Panorama

Siegen oder Untergehen Die Todessehnsucht der Besiegten

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In den Trümmern des Flughafens Tempelhof suchen Berliner nach Ess- und Brauchbarem.

Als das angeblich "Tausendjährige Reich" nach zwölf Jahren zusammenbricht, erfasst viele Deutsche eine regelrechte Todessehnsucht. Innerhalb weniger Wochen bringen sich Zehntausende um. Sie wählen den Untergang, weil sie das Nichts kaum ertragen können.

Es beginnt im Januar 1945. Die alliierten Truppen erreichen die deutschen Grenzen. Selbst den überzeugtesten Nationalsozialisten wird immer klarer, dass der Krieg kaum noch zu gewinnen ist. Massenhaft entschließen sich die Deutschen zu sterben, sie vergiften sich, drehen die Gashähne auf, ertränken, erhängen oder erschießen sich. Ganze Familien werden ausgelöscht, den Tod suchen wohlhabende genauso wie einfache Leute, Nationalsozialisten ebenso wie Mitläufer, Einheimische wie Flüchtlinge, Alte wie Junge.

In den Erinnerungen zum Kriegsende spielt diese regelrechte Selbstmordwelle kaum eine Rolle, auch nicht in der Forschung. Dabei ist sie vielerorts genau dokumentiert. Dennoch nennt der Historiker und Publizist Florian Huber die massenhaften Selbstmorde in seinem Buch "Versprich mir, dass du dich erschießt" eine "bis heute unerzählte Geschichte". Schweigen, Verdrängen und Vergessen waren die Mechanismen der Überlebenden, mit den schrecklichen Ereignissen umzugehen. In der DDR wird jedes Rühren an die möglicherweise von sowjetischen Soldaten begangenen Verbrechen sowieso zum Tabu.

Mit Hilfe von Tagebüchern, Briefen und mehr oder weniger offiziellen Aufzeichnungen erzählt Huber vom Untergang der kleinen Leute. Was sie in den Suizid trieb, ist für Huber nach der Sichtung vieler Quellen nachvollziehbar: "Zwölf Jahre lang hatten die Deutschen gehört und verinnerlicht, entweder wir übernehmen die Weltherrschaft oder wir gehen unter." Gegen das grandiose Hochgefühl der ersten Kriegsjahre, in denen Deutschland unbesiegbar schien, war die Aussicht auf das totale Nichts vielen absolut unerträglich.

Viele Gründe zu sterben

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Hubers Buch ist im Berlin-Verlag erschienen und kostet 22,99 Euro.

In Berlin verzeichnet die Statistik im April 1945 fünfmal mehr Suizide als in den Jahren zuvor. Im vorpommerschen Demmin füllen im Mai 1945 die Toten 35 Seiten des Friedhofsbuchs. Bis zu 1000 Menschen brachten sich in der Kleinstadt um, nachdem die Sowjetarmee den Ort eingenommen hatte. "Wir erfuhren dann durch Dr. P., daß ca. 600 Menschen in die Peene gegangen wären und viele Kinder dabei waren. Er hätte sie mit herausfischen müssen und in langen Reihen neben dem Fluß mit aufgereiht. Immer noch schwemmen Leichen ans Ufer, den ganzen Tag über."

"Eine wichtige Rolle hat die Gewalt gespielt, die die Menschen erlebt haben", beschreibt Huber und verweist auf Vergewaltigungen, die Schrecken der Flucht, die Bombardements, die allgegenwärtigen Zerstörungen. "Oft reichte auch schon die Angst vor möglicher Gewalt aus, denn bevor die Alliierten einrückten, hatte die Nazi-Propaganda den Deutschen bereits die schlimmsten Schrecken ausgemalt." Außerdem wussten die Menschen ziemlich genau, was Deutsche bei ihrem Vernichtungsfeldzug im Osten angerichtet hatten. "Viele hatten gehofft, die Niederlage würde nicht eintreten und damit auch nicht die Vergeltung. Aber dann war es so weit. Daraus entstand eine Gemengelage von Angst, Schuldgefühlen, Verzweiflung und Sinnverlust, die in einer Massenpanik mündete, die sich rasch ausbreitete."

In einem Klima von völligem Sinnverlust finden die Menschen einfach keine Argumente für das Weiterleben. Hinzu kommt, dass die Deutschen über Jahre hinweg mit dem Geist der Opferbereitschaft geimpft wurden. Je näher nun die Niederlage rückt, umso offener wird der Todeskult. "Das christliche Tabu, dass man sich nicht selbst tötet, wurde in den letzten Kriegsmonaten unter dem Einfluss der nationalsozialistischen Propaganda immer brüchiger und wurde schließlich komplett aufgehoben", sagt Huber.

Im Sog des Untergangs

"Im Kreis Osterode: 'Schauder über Schauder krochen über unsere Rücken. Hätte ich doch Gift, sagte ein Mann, ich würde mich mit der ganzen Familie vergiften.' In Tempelburg bei Neustettin: 'Im Laufe des Vormittags kam der Hauswirt aus seinem Garten zurück ins Zimmer und erzählte, daß im Garten unter einem Baume vier Leichen (Männer und Frauen) lägen, während drei Leichen im Baum hingen.' In Belgard in Hinterpommern: 'Auf dem Friedhof hatte man Massengräber angelegt, da es sonst unmöglich war, die Leichen zu begraben. Viele hatten selbst Hand an sich gelegt.'"

Der Selbstmord wird zum "Massenphänomen erschreckenden Ausmaßes", vor allem in den Orten östlich der Elbe, aber durchaus nicht nur dort. Der Untergangsstimmung kann sich kaum jemand entziehen. Da spielt es schon gar keine Rolle mehr, dass auch Adolf Hitler nicht mehr unter den Lebenden ist. Sein Tod wird erst mit einem Tag Verspätung gemeldet, von Selbstmord ist keine Rede, es heißt, der Führer sei im Kampf gefallen. Den Deutschen ist das ebenso egal wie das massenhafte Ableben anderer Nazigrößen. "Sie hatten sich größtenteils von ihrem Führer abgewendet."

Wüste Seelen

Hoffnungslos blicken sie in die moralische Leere, die Dauereuphorie der nationalsozialistischen Jahre hinterlassen hat. Sie fühlen sich getäuscht und betrogen, in ihren Idealen und Werten verraten, ausgebeutet und verheizt. Statt das eigene Gewissen zu erforschen, richten sich die Deutschen in einer besonderen Opferidentität ein. Zurückkehrende Emigranten blicken in wüste Seelen, erschüttert von der Gefühllosigkeit und der Unfähigkeit zu trauern.

In den ersten Maitagen erlebt die Selbstmordwelle ihren Höhepunkt, Zyankali ist leicht zu bekommen. Wer dennoch keines hat, findet andere Wege. An einem Tag scheint der Selbstmord noch undenkbar, am nächsten ist er schon gängiges Gesprächsthema, am übernächsten nehmen Angst und Resignation dem letzten Schritt den Schrecken. Zehntausende scheiden aus dem Leben, Erhängte hängen in blühenden Apfelbäumen, Leichen treiben auf Dorfweihern. In manchen Orten bemühen sich Pfarrer oder Standesbeamte, die Vorgänge wenigstens skizzenhaft festzuhalten. Dann ist es vorbei, das Leben geht weiter.

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Quelle: n-tv.de

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