Panorama

Ungeklärte Details im Fall MH370 Malaysia bleibt Erklärungen schuldig

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Im Satellitenkontrollzentrum von Inmarsat in London: Ein "bemerkenswertes Stück hochtechnologischer Detektivarbeit".

(Foto: REUTERS)

Das Rätsel um Flug MH370 bietet der Welt weiterhin mehr Fragen als Antworten: Am Tag nach der offiziellen Feststellung eines Absturzes hoffen Experten auf klärende Hinweise aus Malaysia. Die Pressekonferenz wird zur Farce. Die Skepsis wächst.

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"Warum diese Verzögerung?": Malaysia-Airlines-Chef Ahmad Jauhari Yahya, Polizeichef Khalid Bin Abu Bakar, Transportminister Hishammuddin Hussein, Luftverkehrsminister Azharuddin Abdul Rahman (v.l.).

(Foto: dpa)

Die seit dem 8. März vermisste Malaysia Airlines-Maschine ist nach Überzeugung malaysischer Ermittler zwischen siebeneinhalb und achteinhalb Stunden nach dem Start abgestürzt. Diese scheinbar präzise Angabe ergibt sich zumindest aus einer angeblich neuesten Datenanalyse, über die Malaysias Transportminister Hishammuddin Hussein nun informierte.

Für die mit Spannung erwartete Pressekonferenz in Kuala Lumpur hatte Malaysia zuvor weitere Details zu den technischen Hintergründen zur technischen Ortsbestimmung der vermissten Maschine angekündigt. Hinterher ist die Enttäuschung groß, die Liste offener Fragen wird immer länger. Denn die wichtigste Erkenntnis des Tages liefert Luftfahrtexperten keine aussagekräftigen Neuigkeiten - nur neue Rätsel.

Dass die Maschine in dem fraglichen Zeitraum ihren Flug beendet haben musste, hatte sich zuvor bereits aus der Auswertung der nachweislich aufgenommenen Treibstoffvorräte ergeben. Die maximal mögliche Flugdauer war also längst bekannt, ebenso wie der Zeitpunkt der zuletzt aufgefangenen Satellitendaten.

Warum sind sich die Ermittler in Malaysia also jetzt plötzlich so sicher, dass das vermisste Flugzeug wirklich abgestürzt ist? Nicht nur in China, wo die Wut unter den chinesischen Angehörigen besonders groß ist, stößt die Darstellung der malaysischen Behörden auf Skepsis: Die letzte Spur von MH370 wurde über das "Muster" eines Signals an einen Satelliten errechnet. Die komplizierte Analyse der Satellitendaten, die auf einen Absturz der Boeing 777-200 im südlichen Indischen Ozean hindeutet, belegt jedoch lediglich die mutmaßliche Flugbahn, erscheint aber ansonsten alles andere als eindeutig.

Greifbare Beweise für einen Absturz können die malaysischen Ermittler noch immer nicht vorlegen. Die offizielle Feststellung eines Absturzes stützt sich damit weiterhin ausschließlich auf Indizien. Die von australischen Rettungsexperten geleitete Suchaktion nach möglichen Trümmerteilen musste aufgrund widriger Wetterbedingungen im vermuteten Absturzgebiet zunächst für einen Tag unterbrochen werden.

In Peking reagieren offizielle Stellen zunehmend verärgert auf die malaysische Informationspolitik. Chinas Regierung fühlt sich offenbar auch überrumpelt durch die rasche Verkündung der tragischen Schlussfolgerungen durch Malaysias Regierungschef Najib Razak zu Wochenbeginn. Die Pressekonferenz am Dienstag sollte eigentlich neue Klarheit bringen. Stattdessen tauchen neue Fragen auf.

Offen blieb zum Beispiel, seit wann genau die malaysischen Ermittler über die Auswertung der Satellitendaten verfügen. Der Zeitpunkt ist alles andere als nebensächlich. Schließlich stützte Premierminister Razak genau darauf seine Todesnachricht an die Angehörigen. Unter Hinweis auf eine neue Auswertung vorliegender Daten hatte der malaysische Regierungschef zu Wochenbeginn zunächst die Angehörigen und dann die Weltpresse informiert, dass es keinerlei Hoffnung auf Überlebende gebe.

