Panorama

Gerechte Verteilung bei Dürren Wer bekommt Wasser, wenn es knapp wird?

249643100.jpg

Ausgetrockneter Ackerboden: Pflanzen wachsen da kaum.

(Foto: picture alliance/dpa)

In den USA befinden sich knapp 90 Prozent der westlichen Bundesstaaten in einer Dürreperiode. Viele Regionen sind so trocken, dass die Menschen um das verbliebene Wasser streiten. Eine Entwicklung, die auch in Deutschland droht. Eine nationale Wasserstrategie soll das verhindern.

Deutschland trauert nach einer der schlimmsten Flutkatastrophen aller Zeiten um fast 200 Menschen. Auch China, Indien und die Türkei melden schwere Regenfälle und viele Todesopfer. Gleichzeitig lodern Waldbrände in beliebten europäischen Urlaubsregionen. An der Nordwestküste der USA waren sie teilweise so groß, dass sie eigene Gewitter erzeugt haben. Und das nur wenige Wochen, nachdem die Temperaturen in der Region und in Westkanada durch eine "Hitzekuppel" auf 50 Grad Celsius gestiegen sind.

Die Wissenschaft ist sich einig: Das sind direkte Auswirkungen des Klimawandels. Genauso wie die Trockenheit, unter der die Menschen in den Vereinigten Staaten ein paar Hundert Kilometer weiter südlich leiden. Sie können schon seit ein paar Jahren dabei zuschauen, wie ihnen langsam das Wasser ausgeht. Ortschaften und Branchen streiten darum, wer das wenige kühle Nass, das es noch gibt, bekommt. Sie führen die ersten Wasserkriege.

Ein Begriff, den Jörg Rechenberg ungern verwendet. Er leitet am Umweltbundesamt das Fachgebiet "Übergreifende Angelegenheiten Wasser und Boden". Hinter diesem Titel verbergen sich rechtliche und ökonomische Aspekte der Wasserwirtschaft, aber auch Extremwetterereignisse wie Dürren, Starkregen oder Hochwasser. Der Wasserexperte weiß, dass die Konkurrenz um Wasser auch in Deutschland zunimmt. "Unter anderem wird die Landwirtschaft einen größeren Bedarf anmelden", sagt er im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". "Das ist absehbar und auch legitim. Man muss sich nur eben überlegen, wie man das verteilt."

Rechenberg vergleicht die Situation mit einer Torte auf einer Geburtstagsfeier. "Die hat bisher für alle Gäste gereicht. Aber zu bestimmten Jahreszeiten wird die Torte kleiner, während immer noch mehr Gäste hinzukommen."

"Die Torte wird kleiner"

In Deutschland ist dieses Problem noch nicht akut, im Westen und Südwesten der USA schon. Im Bundesstaat Utah beispielsweise ist die Situation so gravierend, dass die Kleinstadt Oakley kurzerhand einen Baustopp für Neubauten verhängt hat. Erst wenn die Wasserversorgung der bestehenden Bevölkerung gesichert ist, darf die Stadt weiter wachsen.

Im Grenzgebiet von Kalifornien und Oregon gefährdet die extreme Dürre den Wildlachsbestand. Der Fluss Klamath führt zu wenig Wasser und ist zu warm, viele Fische verenden. Um die wichtige Nahrungsquelle der Menschen zu retten, haben die zuständigen Behörden die Wasserversorgung der angrenzenden Felder gekappt. Zum Unmut der Landwirte, die um ihre Ernte fürchten, und der Wasserversorger und Privathaushalte, die sich um ihr Trinkwasser sorgen.

"Und der Ökosysteme, die von sich aus in die Knie gehen. Dann stellen sie fest, dass sie keinen Wald mehr haben", ergänzt Wasserexperte Rechenberg. "Das sind die Konsequenzen, die wir gegeneinander abwägen müssen. Das ist die Kunst des Bewirtschaftens unter neuen Randbedingungen."

