Panorama

Kekulé im ntv-Interview "Omikron-Welle ist kurz vor ihrem Höhepunkt"

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Alexander Kekulé ist seit 1999 Inhaber des Lehrstuhls für Medizinische Mikrobiologie und Virologie der Martin-Luther-Universität in Halle an der Saale und Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums.

Der Frühling naht, die Omikron-Welle erreicht bald den Scheitelpunkt - Virologe Kekulé zeigt sich im ntv-Interview optimistisch für die kommenden Wochen und den Herbst. Dass Kanzler Scholz Deutschlands Umgang mit der Pandemie rühmt, kann er angesichts der vielen Toten aber nur schwer verstehen.

ntv: Heute starten die ersten Apotheken in Deutschland mit Corona-Impfungen. Ist es entscheidend, dass die jetzt noch mitmachen?

Alexander Kekulé: Auf jeden Fall ist es sinnvoll, dass die Apotheken mal damit anfangen, weil wir ja relativ viele Kapazitätsprobleme hatten bei den Impfungen, zumindest phasenweise. Und im Herbst könnte es ja sein, dass es noch mal losgeht. Deshalb ist es sinnvoll, dass die Apotheken, wenn ich mal so sagen darf, schon mal üben. Jetzt ist es natürlich rein vom Ablauf her spät.

Wir warten alle auf den an Omikron angepassten Impfstoff. Was genau erwartet uns mit diesem Impfstoff und wie viel besser wird dadurch der Schutz?

Der Omikron-Impfstoff kommt zu spät, muss man leider sagen. Es ist so, dass wir dringend einen an Delta angepassten Impfstoff gebraucht hätten. Das war ja eine Variante, die wirklich viele Todesopfer gefordert hat. Da hat die Industrie eher drauf gesetzt, die Dinge zu verkaufen, die sie schon im Regal hatte. Jetzt wird an Omikron angepasst. Bis der Impfstoff dann tatsächlich verfügbar ist - da muss er vorher die Zulassung durchlaufen - wird es noch einige Monate dauern. Die Omikron-Welle ist kurz vor ihrem Höhepunkt. Wahrscheinlich wird er innerhalb der nächsten sieben Tage erreicht, und die Kurve wird genauso schnell wieder abfallen, wie sie hochgegangen ist. Omikron ist eine Variante, die immunologisch ziemlich anders aussieht als die bisherigen. Das ist ja das Gute. Dadurch sind die Krankheiten auch nicht so schwer. Aber das ist auch ein Nachteil, weil dadurch eine Impfung gegen Omikron oder auch eine Infektion mit Omikron nicht so gut vor neuen Varianten schützt, die dann vielleicht ganz anders aussehen.

Was bedeutet das dann für den Herbst?

Aus meiner Sicht wäre es eigentlich vernünftig zu sagen: Wir schauen mal, wie sich die neuen Varianten weltweit entwickeln im Laufe des Sommers. Wir werden dann im August oder so relativ gut sehen, was im Herbst auf uns zukommt. Und dann müsste man eigentlich eine darauf angepasste spezielle Variante des Impfstoffs haben, um uns im Herbst vor den neuen Varianten zu schützen.

Lassen Sie uns über die Impfquote der über 60-Jährigen in Deutschland sprechen. Da ist ein Drittel noch nicht geboostert. Haben wir Omikron vielleicht zu schnell kleingeredet?

Nein, das haben wir nicht so schnell, das war ja eher andersrum. Es war ja so, dass das Robert-Koch-Institut vor Weihnachten massiv gewarnt hat vor der schwersten Welle aller Zeiten. Auch der Corona-Expertenrat hat massiv gewarnt und sich bei der Beurteilung eigentlich erst im Januar um 180 Grad gedreht. Wir haben das am Anfang also eher zu ernst genommen. Es ist erstens so, dass wir einen Kern von über 60-Jährigen haben, etwa drei Millionen, die gar nicht geimpft sind. Das ist unser Hauptproblem, muss man sagen. Und zweitens haben wir über 60-Jährige, die noch nicht geboostert sind. Da sind aber ganz verschiedene darunter - solche etwa, die wissen, dass sie schon mal Corona gehabt haben. Die sagen natürlich zu Recht: "Wozu brauche ich jetzt zusätzlich noch einen Booster?"

Israel war lange Vorzeigeland. Da sehen wir jetzt aber auch einen Höchststand an Schwerstkranken. Zeigt uns das, dass die Omikron-Infektionen unterschätzt werden?

Dieses Virus war vor zwei Jahren noch in irgendeiner Fledermaus in Südchina unterwegs und hat sich erst ganz kürzlich an den Menschen angepasst. Das ist ein Virus, mit dem sollte man es, wenn man immunologisch überhaupt nicht geschützt ist und vielleicht auch noch Risikofaktoren hat, definitiv nicht aufnehmen. Das ist die Warnung, die man immer wieder aussprechen muss. Genauso, dass es harmlos oder relativ harmlos ist in den meisten Fällen für Geimpfte und Genesene und vor allem für solche ohne Risikofaktoren. In Israel ist die Situation ein bisschen anders. Die sind Opfer ihrer eigenen hervorragenden Gegenwehr geworden. Die haben sehr früh angefangen zu impfen, und zwar vor allem mit den Ältesten zuerst. Das war damals völlig richtig, aber jetzt ist durch den Zeitablauf dort die Situation entstanden, dass es bei dieser besonderen Risikogruppe, den besonders Alten, besonders lange her ist, dass sie geimpft wurden. Darum haben die diese Probleme in den Krankenhäusern.

Gesundheitsminister Lauterbach rechnet mit deutlichen Lockerungen vor Ostern. Wann rechnen Sie damit?

Es ist klar, dass wir jetzt mit der zunehmend warmen Jahreszeit und dem Abnehmen der Omikron-Welle wahrscheinlich in eine Situation kommen, wo die Pandemie als nationaler Notfall vorbei sein wird. Wir werden im Herbst, wahrscheinlich jeden Herbst neue Corona-Wellen mit neuen Varianten haben. Das wird aber nicht mehr so sein, dass wir deshalb so eine Art Ausnahmezustand im Land haben müssen. Und dieser Zustand beginnt jetzt mit der warmen Jahreszeit. Ob das jetzt Ostern ist oder nicht, das ist ein bisschen schwer vorherzusagen. Aber nach meiner Prognose ist es so, dass wir in den nächsten sieben Tagen das Maximum dieser Infektionswelle erreichen werden. Und es wird so sein, dass es dann relativ schnell abfällt, und dann muss man entscheiden, an welcher Stelle man tatsächlich lockert. Es wäre sicherlich nicht sinnvoll, zu lockern, solange es noch nach oben geht, dadurch würde man die Welle verlängern.

Kanzler Scholz hat gesagt, dass Deutschland in Europa am erfolgreichsten im Umgang mit der Pandemie ist. Stimmen Sie ihm zu?

Also ich wundere mich, dass ein Bundeskanzler sowas sagt angesichts von über 100.000 Toten. Wenn Sie mal gucken, wie andere Länder da durchgegangen sind … nehmen Sie Japan, da gab es trotz massiver Infektionszahlen ganz wenige Tote. Viele asiatische Länder, aber auch andere Länder in Südamerika haben es geschafft, wesentlich besser als wir da durchzukommen. Ich weiß, Politiker müssen so etwas immer sagen, aber an dieser Stelle tut mir das ein bisschen weh, wenn man an die vielen Toten in Europa denkt.

Mit Alexander Kekulé sprach Nele Balgo

Quelle: ntv.de

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