Rätselhafte Verzögerungen

Diese schmerzhafte Nachricht hätte er womöglich schon sehr viel früher überbringen müssen. Einem Bericht der "Washington Post" zufolge sollen Experten des britischen Satellitendiensteanbieters Inmarsat nämlich bereits am Tag nach dem Verschwinden der Maschine, also am 9. März, mit der komplizierten Analyse der mysteriösen Signale begonnen haben. Inmarsat ist der Betreiber jenes geostationären Satelliten, der von seiner Position hoch über dem Indischen Ozean aus die letzten technischen Signale der Boeing aufgezeichnet hatte. Lange sollen Auswertung nicht gedauert haben - Nachberechnung und Überprüfung durch unabhängige Experten inklusive.

Klar ist seit knapp zwei Wochen: Nach dem Ausfall der Kommunikationsgeräte an Bord sendete das verschwundene Flugzeug noch im Abstand von jeweils einer Stunde ein kurzes automatisches Signal an den nächstgelegenen Satelliten. Dieser "Handshake" genannte Vorgang besteht aus nicht viel mehr als einer kurzen Kontaktaufnahme. Weiterführende Informationen werden bei diesen kurzen "Pings" nicht übertragen.

Wertvolle Zeit verloren?

Für die Experten bei Inmarsat ergab sich aus dem Zeitpunkt der Pings und der exakten Aufzeichung von Sende- und Empfangsdaten eine Möglichkeit der indirekten Ortsbestimmung. In einer ersten Phase der Analyse konnten sie aus den Pings zwei mögliche Flugkorridore im Norden und im Süden ermitteln, in denen sich das Flugzeug zum Zeitpunkt der Signalabgabe befunden haben muss.

Ein einzelnes Signal benötigt etwa 0,12 Sekunden vom Sender im Flugzeug bis zum Satelliten in rund 38.000 Kilometer Höhe über dem Äquator, wie David Stupples, britischer Elektronikprofessor der City University in London, der amtlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua erklärte. Von einer weiter nördlich oder südlich gelegenen Position braucht es entsprechend länger. Damit lässt sich rechnen.

"Wir haben die Differenz der Geschwindigkeit benutzt, mit der das Signal vom Flugzeug die feste Position des Satelliten im All erreicht", erklärte Inmarsat-Vizepräsident Chris McLaughlin der britischen Zeitung "Telegraph". Dabei habe auch der sogenannte Doppler-Effekt eine Rolle gespielt. Mit Hilfe dieses Phänomens lässt sich auf die Bewegung eines Signalgebers schließen. Da die einzelnen Handshakes zwischen Boeing und Satellit stündlich stattfanden, verfügt der Datensatz von Inmarsat über eine vergleichsweise breite Datenreihe mit mindestens sechs Signalpunkten.

In der zweiten Phase seien die Signale mit denen anderer Flugzeuge vom Typ Boeing 777 der Malaysia Airlines auf beiden Korridoren verglichen worden, führte McLaughlin weiter aus. Das identifizierte "Muster" sei anschließend noch von anderen Wissenschaftlern gegengeprüft worden. Auch seien die Annahmen über Geschwindigkeit und Verhalten der Maschine mit Angaben des US-Flugzeugbauers Boeing abgeglichen worden. Durch die genaue Eingrenzung sei schließlich die Südroute als die wahrscheinlichste ermittelt worden, wie McLaughlin dem "Telegraph" erklärte.

