galt recht bald als umstritten oder gar widerlegt, weil wieder populistische oder autoritäre Regime entstanden, vor allem aber durch den Aufstieg von China. Fukuyama hat seine Theorie immer wieder verteidigt und in neuen Büchern erklärt und ergänzt.

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Angesprochen auf die These und wie die Corona-Krise sie beeinflusst, sagte er: "Wenn nun die Mehrheit der Welt entscheidet, dass eine autoritäre Regierung im chinesischen Stil die einzige Möglichkeit ist, sich vor einem Virus zu schützen, dann wird diese Hypothese untergraben. Aber ich bezweifle wirklich, dass das so kommt. Ich finde zudem, dass viele Demokratien diese Krise eigentlich recht gut meistern."

Das ganze Interview hören Sie hier bei Audio Now oder bei Apple Podcast oder Spotify. Der Corona-Schock hat Deutschland und die ganze Welt in eine tiefe Krise gestürzt. Wie verändert die Krise unser Leben? Und welche Auswege gibt es? Der Podcast "Die Stunde Null – Deutschlands Weg aus der Krise" stellt diese Fragen den Menschen, die durch die Krise steuern: Unternehmern, Wissenschaftlern, Managern, Philosophen und Ökonomen.

Quelle: ntv.de, ddi