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Keine Urkunden, lieber Ideen Bundesjugendspiele könnten Spaß machen

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Einfach nur ein Tag, an dem Sport gemacht wird.

(Foto: imago/Norbert Schmidt)

Seit mehr als 60 Jahren gibt es die Bundesjugendspiele. Eine Mutter will das alljährliche Sportfest abschaffen und löst damit eine überfällige Debatte aus. Das kleinste Problem sind dabei sportelnde Kinder.

Eine Mutter startet eine Online-Petition, um die Bundesjugendspiele abzuschaffen, und eine ganze Nation bekommt sich in die Haare. So fühlt es sich an, seit Christine Finke ihre Aktion #bundesjugendspieleweg gestartet hat.

Nun kann man möglicherweise darüber streiten, ob die Tränen eines Drittklässlers, der nach dem üblichen Bundesjugendspieletag nur mit einer Teilnehmerurkunde nach Hause kommt, dazu geeignet sind, eine über 60-jährige Veranstaltung wie die Bundesjugendspiele zu Fall zu bringen. Was aber spricht dagegen, diese Tränen zum Anlass zu nehmen, eine ritualisierte Veranstaltung einfach mal wieder zu hinterfragen? Zumal die Vorläuferveranstaltungen dazu tatsächlich die ideologisch belasteten Reichsjugendwettkämpfe sind.

Im Meinungskrieg der Bundesjugendspielebefürworter und -gegner wird so manches deutlich, was an Argumenten für das Aufwachsen von Kindern hierzulande immer wieder herhalten muss. Ist es wirklich ausschließlich die Aufgabe von Schule, Mädchen und Jungen auf den Wettbewerb vorzubereiten, in dem sie sich dann auch den Rest ihres Lebens dauerbehaupten sollen? Ist der Sinn von Sport die Freude an Bewegung und der Genuss an einem gesunden Körpergefühl oder das Erringen von Medaillen und Urkunden und die Erfüllung bestimmter körperlicher Idealmaße? Schließen Wettkampf und Spaß einander defintiv aus?

Ungute Mischung

Die Liste der Fragen ließe sich beliebig fortsetzen. Die Debatte enthält alte Anteile, wie die Diskussion darüber, ob und wie sich Fächer benoten lassen, die in erster Linie auf persönlichen Talenten beruhen: also Kunst, Musik und Sport. Oder die Frage, ob Zensuren überhaupt nötig sind. Aber sie wird angereichert durch ein paar Zeitgeistthemen. Die neue Sorge vor verweichlichten Kindern beispielsweise, denen Eltern zu viel abnehmen. Wenn ich jedoch Finke richtig verstanden habe, hat sie gar nichts dagegen, dass ihr Sohn rennt, wirft und springt. Sie möchte nur den Konkurrenzkampf etwas weniger zelebriert sehen. Denn wer auf welchem Gebiet irgendwie Bester ist, wissen die meisten Kinder von ihren Freunden und Schulkameraden ziemlich genau und finden das in ihren eigenen Wettkämpfen auch immer wieder gern heraus.

Finke beklagt jedoch die Wertungen, die Kinder im Rahmen der Sportveranstaltung über die Leistungsfähigkeit ihres Körpers zu hören bekommen. Dazu passt, dass in vielen Kommentaren in den sozialen Netzwerken unsportlich mit übergewichtig, fernsehsüchtig und unambitioniert gleichgesetzt wird. Doch nicht jeder, der auf der Tartanbahn nicht reüssiert, ist automatisch eine sportliche Niete. Denn was bei den Bundesjugendspielen zelebriert wird, sind leichtathletische Disziplinen, bei denen auch Bombenschwimmer, Superturner oder Ballakrobaten alt aussehen können. Von Klaviertalenten, Wortverliebten oder Zahlengenies mal ganz abgesehen.

Sport und Spaß für alle

Im Beschluss der Kultusministerkonferenz von 1979, der die Bundesjugendspiele zu einer verbindlichen Veranstaltung gemacht hat, ist von einer "breitensportlich orientierten Ausprägung" der jährlichen Sportfeste die Rede. Alle Schülerinnen und Schüler sollen entsprechend ihrem "individuellen Leistungsvermögen" angesprochen werden.

Ein Tag keine Schule und dafür jede Menge Spaß auf dem Sportplatz, das klingt doch super. In vielen Kommentaren zu der Petition werden Schnupperstunden für alle möglichen Sportarten vorgeschlagen, der Verzicht auf Urkunden jeglicher Art und vor allem Wertschätzung für jede erbrachte Leistung. Damit ist man dann ziemlich schnell bei besseren Schulen und einem menschlicheren Umgang miteinander. Wenn die Tränen eines Drittklässlers nur etwas davon bewirkt hätten, wäre das mehr als eine Urkunde wert.

Quelle: n-tv.de

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