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Fragen & Antworten zum Haftantritt Was hat Hoeneß gemacht? Was erwartet ihn?

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(Foto: picture alliance / dpa)

Der Präsident des FC Bayern hat mit unglaublichen Summen jongliert, viel Geld gewonnen und viel verloren. Warum muss er trotz einer Selbstanzeige ins Gefängnis? Wie wird er dort leben? Und was kommt danach? n-tv.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was hat Uli Hoeneß gemacht?

Uli Hoeneß hat mit Spekulationen auf einem schweizerischen Konto der Bank Vontobel zwischenzeitig viel Geld verdient und dieses bei seiner Steuererklärung in Deutschland nicht angegeben. Er handelte mit Wertpapieren, die er zum Teil nach eigener Aussage selbst nicht verstand. Es ging ihm dabei offenbar nicht darum, möglichst effektiv Geld anzulegen. Eher betrachtete er die Spekulationen als ein Hobby. "Das war der Kick. Das pure Adrenalin", sagte Hoeneß vor Gericht. Von 2002 bis 2006 habe er "richtig gezockt". "Es waren Summen, die für mich heute schwer zu begreifen sind." Ab 2006 sei es "schwierig" geworden, ab 2008 sei es zu einem "rapiden Verfall meines Vermögens" gekommen. Ganze 18 Millionen Euro verlor er an nur einem Tag. Unterm Strich habe er Millionenverluste erlitten.

Zu Details seiner Geschäfte wirkte Hoeneß vor Gericht häufig überfragt. Auch an zweistellige Millionenbeträge konnte er sich nicht genau erinnern. "Letztlich war es ein großes Durcheinander", sagt er selbst. Er habe nie Kontoauszüge gesehen, auch keine sehen wollen. "Ich habe mir über diese Themen gar nicht so viele Gedanken gemacht".

Laut Staatsanwaltschaft bestand das Konto schon seit den 1970er Jahren. Ein Teil des Geldes, rund 10 Millionen D-Mark, kam von Hoeneß selbst. 2001 kamen 5 Millionen Mark in bar und 15 Millionen Mark als Bürgschaft vom inzwischen verstorbenen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus hinzu. Hoeneß zahlte dieses Geld ein Jahr später inklusive Zinsen zurück.

Hoeneß' Geschäfte hatten ein hohes Ausfallrisiko und gleichzeitig eine hohe Hebelwirkung. So konnte er in guten Zeiten sein Geld vervielfachen, verlor aber auch viel Geld in kurzer Zeit.

Wofür wurde er verurteilt?

So entstand Hoeneß' Steuerschuld

Laut Urteil fielen folgende, nicht gezahlte Steuerbeträge, inklusive Solidaritätszuschläge an.
2003: 14,9 Millionen
2004: 142.000
2005: 10,7 Millionen
2006: 323.000
2007: 1,1 Millionen
2008: 894.000
2009: 268.000

Unbestritten ist, dass Hoeneß Gewinne erzielte und diese nicht in seiner Steuererklärung angab. Laut Urteil hätte er 28,5 Millionen Euro mehr an Steuern zahlen müssen. Das ist allerdings eine "Best Case"-Berechnung zugunsten des Angeklagten. Wie viel Steuern Hoeneß tatsächlich hinterzog, brachte der Prozess nicht ans Tageslicht. In der Anklage war ursprünglich sogar nur von 3,5 Millionen Euro die Rede, zu Beginn des Verfahrens hatte die Verteidigung eine Summe von 18,5 Millionen genannt.

Das Urteil lautet auf drei Jahre und sechs Monate Haft ohne Bewährung. Richter Rupert Heindl machte bei der Urteilsverkündung deutlich, dass er das Urteil keineswegs als besonders hart ansieht. Strafmildernd wertete er, dass Hoeneß "sich selbst ans Messer geliefert" habe, ebenso die Lebensleistung des Angeklagten und auch die von ihm gezahlten Steuern. Strafverschärfend sei jedoch die Höhe der hinterzogenen Steuern zu werten.

