Panorama

Impfkampagne in Italien Tornatore appelliert ans Herz der Italiener

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"Werden wir uns wiedersehen?" - Szene aus dem ersten Impfkampagnen-Video von Tornatore.

Auch in Italien muss die Regierung bei den Bürgern in Sachen Corona-Impfung Überzeugungsarbeit leisten. Jetzt springt ihr einer der beliebtesten Regisseure des Landes bei und greift zum Köder "Familie".

Mitte Oktober wollten sich noch 60 Prozent der Italiener gegen das Coronavirus impfen lassen. Mittlerweile sind es noch 40 Prozent, das zumindest geht aus einer jüngst veröffentlichten Studie der Universität Padua hervor. Italiens Regierung beziehungsweise Covid-19-Sonderkommissar Domenico Arcuri hat beizeiten Initiative ergriffen, um auch die Skeptiker vom persönlichen und gesellschaftlichen Nutzen der Impfung zu überzeugen.

Zuerst engagierte er den Stararchitekten Stefano Boeri und beauftragte ihn mit dem Entwurf für die zusätzlichen 1200 Impfpavillons, die für die Massenimpfung errichtet werden sollen. Boeri machte sich an die Arbeit und stellte schon Mitte Dezember seinen Pavillon vor: ein runder Bau, auf dem rosa Primeln zu sehen sind, das Motto dazu: "Italien wird mit einer Blume wiedergeboren". Mittlerweile sind Primel und Botschaft zum Logo der Impfkampagne geworden.

Ein Video, das die Gemüter berührt

Als zweiten Schritt wandte sich Arcuri an Giuseppe Tornatore und bat ihn um eine Videotrilogie für die Impfkampagne. Der Filmemacher und Oscarpreisträger sagte sofort zu. In einem Fernsehinterview erklärte er, er habe es als seine Pflicht empfunden, der Bitte nachzukommen. Auch er arbeitet unentgeltlich. Teil eins der Trilogie wurde Anfang der vorigen Woche zum ersten Mal im Fernsehen gezeigt. Es trägt den Titel "La stanza degli abbracci" ("Das Zimmer der Umarmungen").

Zu sehen ist ein großer Raum, in dessen Mitte eine riesige Plastikplane von der Decke bis zum Boden reicht. Auf der einen Seite nähert sich eine junge Frau, auf der anderen begleitet ein Pfleger mit Schutzkleidung eine ältere Dame. "Sehen Sie sie?" fragt er die Frau. Für einen Moment scheint die Dame von der Plane verwirrt, doch dann erkennt sie ihre Tochter. Die zwei Frauen umarmen sich, zwischen ihnen der Plastikvorhang. Die Mutter hat feuchte Augen, sie fragt die Tochter, ob sie nachgedacht, sich schon entschieden habe. "Nein, ich bin mir noch immer nicht sicher." "Zweifeln hilft", antwortet ihr die Mutter und fügt dann mit besorgtem Blick hinzu: "Werden wir uns wiedersehen?" "Natürlich, was für eine Frage", antwortet die Tochter, umarmt sie noch einmal und dreht sich dann zum Ausgang. Die Mutter nimmt den Mundschutz ab und ruft ihr noch zu: "Du musst dich selbst lieben." Plötzlich kommt ein Wind auf, die Plastikplane löst sich und fliegt weg. Begleitet wird das Video von der Musik des Komponisten und Oscarpreisträgers Nicola Piovani.

Ein wenig sentimental

Das Video mag ein wenig zu sentimental erscheinen, doch wie man weiß, steht die Familie bei den Italienern noch immer an erster Stelle. Wobei Tornatore eines besonders wichtig war, wie er im Interview hervorhob: "Die Leute, die noch Zweifel hegen, ob sie sich gegen das Coronavirus impfen lassen sollen, nicht zu kriminalisieren, sondern ihnen bei der Entscheidung zu helfen." Und da scheint der Regisseur dem Herzen mehr zu vertrauen als dem Verstand.

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Für seinen Film "Cinema Paradiso" erhielt Tornatore 1990 einen Oscar.

(Foto: imago/Pacific Press Agency)

Ob Tornatores Videos - die anderen zwei sollten bald folgen - zumindest einen Teil der Unschlüssigen überzeugen, muss sich erst zeigen. Im Moment stellt sich die Frage gar nicht, denn es mangelt, wie überall in der EU, auch in Italien an Impfstoff.

Massenimpfung muss warten

Ursprünglich hatte Sonderkommissar Arcuri damit gerechnet, bis Ende März 15 Millionen Italiener geimpft zu haben. Jetzt werden es, wenn nicht noch etwas dazwischenkommt, 7,5 Millionen sein, und zwar Ärzte, Sanitäter, Pflegepersonal in den Alters- und Pflegeheimen sowie deren Bewohner. Eventuell könnten auch die über 75-Jährigen mit schweren Vorerkrankungen drankommen. Alle anderen, angefangen beim Schulpersonal und den über 60-Jährigen, müssen sich gedulden.

Italiens Regierung ist über die Verspätung hochgradig irritiert und droht Pfizer mit einer Klage. Dass ein Umbau des Produktionsstandorts von Pfizer in Belgien zu den Lieferverzögerung geführt haben soll, will man nicht so recht glauben. Und so brodelt die Gerüchteküche. Eine der Spekulationen lautet, Pfizer habe einen Teil der für die EU bestimmten Impfdosen an arabische Länder verkauft, weil die mehr bezahlen würden.

Die Lieferverzögerung scheint außerdem einen Plan von Giuseppe Conte zu durchkreuzen. Da sich Italien nach anfänglichen Problemen bei der Verabreichung des Impfstoffes unter den EU-Ländern als besonders effizient erwiesen hat, wollte der Premier die EU-Kommission auffordern, das Verteilungskriterium zu ändern: Beim Impfen sollten besonders vorbildliche Länder den Vorrang bei den Lieferungen haben. So viel zur europäischen Solidarität.

Aber auch innerhalb Italiens scheint Solidarität nicht unbedingt an oberster Stelle zu stehen. So hat die erst vor ein paar Wochen ernannte Gesundheitsreferentin der Region Lombardei, Letizia Moratti, im Laufe ihrer ersten Pressekonferenz dazu aufgefordert, den Impfstoff nach wirtschaftlichem Beitrag der jeweiligen Regionen zu verteilen. Je größer der Beitrag, umso mehr Dosen sollte man bekommen - umso mehr sollte also die Lombardei bekommen. Nur so könne der Wirtschaftsmotor wieder anspringen, lautete ihr Argument.

Quelle: ntv.de

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