Panorama

Strategiewechsel im Herbst Drosten empfiehlt Japan als neues Vorbild

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Christian Drosten leitet das Institut für Virologie an der Berliner Charité.

(Foto: picture alliance/dpa)

Noch fehlt ein Impfstoff gegen das Coronavirus. Um eine zweite Ansteckungswelle im Herbst trotzdem verhindern zu können, empfiehlt Virologe Christian Drosten einen Strategiewechsel. Übertragungscluster formulieren, finden und isolieren, statt alle zu testen, lautet die neue Devise.

Virologe Christian Drosten empfiehlt einen Strategiewechsel im Kampf gegen das Coronavirus, um im Herbst eine zweite Ansteckungswelle und einen erneuten Lockdown zu verhindern. In einem Gastbeitrag für die "Zeit" erklärt er, dass sich das Ausbruchsverhalten seit dem Frühjahr verändert habe. Es seien immer mehr soziale Schichten und Alterskohorten betroffen, schreibt Drosten. "Waren bisher die meisten Infektionsketten nachvollziehbar, können neue Fälle bald überall gleichzeitig auftreten, in allen Landkreisen, in allen Altersgruppen."

Um das Virus trotzdem unter Kontrolle halten zu können, bis es einen Impfstoff gibt, empfiehlt er einen Blick nach Japan: Dort sei es gelungen, die erste Welle trotz einer erheblichen Zahl importierter Infektionen ohne einen Lockdown zu beherrschen.

Drosten zufolge habe das Land nicht wie Deutschland versucht, viel, aber meist ungenau zu testen, um jede Infektionskette nachvollziehen zu können. Stattdessen hat Japan wie andere asiatische Nationen auf Masken gesetzt und auf die Nachverfolgung von Übertragungsclustern. Das sind Situationen, von denen Infektionswissenschaftler sagen, dass sie typisch für eine Verbreitung des Coronavirus sind. Dazu gehört beispielsweise die Arbeit im Schlachthof oder Großraumbüro, aber auch private Familienfeiern, Gottesdienste und Clubbesuche zählen dazu.

Übertragungscluster erfassen

Um solche Cluster zu identifizieren, hat Japan nach Angaben von Drosten "offizielle Listen von typischen sozialen Situationen erstellt, in denen Übertragungscluster entstehen, und sie öffentlich bekannt gemacht." Anschließend hätten die Gesundheitsbehörden in der Kontakthistorie eines erkannten Falls gezielt nach solchen Situationen gesucht, schreibt der Virologe. Er schlägt deshalb vor, in Zukunft "nur (oder zumindest vor allem) dann mit behördlichen Maßnahmen auf einen positiven Test zu reagieren, wenn er von einem möglichen Clustermitglied stammt".

Auf diese Weise könne verhindert werden, dass die zuständigen Gesundheitsämter überfordert würden, erklärt Drosten. "Schließlich kann man das Virus ja nicht wegtesten, man muss auf positive Tests auch reagieren."

Virus verbreitet sich unterschiedlich

Der Sinn des Strategiewechsels erschließt sich nach Angaben von Drosten, wenn man sich veranschaulicht, wie unterschiedlich sich das Virus verbreitet: Manche Patienten infizieren nur einen anderen Menschen, andere gleich zehn. Während Einzelüberträger für die exponentielle Ausbreitung des Erregers aber keine Rolle spielen, könnte ein Cluster mit einem Mehrfachüberträger mehrere neue Ketten starten. Drosten empfiehlt deshalb, dass jeder Bürger in diesem Winter ein Kontakt-Tagebuch führen sollte, um mögliche Cluster möglichst schnell und auch ohne Tests identifizieren zu können: "Für Tests fehlt die Zeit.

Um diese Strategie umsetzen zu können, bräuchten die zuständigen Amtsärzte laut Drosten aber "verbindliche Vorgaben, auf die sie sich berufen können. Welche Alltagssituationen, welche Gruppengrößen sind besonders risikobehaftet?" Abgesehen vom Großraumbüro könnte das demnach auch auf Schulklassen zutreffen, darauf müsse man im Herbst gefasst sein. "Die japanische Strategie könnte helfen, die Schulen länger offenzuhalten", schreibt Drosten, "indem Cluster in Klassen gestoppt werden, bevor ganze Schulen geschlossen werden müssen."

Quelle: ntv.de, chr