Warum wurde Hoeneß trotz Selbstanzeige verurteilt?

Im Zentrum des Verfahrens stand die Frage, ob Hoeneß' Selbstanzeige vom Januar 2013 gültig war. Es ist eine Besonderheit des Steuerrechts, dass sich Steuerhinterzieher selbst anzeigen und damit einer Strafe entgehen können. Dazu muss die Anzeige allerdings freiwillig erfolgen und nicht erst dann, wenn der Steuerhinterzieher damit rechnen muss, aufzufliegen.

Der Richter war aber überzeugt, dass Hoeneß von Angst getrieben war, weil er eine Veröffentlichung des "Stern" befürchtete. Er habe viele Jahre Zeit gehabt, seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. "Sie haben dies nicht getan, sondern, wie Sie selbst gesagt haben, auf Zeit gespielt", so der Richter – und berücksichtigte die Selbstanzeige nicht.

Hoeneß Verteidiger sprach von einer "verunglückten" oder "nicht idealen Selbstanzeige", die aber trotzdem wirksam sei. Die Urteilsbegründung legt nahe, dass diese Ansicht nicht vollständig absurd ist – der Richter äußerte sogar die Vermutung, dass ein anderes Finanzamt eine solche Selbstanzeige möglicherweise akzeptiert hätte. Ein bisschen hatte Hoeneß auch einfach Pech.

Warum beantragte Hoeneß keine Revision?

Nach dem Urteil kündigte Hoeneß' Anwalt an, vor den Bundesgerichtshof zu ziehen. Das erschien auch sehr plausibel: Erstens gehört der Fall zu den größten je in Deutschland verhandelten Steuerhinterziehungsprozessen. Zweitens könnte der BGH so noch einmal darüber verhandeln, wann eine Selbstanzeige missglückt ist – das ist bislang nicht zweifelsfrei geklärt. Und drittens wäre es durchaus möglich gewesen, dass der BGH ein milderes Urteil, wenn nicht gar einen Freispruch ausspricht.

Dass sich Hoeneß einen Tag nach Ende des Prozesses gegen die Revision entschied, mag daran liegen, dass der BGH ebenso gut ein härteres Urteil hätte fällen können. Vielleicht wollte sich Hoeneß aber auch als geläutert präsentieren. In einer persönlichen Erklärung schreibt er selbst: "Das entspricht meinem Verständnis von Anstand, Haltung und persönlicher Verantwortung. Steuerhinterziehung war der Fehler meines Lebens. Den Konsequenzen dieses Fehlers stelle ich mich." Später sagte er: "Wir hätten dieses Drama nicht weitere zwölf bis 18 Monate ertragen können."

Warum geht Hoeneß erst jetzt ins Gefängnis?

Den Tag seines Haftantritts konnte sich Hoeneß innerhalb einer Zwei-Wochen-Frist selbst aussuchen. Wann diese beginnt, hängt davon ab, wann er die entsprechende Ladung in seinem Briefkasten findet. Hoeneß war bislang nicht in Untersuchungshaft, weil offenbar keine Fluchtgefahr und keine Wiederholungsgefahr bestanden. Der Haftbefehl war außer Vollzug gesetzt worden.

Wann kommt er wieder raus?

Die Haftstrafe wäre am 2. Januar 2018 komplett abgesessen, doch es ist fraglich, ob es so weit kommt. Hoeneß könnte bei guter Führung nach Verbüßung von zwei Dritteln seiner Haft entlassen werden, also nach zwei Jahren und vier Monaten.

