Panorama

"Erfolge scheinen sichtbar" Sinkende Corona-Zahlen - doch keine Entwarnung

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Die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland ist rückläufig - ist das schon die Trendwende?

(Foto: imago images/Rüdiger Wölk)

Einige Kennzahlen zur Corona-Pandemie in Deutschland machen Hoffnung: Die Zahl der neuen Fälle zeigt eine Abwärtstendenz. Auch in den Kliniken ist eine leichte Entspannung der Lage zu beobachten. Gleichzeitig scheint eine Verlängerung des Lockdowns bevorzustehen. Doch das dürfte andere Gründe haben.

Wenn die Einschätzungen von Politikern als Pandemie-Barometer gelten könnten, dann klart sich demnach die zuletzt düstere Lage etwas auf: "Wir haben jetzt erste Erfolge, die sichtbar scheinen in der Statistik, in der Entwicklung, bei den Infektionszahlen", sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mit Blick auf die Corona-Infektionszahlen. "Es geht in die richtige Richtung", sagte auch Karl-Josef Laumann, Gesundheitsminister in Nordrhein-Westfalen, über die Lage in seinem Bundesland. Gleichzeitig könnte morgen eine Verlängerung des Lockdowns beschlossen werden. Wie passt das zusammen?

Die jüngsten Corona-Zahlen erwecken auf den ersten Blick tatsächlich den Anschein einer Entspannung der Lage. Am Sonntag meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) einen spürbaren Rückgang der Infektionen in sieben Tagen pro 100.000 Einwohner: auf zuletzt 134,4. Vor einer Woche waren es noch mehr als 160. Der Höchstwert war mit 197,6 am 22. Dezember erreicht worden. Diese Sieben-Tage-Inzidenz bezieht sich auf den Durchschnitt von sieben aufeinanderfolgenden Tagen und eignet sich daher besser als Tagesdaten, um mögliche Tendenzen auszumachen. Die Zahlen einzelner Tage können aus unterschiedlichen Gründen schwanken: Die jüngsten, mit 7141 neuen Fällen vergleichsweise niedrige Daten des RKI etwa waren offenbar unvollständig.

Dennoch bleibt mit Blick auf die Infektionszahlen Vorsicht geboten. So hatte RKI-Chef Lothar Wieler vergangene Woche noch betont, dass die Infektionslage wegen der Feiertage zum Jahresende 2020 und der damit verbundenen geringeren Zahl von Arztbesuchen immer noch nicht einfach zu interpretieren sei. Frühestens ab Sonntag, den 17. Januar, werde es ein "realistisches Bild" von den Corona-Infektionszahlen geben.

"Intensivstationen um 10, 15 Prozent leerer"

Die Zahl der Todesfälle in Zusammenhang mit Covid-19 hat sich im Sieben-Tage-Schnitt zuletzt auf hohem Niveau stabilisiert. Seit der zweiten Januarwoche liegt sie im Schnitt bei mehr als 800 pro Tag. Zuletzt meldete das RKI 214 weitere Todesopfer. Unklar ist, inwiefern die auffällig niedrige Zahl ebenfalls von einem Übermittlungsfehler betroffen war. Die Zahl der Gestorbenen liegt nun insgesamt bei 46.633.

Eine andere Kennzahl macht allerdings Grund zur Hoffnung: "Die Intensivstationen sind um 10, 15 Prozent leerer geworden", sagte Spahn. Laut den Daten des Registers der Divi (Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin) lagen zuletzt 5003 Menschen mit Covid-19 auf der Intensivstation, davon mussten mehr als 2800 beatmet werden. Anfang Januar waren es fast 6000 Patienten auf den Intensivstationen und mehr als 3000, die beatmet werden mussten. Divi-Präsident Gernot Marx hatte vor einigen Tagen in den Zeitungen der Funke Mediengruppe eine mögliche Zielmarke von weniger als 1000 Covid-19-Intensivpatienten als Bedingung für Lockerungen ins Spiel gebracht.

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Gesundheitsminister Spahn mahnte allerdings zur Zurückhaltung angesichts leicht positiver Kennzahlen. Man sei "lange noch nicht da, wo wir hinwollen, wo wir hinmüssen, um es dauerhaft zu kontrollieren, damit es nicht gleich wieder hochflammt", sagte er in der ARD. Ein weiteres Risiko seien auch die Virus-Mutanten, die unter anderem in Südafrika, Großbritannien und Brasilien entdeckt worden waren. Bei der in Großbritannien aufgetretenen Linie B.1.1.7 wird etwa davon ausgegangen, dass diese rund 50 Prozent ansteckender ist als der Vorgänger. Auch wenn sie nach bisherigen Kenntnissen nicht tödlicher ist, kann eine höhere Infektiosität die Zahl der Intensivpatienten und Todesfälle schnell dramatisch erhöhen.

Österreich macht bereits Ernst

In Großbritannien und Irland ist B.1.1.7 bereits weit verbreitet, in England gilt seit Anfang Januar ein strenger Lockdown mit Ausgangssperren und Schulschließungen. Allerdings ist diese Virusvariante auch längst schon auf dem europäischen Kontinent angekommen. In Frankreich machte sie vergangene Woche etwa ein Prozent der positiven Corona-Tests aus, auch in Österreich ist sie laut der Wiener Regierung mittlerweile relativ weit verbreitet. Damit begründete Bundeskanzler Sebastian Kurz auch die Verlängerung des Corona-Lockdowns bis zum 7. Februar. In Deutschland waren laut dem RKI vergangene Woche bisher 16 Fälle mit der Linie B.1.1.7 bekannt.

Angesichts der Gefahr durch die Virus-Mutanten plädiert auch Spahn für neue Beschlüsse bei dem Treffen von Kanzlerin Angela Merkel mit den 16 Ministerpräsidenten am Dienstag. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff von der CDU und der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach pflichteten ihm zuletzt bei. Es müsse jetzt rechtzeitig gehandelt werden, bevor das mutierte Virus sich auch in Deutschland - ähnlich wie in Großbritannien - massiv verbreite, sagte auch Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans. Bisher gilt in Deutschland der Lockdown mit der Schließung von Gastronomie, Einzelhandel und Freizeiteinrichtungen bis Ende Januar. Dass die Schließungen verlängert werden, gilt als sicher.

Quelle: ntv.de, kst/dpa/AFP