Panorama

Sehnsucht nach dem Corona-Ende "Wir lernen, mit den Toten zu leben"

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Während der Corona-Pandemie sind weltweit bisher mehr als sechs Millionen Infizierte gestorben. Nach der Pest und der Spanischen Grippe gab es einige Millionen Todesopfer mehr.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die meisten von uns sind coronamüde, haben genug von Lockdown, Abstand halten und Maske tragen. Aber wann ist Corona endlich vorbei? Ein Blick auf vergangene Seuchen wie die Pest oder die Spanische Grippe gibt Hinweise darauf.

Es scheint, als hätte Wladimir Putin Corona beendet. In den Nachrichten dominiert seit zwei Monaten nicht mehr die Pandemie das Geschehen, sondern Russlands Krieg in der Ukraine. Die Aufmerksamkeit für die Corona-Pandemie ist nicht mehr so hoch, aber das Virus ist immer noch da - und erlebt momentan einen neuen Aufschwung, ob wir wollen oder nicht. Die Infektionszahlen knacken einen Rekord nach dem anderen. Wann haben wir die Pandemie denn endlich überstanden? Vorbei ist sie noch lange nicht, sagt die Weltgesundheitsorganisation, nach ihrer Sicht befinden wir uns gerade mal in der Mitte der Pandemie.

"Eine Pandemie dauert drei Jahre. Ein Jahr kommt sie an, ein Jahr waltet sie und ein Jahr braucht sie, um zu verschwinden und diese drei Jahre haben wir noch nicht durch", hat der Mathematiker und Modellierer Kristan Schneider Ende des vergangenen Jahres bei ntv gesagt. Dass Pandemien immer drei Jahre dauern, ist aber kein Naturgesetz. Die Menschheit hat schon seit dem Mittelalter immer wieder mal mit Seuchen zu kämpfen. Und die Pest dauerte ab 1346 sogar sieben Jahre. Cholera-Pandemien gibt es seit dem 19. Jahrhundert immer wieder, die aktuell siebente - und längste Pandemie überhaupt - dauert schon seit den 1960er Jahren. Die Spanische Grippe von 1918 bis 1920 wiederum war nach zwei Jahren vorbei.

"Es gibt zwei Modelle, die momentan diskutiert werden, wie Pandemien enden. Das eine ist das Pockenmodell, das andere ist das Influenza-Modell", sagt der Historiker Malte Thießen, Leiter des LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". "Es wird wahrscheinlich das Influenza-Modell. Das heißt, wir werden langfristig mit Corona leben müssen. Auch die endemische Lage heißt ja nicht, dass es vorbei ist." Der Historiker erwartet, dass das Sars-CoV-2-Virus jedes Jahr mutiert zurückkommt, mal mehr, mal weniger schwer, so wie die Influenzaviren. Der Erreger hat uns bereits mit mehreren Mutationen überrascht. "Deshalb ist eine Ausrottung des Virus ein Traum, der bei früheren Pandemien zu Recht geträumt worden ist, bei Corona erst einmal unrealistisch."

Wie und wann wird die Corona-Pandemie enden?

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie Pandemien enden können. Einmal gibt es das medizinische Ende. Das bedeutet, es gibt viel weniger Infizierte und Tote. Entweder, weil viele Menschen schon krank waren und deshalb immun geworden sind - oder, weil es Impfstoffe oder Medikamente gibt. Das trifft auf die Corona-Pandemie bisher nicht zu. Das andere Szenario ist: die Menschen entscheiden sich bewusst dazu, mit der Krankheit zu leben. Das nennt man das soziale Ende einer Seuche.

"Gesellschaften gewöhnen sich an Pandemien. Das ist eine eher bittere Erkenntnis, dass man seinen Frieden macht mit der Pandemie, dass man lernt, mit den Toten zu leben. Das bemerken wir zum Teil jetzt schon, eine gewisse Abstumpfung, dass wir nach wie vor erschreckend hohe Todeszahlen haben, die im Gegensatz zum Anfang der Pandemie fast überhaupt keine Rolle mehr spielen", stellt Thießen fest.

Auch die Corona-Pandemie könnte so enden. Wenn sich die Krankheit zwar weiter verbreitet, die Leute aber keine Angst mehr vor ihr haben und wieder so leben wollen wie vorher. Bei der Spanischen Grippe Anfang des 20. Jahrhunderts war es eine Kombination: Weltweit sind 50 Millionen Menschen gestorben, viele waren auch immun geworden. Gleichzeitig wollte die Bevölkerung nach dem Ersten Weltkrieg wieder mit dem richtigen Leben beginnen und hielt die Vorsichtsmaßnahmen nicht mehr ein.

"Man war nicht bereit, bewusst Schulen oder Fabriken zu schließen. Selbst in den USA oder in Großbritannien war man doch recht pragmatisch. Da ließ man die Häfen und Eisenbahnlinien offen, obwohl Mediziner warnten: Das geht nicht, wir müssten hier dichtmachen. Da spielte der Welthandel, überhaupt die Wirtschaft, eine sehr viel größere Rolle als Gesundheit", berichtet Thießen.