Die Experten könnten "definitiv sagen, dass das Flugzeug ohne Zweifel die südliche Route genommen habe", betonte McLaughlin. Er räumt allerdings ein, dass eine solche Suche für sein Unternehmen "völlig ungewöhnlich" gewesen sei. "Es war das erste Mal, das wir gebeten wurden, zu versuchen, etwas anhand eines einzelnen Signals zu finden." Daher stammt auch der Wunsch bei Inmarsat nach einer engen Abstimmung mit der britischen Behörde für die Untersuchung von Flugzeugunglücken (AAIB) und weiteren unabhängigen Experten. Das Ergebnis ist klar: Die Daten lassen zumindest in diesem Punkt keinen Zweifel. Die letzte Spur von Flug MH370 führt weit hinaus in den Indischen Ozean westlich von Australien.

Lob für Inmarsat, Skepsis für Malaysia

Die Geschwindigkeit der Ermittlungen stößt bei Elektronikprofessor Stupples auf Bewunderung. Andere Forschungseinrichtungen hätten wahrscheinlich "drei bis sechs Monate" dafür gebraucht, zitiert ihn Xinhua. Chinesische Berichterstatter sprachen von einem "bemerkenswerten Stück hochtechnologischer Detektivarbeit", doch sind Experten in China keineswegs überzeugt.

Ohne Trümmerteile seien die Schlussfolgerungen der Malaysier "ein bisschen blind" gezogen worden, heißt es in den Berichten chinesischer Staatsmedien. Es brauche "lange Zeit", um die Ergebnisse zu verifizieren, sagt Luftfahrtexperte Wu Peixin der "China Daily". "Gibt es irgendwelche anderen Beweise?"

Verbindliche Antworten kann die Analyse der Inmarsat-Daten tatsächlich nicht liefern. Völlig unklar ist zum Beispiel nach wie vor, warum die Maschine etwa 40 Minuten nach dem Start radikal vom Kurs abwich und in einem weiten Bogen auf den Indischen Ozean hinausflog.

Trägheit im Behördenverkehr?

Weitaus schwerer wiegt dagegen der Vorwurf, die Regierung in Malaysia habe die Veröffentlichung der Satellitendaten inklusive aller Schlussfolgerungen erst mit tagelanger Verspätung eingeleitet. Das könnte, so heißt es, die Suche nach Überlebenden oder Wrackteilen massiv behindert haben. Schließlich orientierte sich die Suchaktion der multinationalen Seach-And-Rescue-Mission an den Vorgaben aus Kuala Lumpur. Und die führten erst in den Golf von Thailand, dann in die Straße von Malakka und in die Andamanensee, bevor sie in zwei riesigen "Korridoren" über halb Südostasien ausgedehnt wurde.

Dabei hätte das Suchgebiet womöglich sehr viel schneller und sehr viel genauer eingegrenzt werden können. Nach Angaben der "Washington Post" dürfte die Inmarsat-Auswertung die Behörden in Kuala Lumpur nicht vor dem 12. März erreicht haben. Sehr viel mehr Zeit sollen die Satellitenfunk-Experten allerdings nicht benötigt haben, um ihre komplizierten Berechnungen auszuführen, heißt es. "Zwei Tage nachdem die Inmarsat-Experten ihre Aufgabe bereits erledigt hatten, suchten Hilfskräfte noch immer vor der Küste Vietnams nach Trümmern," fasst die "Washington Post" die Entwicklung zusammen.

Falsche Spur in Richtung Taliban?

Danach habe es noch fast eine Woche gedauert, bis Malaysia - offenbar gestützt auf eigene Auswertung eines einzelnen Pings - die folgenschweren Angaben zu den beiden Suchkorridoren im Norden und Süden bekanntgab. Das hatte weitreichenden Konsequenzen. Militärs und Geheimdienste in mehr als einem Dutzend Staaten - von Thailand über China bis nach Kirgistan - prüften daraufhin ihre eigenen Radaraufzeichnungen. Die Welt sah sich mit dem Verdacht konfrontiert, die Maschine könnte womöglich tatsächlich entführt worden sein und theoretisch irgendwo im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet auf einem abgelegenen Rollfeld stehen.

