Panorama

Janssens im Interview "Ohne Impfregister ist Impfpflicht relativ wirkungslos"

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(Foto: picture alliance / Kirchner-Media)

Mit Skepsis blickt Intensivmediziner Janssens auf die angekündigten Lockerungen in Bayern. Zwar sei die Omikron-Variante weniger gefährlich. Doch durch ihre hohe Verbreitung droht in vielen Bereichen Personalknappheit. Viele Fragezeichen sind zudem noch mit den Impfpflicht-Debatten verbunden.

Die Zahlen zeigen: Die Hospitalisierungsrate steigt in NRW langsam wieder an. Bisher waren eher die Intensivstationen das Problem. Sind es mittlerweile die normalen Stationen?

Das ist der Vorteil. Die Omikron-Variante ist nicht so stark in der Lage, den menschlichen Körper und vor allem die Lunge anzugreifen. Mittlerweile haben wir gute Daten, die auch erklären, warum das so ist. Es gibt verschiedene Ansätze, die darauf hindeuten, dass das Virus den Körper weniger angreift und dieser sich auch besser wehren kann. Das ist eine gute Nachricht. Aber wir sehen jetzt einen Anstieg der Patienten mit COVID-19 im normal-stationären Bereich. Das wird in den nächsten zwei Wochen noch deutlicher werden und das in besonders belasteten Bereichen Deutschlands, in Berlin beispielsweise. Der zweite Punkt, der jetzt sehr wichtig ist, ist, dass durch die hohe Infektiösität natürlich auch die Mitarbeiter im Gesundheitswesen, aber auch in allen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens - Stichwort Versorgungsbetriebe, Verkehrsbetriebe - infiziert werden, in Quarantäne oder Isolation müssen und damit für die Arbeit nicht mehr zur Verfügung stehen. Und das setzt natürlich die Krankenhäuser, aber auch andere Bereiche unter Druck.

Sie haben es gerade gesagt: Berlin schlägt Alarm. Es fehlt immer mehr Personal bei der Feuerwehr, aber auch in der medizinischen Versorgung. Sehen Sie bei sich ähnliche Tendenzen?

Ja, das ist sehr stark abhängig von den lokalen Infektionswerten. Die sind gerade in Großstädten, in Berlin, Hamburg oder München und in Großräumen sehr, sehr hoch. Hier kommt das im Westen der Republik in der Nähe von Aachen so langsam an. Auch wir haben das Problem, dass sich Mitarbeiter trotz Impfung infizieren. Sie werden nicht schwer krank, aber müssen dann natürlich zu Hause bleiben. Zweitens haben wir hier auch große Ausfälle, zum Beispiel in den Kitas. Das führt dazu, dass Eltern nicht mehr zur Arbeit kommen können, weil sie sich um die Kinder kümmern müssen. Also da gibt es Ausfälle, ohne dass direkt eine Infektion der betroffenen Mitarbeiter vorliegt.

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"Haben auch im Gesundheitswesen Skeptiker, die zum Teil auch nicht mehr abzuholen sind", sagt Intensivmediziner Janssens.

Das heißt, zum einen sehen wir, dass Personal ausfällt. Gleichzeitig erlaubt Bayern, dass wieder 10.000 Menschen ins Fußballstadion dürfen. Können Sie diese Maßnahme nachvollziehen?

Wenn das in Bayern so gewollt ist und man das tatsächlich macht, dann ist das eine Entscheidung von Herrn Söder. Er hat ganz klare Worte vor, aber vor allen Dingen auch nach der Ministerpräsidentenkonferenz gefunden. Und das halte ich für kein gut abgestimmtes Vorgehen. Was sollen wir als Mediziner dazu sagen? Das sind politische Entscheidungen. Wir plädieren ganz klar dafür, dass man zunächst vom eingeschlagenen Weg nicht abweicht, sondern die guten Maßnahmen, die auch Wirkung gezeigt haben, weiter umsetzt.

Lassen Sie uns auf die Impfpflicht schauen. Kanzler Olaf Scholz und Minister Lauterbach sprechen sich für eine Impfpflicht ab 18 Jahren aus. Schließen Sie sich an?

Wir von den Intensivmedizinern haben gestern Abend noch mal in unserer Fachgesellschaft, der DIVI, zusammengesessen und ganz klar betont, dass wir genau diesen Weg weiter mitgehen. Wir haben uns schon Ende vergangenen Jahres für eine gesetzlich verankerte Impfpflicht ausgesprochen und gesagt, wenn sie vorliegt, dann nicht nur für bestimmte Berufsgruppen - wie das Ende 2021 für bestimmte Einrichtungen beschlossen wurde- , sondern dann muss sie für alle gelten. Durch unsere medizinische Brille betrachtet sagen wir, die Impfung ist sicher. Sie ist effektiv und wirksam. Allerdings wissen auch wir in diesem Jahr noch nicht genau, wie viele Impfungen wir eines Tages tatsächlich benötigen werden. Aber wir sind doch froh, dass wir diese Impfung überhaupt haben. Ohne sie wären wir in einer desaströsen Situation.

Im Gesundheitswesen kommt die Impfpflicht auf jeden Fall ab dem 15. März. Pflegepersonal soll den Impfstoff der Firma Novovax bekommen. Glauben Sie, dadurch entscheiden sich noch mehr dazu? Oder haben Sie Angst, dass bald kein Pflegepersonal mehr da ist?

Ob ein anderer Impfstoff mit einem anderen Mechanismus als der Messenger-RNA-Technologie dazu führt, dass einige Leute die Impfung annehmen, kann durchaus sein. Das ist ja auch eine der Erwartungen und Hoffnungen, die wir bei dem proteinbasierten Impfstoff der Firma Novavax haben. Aber wir werden genauso wie in der restlichen Bevölkerung bei der Pflege und den anderen Berufen im Gesundheitswesen Skeptiker haben, die zum Teil auch nicht mehr abzuholen sind. Also es gibt auch da sehr sehr klare Meinungen.

Was wird passieren, wenn wir den Impfstatus an das Gesundheitsamt übermitteln, so wie es Gesetzestext vorsieht? Wird das Amt an Ungeimpfte ein Betretungsverbot für die Einrichtungen aussprechen? Oder ein Berufsverbot? Was sind dann die Konsequenzen? Und wie sieht das arbeitsrechtlich aus? Da kommen dann die Fragezeichen. Genauso wie wir bei der Diskussion über die allgemeine Impfpflicht noch gar nicht wissen, wie wir das erfassen, dokumentieren und was die Konsequenzen aus einer Nicht-Impfung sind. Also, das ganze Ding ist noch nicht bis zum Ende gedacht.

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Ich verstehe Herrn Lauterbach, dass er sagt, jetzt ein Impfregister auszubauen, schaffen wir nicht. Aber wir brauchen eine solche klare, strukturierte Dokumentation. Das halte ich noch für viel wichtiger, auch für zukünftige Pandemien. Ohne Impfregister, ohne klare Dokumentation wird auch ein Gesetz zur Impfpflicht relativ wirkungslos sein. So stelle ich mir das als einfacher Bürger jetzt einmal vor. Wir brauchen dringend eine solche Struktur - andere Länder machen das schon erfolgreich und sind dabei konform mit der europäischen Datenschutzgrundverordnung.

Mit Uwe Janssens sprach Vivian Bahlmann

Quelle: ntv.de

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