Möglich ist, dass Hoeneß bald Freigang bekommt, dann könnte er den Tag über das Gefängnis verlassen und einem normalen Job nachgehen. Außerdem hat das Gefängnis eine Außenstelle in Rothenfeld. Dort sind die Bedingungen etwas angenehmer. Die Häftlinge kümmern sich um 1200 Rinder, Ziegen, Damwild und Geflügel oder helfen bei der Arbeit im Gemüsegarten und im Wald. Dort könnte Hoeneß auch seinen gelernten Beruf Metzger ausüben.

Warum muss Hoeneß nach Landsberg?

Wegen des großen Interesses am Fall Hoeneß lud das Oberlandesgericht München die Medien vorab zur Besichtigung der Justizvollzugsanstalt Landsberg am Lech ein. Hoeneß sah seine Privatsphäre verletzt und beschwerte sich. Seine Bitte, in ein anderes Gefängnis zu gehen, wurde aber abgelehnt. Daran ändert offenbar auch ein Erpressungsversuch nichts. An Hoeneß' Privatadresse soll ein Schreiben eingegangen sein, das ihn und seine Familie bedroht. "Ihre Haftzeit wird kein Zuckerschlecken", soll in dem Brief gestanden haben. Angeblich hat sich ein Insasse der JVA Landsberg dazu geäußert, der mutmaßliche Erpresser muss mit einer Anklage rechnen.

Mindestens eine Konsequenz hat der Einzug des prominenten Häftlings aber. Das Gefängnis ließ Planen an einem Zaun anbringen, der bislang einen Blick von außen in die Haftanstalt ermöglichte. Außerdem wurden an den Zufahrten Schilder angebracht, die darauf hinweisen, dass der Zutritt zum Gelände verboten ist.

Wie sieht Hoeneß' Alltag im Gefängnis aus?

Günter Netzer hat seinen Besuch schon angekündigt. Allerdings dürfen nur zweimal im Monat für je zwei Stunden bis zu drei Gäste kommen. Die Treffen finden in einem eigenen Besucherraum statt, der ständig überwacht wird. Ob Hoeneß eine Einzelzelle bekommt oder mit bis zu fünf anderen Häftlingen zusammenwohnt, entscheidet die Gefängnisleitung. Ein ehemaliger Insasse rät Hoeneß, sich so schnell wie möglich unterzuordnen: "In der JVA ist er nicht besser als derjenige, der zwei Flaschen Wodka bei Aldi geklaut hat. Erst wenn er das checkt, wird er anerkannt." Neben Schwerverbrechern wird er nicht sitzen. Nach Landsberg kommen nur Ersttäter und Verurteilte mit Haftstrafen von bis zu fünf Jahren. Die Zellen sind in der Regel offen, es gibt einen Gemeinschaftsraum mit Fernseher.

Was hat er seit dem Urteil gemacht?

Nachgedacht, offensichtlich. Bei einer Bayern-internen Feier ein paar Wochen nach dem Prozess wandte sich der Übervater des Vereins unter Tränen direkt an die Spieler: "Ihr verdient alle gutes Geld. Macht so etwas nie." Ein Amt hatte er da schon nicht mehr inne. Einen Tag nach dem Urteil legte er seine Posten als Vereinspräsident und als Aufsichtsratschef nieder.

Nicht die einzige Sache, die er in Ordnung bringen musste. Seine Mitgliedschaft in der Hall of Fame des deutschen Sports legte er vorsorglich nieder. Sie hatte ihn 2009 als "Fußball-Manager mit sozialem Gewissen" aufgenommen und mit der Goldenen Sportpyramide für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Damit kam er wahrscheinlich einem Ausschluss bevor.

Ansonsten kümmerte er sich um die Belange seiner Wurstfabrik – ein Mitarbeiter der "Abendzeitung" hatte am 25. Mai plötzlich einen wutentbrannten Uli Hoeneß am Telefon. Der Grund für die Aufregung: Die Zeitung hatte einen Wurst-Test der Stiftung Warentest veröffentlicht, allerdings einen alten von 2010. Da hatten die Rostbratwürstchen Marke Hoeneß nur Rang drei belegt – im aktuellen aber Rang zwei. Der Unterschied war Hoeneß dann doch wichtig.

