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Ein Arzt umgeht § 219a "Das Gesetz ist frauenfeindlich!"

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In Deutschland ist ein Beratungsgespräch vor dem Schwangerschaftsabbruch Pflicht. In Österreich ist das anders.

(Foto: imago/Ikon Images)

Wer in Deutschland nach einem Arzt oder einer Ärztin für einen Schwangerschaftsabbruch sucht, hat es nicht leicht. Eine offizielle Liste gibt es nicht - auch nicht bei den Beratungsstellen. Über Abtreibungen zu informieren, ist Fachkräften in Deutschland nach § 219 a untersagt. Entsprechende Hinweise auf den Internetseiten von Kliniken oder Praxen gelten als unerlaubte Werbung. Weil sie sich dem nicht beugen wollte, musste die Frauenärztin Kristina Hänel Strafe zahlen. Vor wenigen Tagen scheiterte sie mit ihrer Berufung vor dem Landgericht Gießen. Was Hänel verboten ist, ist Christian Fiala erlaubt. Er arbeitet in Österreich. In Wien leitet er das Gynmed-Ambulatorium, das auf die Betreuung und medizinische Behandlung von Frauen mit einer ungewollten Schwangerschaft spezialisiert ist. Und er betreibt die Website abtreibung-adressen.eu. Über deren Datenbank finden auch viele Frauen aus Deutschland Hilfe.

In Deutschland wird seit einer Weile wieder intensiv über Schwangerschaftsabbrüche diskutiert. Vieles, was hierzulande noch undenkbar scheint, ist in Österreich längst Realität. Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie die gegenwärtige Debatte?

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Christian Fiala leitet das Gynmed Ambulatorium in Wien. Auf abtrreibung-adressen.eu vermittelt er Frauen, die Hilfe suchen, Kontakt zu behandelnden Ärztinnen und Ärzten.

(Foto: Gynmed )

Mich irritieren die Intensität dieser Diskussion, die Ideologiebesessenheit der Leute und ihre Unfähigkeit, lösungsorientiert an die Dinge heranzugehen. Das alles ist in Deutschland extrem auffällig - auch im internationalen Vergleich. In Westeuropa hat Deutschland mit die restriktivsten Vorschriften bei Abbrüchen. Dabei steht derzeit mit Angela Merkel eine Frau an der Spitze der Regierung und mit Andrea Nahles eine Frau an der Spitze des Koalitionspartners SPD. Trotzdem geht es in dieser für Frauen so existenziellen Frage nicht voran. Alle Bemühungen werden blockiert, der Diskurs bleibt auf dem Stand des letzten Jahrhunderts.

Welche Überzeugungen von Abtreibungsgegnern oder Befürwortern restriktiver Regelungen halten Sie für Fehleinschätzungen?

Es ist erwiesen, dass man Frauen nicht dazu zwingen kann, ungewollte Schwangerschaften auszutragen. Verbote führen nicht zu mehr Geburten. Diese Ideen stammen historisch gesehen aus den Zeiten des Kaiserreichs und des Faschismus. Damals war der Wunsch nach mehr Geburten und dadurch mehr Soldaten klar formuliert. Heute traut man sich das so nicht mehr auszusprechen. Es wird dann eher mal verschämt gefragt, wer denn bitte die Renten zahlen soll. Statt deswegen das Recht auf Abtreibung zu beschränken, sollte man denjenigen, die kein Kind bekommen wollen, bestmögliche Verhütung ermöglichen und gleichzeitig diejenigen unterstützen, die Kinder wollen, damit sie mehr Wunschkinder in die Welt setzen. In Schweden und Frankreich hat das gut funktioniert. Dort ist die Geburtenrate deutlich höher als in Deutschland. (In Deutschland lag die Geburtenrate 2017 bei 1,6 Kindern pro Frau, in Schweden bei 1,85, in Frankreich bei 1,92; Anm. d. Red.)

In Deutschland besteht mit § 219a ein sogenanntes Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche. Was ist daran problematisch?

*Datenschutz

Der Begriff der Werbung ist an dieser Stelle natürlich vollkommen fehl am Platz und implizit auch frauenfeindlich. Man kann eine Frau doch nicht für einen Abbruch werben! Die Betroffenen und ihre Partner wissen am besten, ob sie noch ein Kind - meistens geht es nämlich um ein weiteres Kind - verantwortungsvoll ins Leben begleiten können oder nicht. Es gibt ein sehr schönes Video von der Kölner Kabarettistin Carolin Kebekus, das zeigt, wie wirkliche Werbung für Schwangerschaftsabbrüche aussehen würde. Das wäre vollkommen absurd und das will auch keiner. Es geht um Informationen.

Welche Auswirkungen hat ein Informationsverbot in Bezug auf Schwangerschaftsabbrüche?

Frauen mit einer ungewollten Schwangerschaft sind in einer Informations-Notlage. Keine von ihnen hat sich im Vorfeld darüber informiert, was sie tun würde, wenn sie mal ungeplant schwanger wird. Das ist wie mit einem Verkehrsunfall. Da hat sich auch nie vorher jemand schon mal den Unfallbericht im Handschuhfach durchgelesen. Wenn man in sehr kurzer Zeit sehr viele Informationen braucht, ist das Internet heute eine entscheidende Quelle. Der deutsche Staat verwehrt Frauen diesen Zugang. Fachkräfte, die am besten wissen, wie ein Schwangerschaftsabbruch durchgeführt wird, dürfen keine Auskunft geben. Damit wird seriöse Information unterbunden. Aber religiöse Fundamentalisten dürfen Falschinformationen verbreiten und sind dabei gesetzlich geschützt. Das ist doch an Zynismus kaum zu überbieten. In keinem anderen Lebensbereich wäre so etwas denkbar!