"Warum diese Verzögerung?", fragen nun nicht wenige Experten. Unter Einbeziehung aller Daten sei schon sehr viel früher klar gewesen, dass der nördliche Korridor als Suchgebiet ausgeschlossen werden kann. Den Bergungsspezialisten der australischen Schiffahrtsaufsicht AMSA fiel die Auswertung offenbar sehr viel leichter. Schon kurz nachdem sie die Leitung der Suche im Südkorridor von den Malaysiern übernommen hatten, konnten sie das Suchgebiet auf eine sehr viel kleinere Meeresregion eingrenzen. Und das, obwohl sie dabei bereits eine mehrtägige Wirkung von Winddrift und Meeresströmungen einkalkulieren mussten.

"Die letzte bekannte Position des Flugzeugs war über dem Indischen Ozean, es kann zu dem Zeitpunkt kaum noch Treibstoff an Bord gewesen sein, es war weit und breit kein Land in der Nähe - wir können daraus schließen, dass die Maschine im Wasser endete", bemühte sich der Chef der malaysischen Zivilluftfahrtbehörde, Azharuddin Abdul Rahma, nun um Klarstellung.

Gab es Überlebende?

Die Region sei sehr abgelegen, die See rau. "Dass dort jemand 17 oder 18 Tage überlebt hat, ist extrem unwahrscheinlich." Niemand weiß bislang allerdings, ob die Maschine wirklich abstürzte oder nicht vielleicht doch im kontrollierten Gleitflug auf Wasser traf. Dann nämlich läge es zumindest im Bereich des Möglichen, dass Passagiere auf Rettungsflößen überlebt haben könnten. Bislang wurden lediglich mögliche Wrackteile aus der Luft gesichtet. Von automatischen Notfunksignalen der Rettungsbojen fehlt jede Spur. Bis zur Bergung der im Wasser treibenden Objekte, herrscht weiter Unklarheit, ob es sich bei den gesichteten Fundstücken tatsächlich um Trümmer der vermissten Boeing 777-200 handelt.

Die Ermittlungen zur Ursache des rätselhaften Flugs gingen weiter, betonte unterdessen der malaysische Polizeichef Khalid Abu Bakar beim Pressetermin in Kuala Lumpur. "Ich bin nicht in der Lage, Ergebnisse zu präsentieren, das würde die weiteren Ermittlungen behindern", erklärte er. Ermittelt werde unter anderem wegen Sabotage und Entführung. Die Behörde prüft außerdem weiter, ob Besatzungsmitglieder oder Passagiere psychische Probleme hatten.

Ermittler tappen vollkommen im Dunkeln

Regierungschef Najib Razak hatte vor zehn Tagen gesagt, es sehe so aus, als seien die Kommunikationssysteme an Bord absichtlich ausgeschaltet worden. Ein technisches Problem wie etwa Druckverlust oder Kabelschwelbrand, der Piloten und Besatzung mit giftigen Gasen außer Gefecht gesetzt haben könnte, werden demnach ebenfalls nicht ausgeschlossen.

Die Angehörigen und Freunde der Passagiere durchbrachen unterdessen in Peking eine Polizeiabsperrung vor der malaysischen Botschaft. "Wir wollen die Wahrheit", stand auf einem ihrer Plakate. In einer Erklärung erhoben sie schwere Vorwürfe: "Malaysia Airlines, die malaysische Regierung und das malaysische Militär haben mit Nachdruck und wiederholt versucht, die Wahrheit zu verstecken und zu vertuschen", heißt es darin. "Die Rettungsaktion wurde in die Irre geführt und verzögert." Und: "Wenn unsere 154 Familienmitglieder an Bord deshalb ihr Leben verloren haben, dann sind die malaysische Fluggesellschaft, Regierung und das Militär die wahren Mörder unserer Familienmitglieder."

Fast zwei Drittel der 239 Insassen der Maschine waren Chinesen. Präsident Xi schickte Vizeaußenminister Zhang Yesui als Sondergesandten nach Malaysia. Er soll sich in die Bemühungen um die Aufklärung des Rätsels um Flug MH370 einschalten.

Quelle: n-tv.de, mit dpa