Panorama

Wie die Kouachi-Brüder Killer wurden "Die Täter sehen sich als Helden"

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Diese Fotos veröffentlichte die Polizei nach dem Attentat auf "Charlie Hebdo".

(Foto: AP)

Als forensische Psychologin hat Lydia Benecke schon mit vielen Straftätern zu tun gehabt. Bei den Attentätern von Paris sieht sie ein klares Muster, wie aus Männern mit geringem Selbstwert Tötungsmaschinen wurden.

n-tv.de: Die Brüder Kouachi sind sehr brutal vorgegangen, wie schätzen Sie diese Täter ein?

Lydia Benecke: Das sind offenbar keine typischen Gewalttäter, die schon seit ihrer Jugend aufgefallen sind. Von Natur aus hätten die beiden Männer wahrscheinlich schon ein Problem damit, andere zu töten. Es gibt persönlichkeitsveränderte Menschen, denen das gar nichts ausmacht. So schätze ich diese beiden Täter nicht ein. Sondern das sind Menschen, die sich wahrscheinlich durch eine Gruppe, die bestimmte Werte vertritt, bis zu dieser Tat verändert haben.

Was muss man tun, um das den Menschen innewohnende Tötungstabu abzubauen?

Dazu gibt es sehr gute Forschungsergebnisse von Philip Zimbardo. Der hat unter anderem bei seinem Gefängnis-Experiment erforscht, was man machen muss, um einen normalen sozialen Menschen zu einer Tötungsmaschine auszubilden. Zuerst einmal braucht man Menschen, die in einer Gruppe mit bestimmten Ideen und Werten indoktriniert werden. Dafür eignen sich natürlich besonders Menschen, die auf der Suche sind und ihrem Leben Sinn geben wollen. Das macht sie offen für radikale Ideen, dadurch erleben sie eine Erhöhung des Selbstwertes.

Wie geschieht das?

Indem jemand ihnen sagt, du kannst hier etwas Besonderes sein, für etwas Hohes eintreten. Das macht diese Ideen für sie attraktiv. Und wenn sie sich dem geöffnet haben, dann ist der nächste Schritt, ihre natürliche Tötungshemmung abzubauen. Dazu muss man ein Feindbild erschaffen, eine Bedrohungsphantasie. Es ist ganz egal, ob das politisch motiviert ist oder religiös, man muss eine radikale Idee haben. Die Struktur dahinter ist: Wir sind die Guten, dafür haben wir diese Argumente und die, die gegen uns sind, sind eine Bedrohung. Das dient als Tötungsmoral. Denn Selbstverteidigung ist ein anerkannter Grund, warum man im Notfall töten darf.

Aber reicht das, um zwölf Menschen eiskalt zu ermorden?

Man kann davon ausgehen, dass die Täter in ihren Opfern keine Menschen mehr gesehen haben. Diesen Prozess der Entmenschlichung kann man immer wieder beobachten. Es gibt in allen radikalen Systemen Schimpfwörter für diejenigen, die man töten will: Seien es Parasiten oder Ungläubige oder Tiere. Und damit sinkt die Tötungsschwelle. Das ist dann kein Individuum, dem ich etwas antue, sondern das ist eine Masse, die gefährlich ist für das Gute. Dieser Logik folgt jeder Extremist. Und dann wird das Töten geübt, beispielsweise in einem Terrorcamp.

Was bewirken diese Übungen?

Wenn jemand in ein Terrorcamp geht, dann werden durch das Gemeinschaftsgefühl und die Dynamik der anderen die letzten Zweifel ausgeräumt. Man empfindet sich dann als Bestandteil einer Gruppe, die für das Gute kämpft und spürt regelrecht, dass das richtig ist. Diese Emotion löscht jede Vernunft endgültig.

Welche Rolle könnte es spielen, dass die Attentäter in Syrien gekämpft haben sollen?

Es gibt das Phänomen der Bestätigung durch Wiederholung. Wenn jemand das erste Mal abdrückt und einen Menschen sterben sieht, bekommt er absurderweise das Gefühl, das Richtige zu tun. Denn jeder Mensch will sich als gut sehen, deshalb redet ihm sein Gehirn ein, dass das Töten auch gut und richtig ist. Sonst würde man Selbstzweifel bekommen, vielleicht an Suizid denken, das macht evolutionär keinen Sinn. Das heißt, unser Gehirn bestätigt uns in unserer Grenzüberschreitung. Deshalb ließ man früher mehrere Soldaten auf einen Menschen schießen, um genau dieses Gefühl zu zementieren. Wenn man die erste Tötungsschwelle überwindet, ist jede weitere viel einfacher.

Welche Rolle spielt es, dass die beiden Täter Brüder sind?

Meist ist es bei Tätern, die in Zweier- oder Dreierkonstellationen arbeiten, so, dass einer der ideologische Führer ist. Das ist meist die stärkere Persönlichkeit mit Führungsqualitäten. Der sucht sich dann jemanden, der zu ihm aufsieht und den er gut lenken kann. Das ist in einer Brüderkonstellation meist schon vorgegeben, der ältere ist der Anführer, der jüngere folgt. Der Ältere hat also wahrscheinlich die eben beschriebenen Stufen durchlaufen und hat dann als Modell für den Jüngeren funktioniert. Und der Jüngere wird aus familiärer Verbundenheit den Älteren wiederum bestärken, das bewirkt dann noch mal eine größere Radikalisierung. Zweifel sind irgendwann nicht mehr vorgesehen, denn sonst wäre man ja einer von den Bösen.

Mit welchen Gedanken und Gefühlen sind die Brüder in die Redaktion eingedrungen?

Der einzige Gedanke ist: Die zerstören die Welt und Gottes Ordnung und ich muss sie jetzt töten, damit die Welt ein besserer Ort wird. Die Täter sehen sich also als Helden. In einem Medienbericht hieß es, dass der ältere Bruder dem jüngeren gesagt hat: Wir erschießen keine Frauen. Sie haben also so eine Art Ehrenkodex, das verdeutlicht noch mal, dass sie sich als die Guten sehen, die nach ehrenvollen Vorstellungen kämpfen.

Einer der beiden ist ein Familienvater mit einem kleinen Kind. Wie geht das zusammen?

In seinem verzerrtem Weltbild opfert er sich wahrscheinlich, damit sein Kind in einer besseren Welt leben kann. Deshalb ist das gerade für ihn als Vater gar kein Problem, das kann sogar noch verstärkend wirken.

Was ließe sich aus diesen Überlegungen heraus für das weitere Vorgehen der Täter vermuten?

Also hätten sie ein Interesse gehabt, sich zu ergeben, hätten sie das längst getan. Offensichtlich wollten sie aber auch nicht gleich vor Ort in einem glorreichen Moment als Märtyrer sterben. Was könnte also ihr Ziel sein? In Frankreich zu bleiben, wohl kaum. Was ich mir allerdings vorstellen könnte, ist, dass sie versuchen ins Ausland zu kommen und zwar zu den Gruppen, mit denen sie sich verbunden fühlen. Dort könnten sie Anerkennung bekommen und weiterkämpfen.

Mit Lydia Benecke sprach Solveig Bach

Quelle: ntv.de