Es gibt aufgrund dieser Regelung in Deutschland kein offizielles Register, um Ärzte für einen entsprechenden Eingriff ausfindig zu machen. Sie ermöglichen mit abtreibung-adressen.eu genau das europaweit. Wie groß ist das Interesse aus Deutschland?

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Die Website abtreibung-adressen.eu bietet eine Übersicht mit Ärztinnen und Ärzten, die Abbrüche durchführen.

(Foto: Screenshot http://abtreibung-adressen.eu/)

Es gibt sehr viele Zugriffe aus Deutschland, aber nicht nur von Frauen, die Hilfe suchen, sondern auch von Beratungsstellen. Es ist vollkommen absurd, dass Frauen diese essenziellen Informationen vorenthalten werden - zumal ein Abbruch ja straffrei möglich ist. Aber die informierenden Stellen sind ebenfalls auf uns angewiesen. Ob und wie die Beratungsstellen Adressen von Ärzten weitergeben, ist in Deutschland völlig intransparent. Einerseits wissen die Verantwortlichen nicht, woher sie ihre Informationen beziehen sollen, andererseits besitzen sie viel Macht darüber, von welchen Ärzten sie die Adressen an betroffene Frauen überhaupt weitergeben. Das macht das System übrigens auch anfällig für Korruption. Was wir mit unserer Website machen ist - ich sag's jetzt mal in Anführungsstrichen - "Entwicklungshilfe aus Österreich für Frauen in Deutschland". Selbstverständlich mache ich das gerne, aber es ist unfassbar, dass so etwas im 21. Jahrhundert notwendig ist.

Die Frauen, die in Ihre Praxis kommen, konnten sich vorher auf Ihrer Website über die Formalien eines Abbruchs informieren. Wie verändert sich dadurch das Patientengespräch?

Die Qualität der Beratung nimmt signifikant zu. Es geht eben nicht mehr darum, Basisinformationen zu vermitteln, weil die bereits bekannt sind. Stattdessen können wir auf die konkrete Lebenssituation der Frauen eingehen. Darum sollte es ja eigentlich bei einem Beratungsgespräch gehen. Das, was in Deutschland manipulativ als Pflicht-"Beratung" beschrieben wird, ist aus meiner Sicht eine Beleidigung. Eine Beratung ist definitionsgemäß freiwillig. Worum es de facto geht, ist eine Unterweisung in Gebärpflicht. Das Bundesverfassungsgericht hat das 1993 klar formuliert: "Frauen haben die Pflicht zum Austragen einer Schwangerschaft." Darauf fußt auch die Beratungsregelung.

Sie treten öffentlich für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen ein. Das machen nicht alle Ärzte. Was treibt Sie an?

Ich habe in afrikanischen und asiatischen Ländern gearbeitet, in denen der Schwangerschaftsabbruch verboten ist - weil dort noch heute die Gesetze der ehemaligen Kolonialmächte aus Europa gelten. Ich habe es als klinische Routine erleben müssen, dass Frauen infolge eines illegalen Abbruchs sterben. In einem Krankenhaus kamen jeden Tag drei bis fünf Frauen halb tot zu uns - jede Woche starb eine von ihnen. Wenn man das mitgemacht hat, braucht man keine andere Motivation mehr. Warum sind Menschen, die Krieg erlebt haben, gegen Krieg? Sie wissen, wie fürchterlich das ist und dass es keine vernünftige Alternative zum Frieden gibt. Frauen müssen vollkommen frei über ihren Körper und ihre Fruchtbarkeit entscheiden können. Nur dann können sich Gesellschaften entwickeln und da haben dann auch wir Männer etwas davon.

Männer fühlen sich von der Debatte um Schwangerschaftsabbrüche oft ausgeschlossen oder sie wissen nicht, was sie dazu beitragen können. Können Sie etwas raten?

Das ist natürlich schwierig. Die biologischen Voraussetzungen sind etwas ungleich verteilt. Frauen haben einfach einen größeren Anteil an der Reproduktion - das ist so und das werden wir nicht ändern können. Zudem sind die meisten Verhütungsmethoden heutzutage für Frauen gemacht. Das heißt, als Mann hat man keine Kontrolle mehr über seine Spermien, wenn sie einmal draußen sind. Das ist für viele eine sehr schmerzhafte Erkenntnis - dafür muss man nicht Boris Becker heißen. In naher Zukunft wird es hoffentlich Verhütungsmethoden für den Mann geben und Männer werden davon Gebrauch machen. Bis dahin sind wir vollkommen abhängig von der Entscheidung der Frau. Aber wir haben alle eine Mutter, viele haben eine Schwester oder eine Partnerin, einige haben Töchter. Auf deren Gesundheit und vor allem auf ihr Überleben sind wir angewiesen. Deshalb sollten wir auch dazu beitragen, dass Frauen nicht nur bei gewollten, sondern auch bei ungewollten Schwangerschaften bestmöglich betreut werden.

Mit Christian Fiala sprach Anna Meinecke.

Quelle: n-tv.de

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