Ebenso emotional, aber eher mit ruhigen Tönen, präsentierte sich Hoeneß auf der Außerordentlichen Hauptversammlung des FC Bayern München am 02. Mai. Die Unterstützung des Vereins habe ihm gut getan – "wie mir alles gut tut, was von Seiten des Klubs, der Mitglieder und vieler Fans an mich und meine Familie herangetragen wird."

Wie steht er jetzt zum FC Bayern?

Ein offizielles Amt bekleidet er nicht mehr, die letzten Saisonspiele seines Vereins verfolgte er als Privatmann von der VIP-Tribüne aus - angeblich auch das DFB-Pokalfinale gegen Borussia Dortmund. Der Rekordmeister bleibt sein Verein, wie er selbst nach seinem Rücktritt sagte: "Ich werde diesem großartigen Verein und seinen Menschen auf andere Weise verbunden bleiben, solange ich lebe."

Einen FC Bayern ohne Uli Hoeneß konnte sich offensichtlich ohnehin keiner der Verantwortlichen vorstellen. Vom Wochenende vor der Urteilsverkündung ist eine Zusammenkunft zwischen Hoeneß, Karl-Heinz Rumenigge, Edmund Stoiber und anderen Klub-Oberen verbürgt. Nicht einmal der Ex-Kanzlerkandidat, der ein feines Gespür für politische Entscheidungen hat, legte Hoeneß einen Rücktritt nahe.

Distanziert hat sich der Verein nie, im Gegenteil. "Uli Hoeneß ist Kopf, oft Bauch, stets Herz und immer Seele von Bayern München", erklärte Karl Hopfner, Hoeneß' Nachfolger: "Für die dir bevorstehende schwierige Zeit wünschen wir dir Kraft. Du kannst danach selbst entscheiden, was du machen möchtest." Das lässt Spielraum für eine Rückkehr.

Wie wahrscheinlich ist eine Rückkehr zum FC Bayern?

Hoeneß selbst würde gern weitermachen, daran hat er keinen Zweifel gelassen. "Ich werde für alles geradestehen. Und dann, wenn ich zurück bin, werde ich mich nicht zur Ruhe setzen. Das war's noch nicht", sagte er in seiner Abschiedsrede bei der Bayern-Hauptversammlung. Dagegen sprechen die Compliance-Verpflichtungen der Partner des FC Bayern. "Die Beachtung von Gesetz und Recht ist für die Adidas-Gruppe oberstes Gebot", heißt es etwa im Verhaltenskodex des Sportartikelherstellers, der 8,33 Prozent der Anteil an der FC Bayern AG hält. Den selben Anteil besitzt Audi. Dessen Dachmarke VW erklärt in seinem "Code Of Conduct" unter anderem, nur mit solchen Geschäftspartner Beziehungen zu unterhalten, von deren Integrität sie überzeugt sind. "Hält sich ein Geschäftspartner von Volkswagen nicht an diese Anforderungen, behält sich Volkswagen vor, die Geschäftsbeziehungen zu diesem Geschäftspartner durch außerordentliche Kündigung zu beenden." Eine Zusammenarbeit mit einem verurteilten Steuerhinterzieher dürfte VW einen ernsten Interessenskonflikt einbringen. Allerdings: Allen Compliance-Regeln zum Trotz hatten auch die Anteilseigner stets zu Hoeneß gehalten. Der Aufsichtsrat hatte sogar ein Rechtsgutachten eingeholt, das dem Gremium erlaubte, trotz des eröffneten Verfahrens an seinem Chef festzuhalten. "Das Gesetz kennt kein Amtsverbot wegen einer strafrechtlichen Verurteilung", hieß es in einem Statement. Die Tür für eine Rückkehr steht offen.

Quelle: ntv.de

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