Corona ist "Zäsur in der Seuchengeschichte"

Mit der Spanischen Grippe sei die Corona-Pandemie kaum zu vergleichen, betont der Historiker im Podcast. "Ich halte Corona für eine Zäsur, die wir in einer Seuchengeschichte noch nie gesehen haben. Dass wir eine ganze Gesellschaft in den Pausenmodus stellen, auf Abstand gehen. Das ist etwas, was es so noch nie gegeben hat."

Und es gibt noch einen entscheidenden Unterschied im Vergleich zu damals: Wir haben Impfstoffe. Das Impfen und die Impfprogramme hätten dazu geführt, dass wir Seuchen praktisch vergessen haben. Deshalb habe uns Covid-19 vor zwei Jahren so überrascht. "Wir leben seit den 1970er Jahren im Zeitalter der Immunität. Für uns waren Infektionskrankheiten etwas Altertümliches oder etwas von fernen Kontinenten, aber nichts, was bei uns ein Problem ist. Die Warnung drang nicht durch, weil das Aufmerksamkeitsfenster für Pandemien nicht geöffnet war."

Was für Corona ein Traum bleiben wird, wurde bei den Pocken geschafft - die einzige Seuche überhaupt, die ausgerottet werden konnte. Selbst den Erreger der Spanischen Grippe, das H1N1-Virus, gibt es bis heute, wenn auch in abgeschwächter Form. Zwischen dem Pockenvirus und dem Sars-CoV-2-Erreger gibt es aber entscheidende Unterschiede: Bei den Pocken ist der Mensch ist der einzige Wirt. Und wer geimpft wurde, war lebenslang immun.

Polizei holt Schüler zur Zwangsimpfung ab

Im 19. Jahrhundert starb jeder Fünfte an den Pocken. Erste Versuche mit Impfungen gab es zwar schon im 18. Jahrhundert, die globale Impfkampagne begann aber erst 1967, mitten im Kalten Krieg. "Da sitzen sich zwei Machtblöcke bis an die Zähne bewaffnet gegenüber. Trotzdem schaffen es die USA und die UdSSR in der Zeit, sich zusammenzusetzen und die Weltgesundheit ganz oben auf die Agenda zu setzen und damit die Pocken auszurotten. Das ist die Erfolgsgeschichte der Pockenimpfung, das globale Denken", berichtet Thießen. 1980 erklärte die WHO die Welt für pockenfrei.

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Bis dahin war es aber ein sehr langer Weg. In Deutschland hat Bayern 1807 als erstes Land der Welt eine Impfpflicht gegen Pocken eingeführt. 1874 galt sie dann auch deutschlandweit. Wer sich nicht impfen lassen wollte, musste ins Gefängnis oder Strafen zahlen - oder wurde in einigen Fällen sogar zur Impfung gezwungen. "Da gibt es dann Szenen, dass die Polizei zu den Schulen marschiert. Die greift sich das Kind, was geimpft werden soll aus dem Unterricht, zerrt es zum Arzt, hält es fest und impft es", so Thießen.

Doch dieser Impfzwang war eher kontraproduktiv als nützlich. "Diese Zwangsimpfung ist das Übergriffigste, was man sich vorstellen kann. Das macht sehr schlechte Presse. Und das stößt selbst bei denen auf Kritik, die die Impfpflicht durchaus befürworten, weil alle sagen, so weit können und sollen wir nicht gehen." Daher sei die Zwangsimpfung nur selten umgesetzt worden, sagt Thießen. "Man belässt es dann bei Sanktionen, bei Geldstrafen oder Gefängnisstrafen. Und die bringen die Quote nicht besonders hoch."

Nächster Corona-Winter wird weniger schlimm

Rund 150 Jahre später wird in Deutschland aktuell über eine allgemeine Impfpflicht diskutiert. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hofft, dass das der Schlüssel ist, um die Pandemie zu beenden. Wer in die Vergangenheit schaut, könnte Zweifel daran bekommen. "Sie mobilisiert die, die gar nicht unbedingt etwas gegen das Impfen haben, die aber mit einer Impfpflicht plötzlich ganz andere Ängste bekommen. Die Ängste vor dem totalen Staat, vor einem Eindringen in die Privatsphäre, vor einer Entscheidung über den Körper."

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Der Blick in die Geschichte zeigt, dass die praktische Umsetzung der Impfpflicht sehr aufwändig war. "Sie kostet unheimlich viele Ressourcen. Eine Impfpflicht muss ja nicht nur beschlossen, sondern auch kontrolliert und umgesetzt werden." Schon im 19. Jahrhundert habe die Polizei über die Mehrbelastung geklagt, erzählt Thießen. "Es gibt entsprechende Polizeiberichte, die dann sagen, wir haben eigentlich Besseres zu tun, als Müttern und Kindern zur Impfung hinterherzulaufen."

Ob und wie die Impfpflicht in Deutschland kommt, will der Bundestag Anfang April entscheiden. Was Experten aber jetzt schon vorhersagen: im Herbst droht eine neue Corona-Welle. Und es werden immer wieder neue Mutationen auftauchen. Immerhin: Malte Thießen sagt voraus, dass die Wellen in Zukunft kleiner werden - und der kommende Corona-Winter nicht so schlimm wird wie der letzte.

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(Dieser Artikel wurde am Sonntag, 20. März 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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