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Samstag, 17. März 2018

Buskaschi-Saison in Afghanistan: Der Kampf ums kopflose Kalb

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Die Reiter stürmen heran, in einer Staubwolke, die die Stadt hinter ihnen verschwimmen lässt. (Foto: dpa)

Die Reiter stürmen heran, in einer Staubwolke, die die Stadt hinter ihnen verschwimmen lässt.

Die Reiter stürmen heran, in einer Staubwolke, die die Stadt hinter ihnen verschwimmen lässt.

Erst kurz vor der Tribüne stoppen sie aus vollem Galopp, Reiter rammen ineinander, ...

... Pferde steigen mit kreischendem Wiehern, die Zähne gebleckt, und können nicht zurück, gefroren im Gedränge, hohe, hölzerne Sättel krachen.

Irgendwo in der Mitte dieses wogenden Irrsinns von Pferd gegen Pferd, Peitsche gegen Peitsche und Reiter gegen Reiter liegt am Boden ein kopfloses Kalb.

Es ist Freitagmittag in Masar-i-Scharif, Nordafghanistan, die Straßen sind leer.

Das Spielfeld, das nicht mehr ist als eine weite Dreckfläche am Rand der Stadt, ist voll.

Die Buskaschi-Saison ist in vollem Gange.

"Bus" ist in der Landessprache Dari die Ziege, "kasch kardan" das Ziehen - ...

... das Ziegenziehen also, das nichtsdestotrotz manchmal mit einem kopflosen Kalb gespielt wird, bringt im Frühjahr jeden Freitag Hunderte Zuschauer und Dutzende Reiter hierher.

Buskaschi wird in Afghanistan und einigen anderen zentralasiatischen Ländern schon seit Jahrhunderten gespielt, ...

... vielleicht schon seit Dschingis Khans Horden in diesem Teil der Welt in Dörfer einritten und in vollem Galopp Frauen oder Vieh mit sich rissen.

Andere vergleichen es mit Polo, nur ohne Schläger und mit dem kopflosen Tier als "Ball".

Die Reiter zerren es mit manchmal zirkusartiger Kunstfertigkeit aus vollem Galopp vom Boden hoch oder aus den Händen eines Gegners.

Dann sollten sie es, mit bis zu 40 Kilo Kalb am Arm, um eine Flagge am Ende des Feldes schaffen und zurück bis ins Ziel, in einen Kreidekreis vor der Tribüne.

Dabei werden sie von ihren Gegnern gejagt, die nur drei Dinge nicht dürfen: anderen auf den Kopf hauen, zuschlagen, um Schmerz zuzufügen und am Pferd eines anderen ziehen.

Die massiven Sportpferde haben mit den abgemagerten Tieren im afghanischen Straßenverkehr nichts gemein.

Die meisten kosten zwischen 10.000 und 40.000 US-Dollar.

Das Zaumzeug ist farbenfroh bestickt, Sättel sind mit hübschen Teppichstücken belegt, die Pferde bemalt, ...

... aber die Reiter sind Männer in Großbuchstaben.

Sie tragen schweißdurchtränkte T-Shirts unter gepolsterten Jacken, staubige Stiefel und die Peitsche zwischen den Zähnen.

Manche tragen Panzerfahrerhauben: in Ringen gepolsterte Kappen mit Ohrlöchern, Überbleibsel von wer weiß welchen Gefechten in Jahrzehnten von Krieg und Bürgerkrieg in diesem Land.

Die Reitergruppe ist weitergezogen in die Spielfeldmitte, aber sie wird zurückkommen, denn vor der Tribüne an der Nordseite sitzt das Geld.

Der Sprecher des Provinzparlaments besitzt sieben Pferde, der Ex-Minister zehn, der Tuchhändler, der die Buskaschi-Liga Nord führt, hat drei Tiere.

Die Herren tragen die grün-blau-gestreiften Tschapan-Mäntel des nordafghanischen Ehrenmannes (oder Kriegsherrn) und feine Lammfellmützen.

Unten am Spielfeldrand stehen ihre Leibwächter mit Schnellfeuerwaffen.

Ein Reiter löst sich aus dem Gedränge und zieht davon, das Kalb am Arm, das Gesicht verzerrt. Gute Spieler legen das Gewicht nicht auf dem Pferdehals ab, ...

... sondern tragen es selber. Der Reiter schafft es samt Kalb in den Kreidekreis vor der Tribüne.

Der Ex-Minister, dem das Pferd gehört, beugt sich vor und sagt leise etwas zu dem Ansager neben ihm. "Der Reiter Nadschibullah wird von Herrn Ailaki mit 100 Dollar belohnt", ruft er ins Mikrofon. Die Band stimmt ein Lied an.

Ein Kind tanzt zur Musik im Staub. Ein reiterloses Pferd rast hinaus auf die Straße. Ein anderes geht später die Ränge hoch, mit wilden Augen, der Reiter sitzt im Dreck und hält sich den Kopf.

Manche sagen, Buskaschi sei ein Sinnbild des Chaos in Afghanistan: jeder gegen jeden, ein Krieg, nur zu Pferd.

Aber der echte Krieg in Afghanistan tötet: mehr als 10.000 Zivilisten im vergangenen Jahr, rund 8000 Soldaten.

Buskaschi dagegen mache glücklich, sagt der Chef der Liga Nord.

Eine Passion für Könige sei es. Kunst der Starken und Mutigen. Und eine Beule ist kein Kugelloch.

Sieger ist, wer das Kalb als Letzter erwischt und in den Kreidekreis bringt. Ein Mann aus der Provinz Badachschan ist es diesmal.

Der Sieger bekommt auch das Kalb. Nach all dem Gezerre soll das Fleisch sehr zart sein. (sba/dpa)

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