"Außergewöhnlich trocken"

244688340.jpg

Am Hoover-Damm in Nevada staut sich so wenig Wasser wie noch nie. Der weiße "Rand" an den Felsen zeigt es deutlich.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Neue Randbedingungen, die im Westen der USA so aussehen: Etwa 88 Prozent der Region befinden sich aktuell in einer Dürreperiode. Weite Teile von Arizona, Kalifornien, Nevada, Oregon, Utah und Washington weist der US-Dürremonitor sogar als "außergewöhnlich trocken" aus. Lake Mead, der größte Stausee der USA, der Kalifornien, Nevada und Arizona mit Wasser versorgt, führt so wenig Wasser wie noch nie. In Kalifornien sind die Anwohner und Unternehmen deshalb schon seit Jahren per Gesetz dazu verpflichtet, ihren Verbrauch zu reduzieren. Nicht alle halten sich daran. Cannabisbauern verschlimmern die Lage, weil sie Wasser für ihre illegalen Plantagen stehlen.

In Deutschland ist die Lage nicht annähernd so dramatisch, das Problem aber ähnlich, der Trend lässt sich nicht leugnen. Das zeigen die Daten des Umweltbundesamtes eindeutig: Im Jahr 2018 war es in Deutschland 25 Prozent zu trocken, 2019 sieben Prozent, 2020 zehn Prozent.

241691604.jpg

Unter diesem Phänomen leidet auch der Lake Mead wenige Hundert Kilometer flussaufwärts in Arizona. Er wird vom Hoover-Damm aufgestaut.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

"Kritisch wird es vermutlich zuerst im Nordosten von Deutschland", sagt Jörg Rechenberg. In Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt habe es tendenziell schon immer etwas weniger Regen gegeben als in anderen Landesteilen. Diese Entwicklung werde sich noch verstärken, sagt der Wasserexperte. Und wenn der Niederschlag weiter nachlasse, schlage das leicht in eine Dürre um.

Quantität und Qualität

Um vorzusorgen, arbeitet das Bundesumweltministerium an einer nationalen Wasserstrategie. Darin wird festgehalten, wie wir unsere Wasserversorgung für die kommenden Jahrzehnte sichern können. Nicht nur in "ausreichender Menge", sondern auch in "notwendiger Qualität", heißt es in der Strategie. Das dürfe man nicht losgelöst voneinander diskutieren, sagt Rechenberg.

In der Wasserstrategie soll gemeinsam mit Wasserwirtschaft, Landwirtschaft, Industrie, Anwohnern und Wissenschaft festgelegt werden, wie das Wasser verteilt wird, wenn eine Dürre längere Zeit andauert. Am wichtigsten ist die Trinkwasserversorgung, das ist klar. Wasser ist ein öffentliches Gut, das öffentlich bewirtschaftet wird. "Es gibt keine privaten Ansprüche darauf", sagt der Experte. "Jede Nutzung, alle Entnahmen, bedürfen einer Erlaubnis oder Bewilligung oder staatlichen Autorisierung. Das ist im Wasserhaushaltsgesetz vorgesehen."

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum bezahlen manche Berufspiloten Geld für ihren Job? Warum ziehen Piraten von Ost- nach Westafrika? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Alle Folgen finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. "Wieder was gelernt" ist auch bei Amazon Music und Google Podcasts verfügbar. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden. Kopieren Sie die Feed-URL und fügen Sie "Wieder was gelernt" einfach zu Ihren Podcast-Abos hinzu.

Aber was kommt nach dem Trinkwasser? Landwirtschaft? Gewerbe? Wasserangebote im öffentlichen Raum? Wer bekommt wie viel? Und wie kann man das umsetzen?

Blick nach Israel

Für Lösungsvorschläge und Ideen schauen die Experten unter anderem ins Ausland. In Staaten wie Israel oder in den Mittelmeerraum, wo es schon immer sehr lange Trockenzeiten gebe, sagt Rechenberg. "Spannend ist dort auch zu sehen, welche logistischen und technischen Optionen es gibt, wie man den Wasserbedarf aller Nutzer reduzieren kann. Das ist ein Weg, den wir definitiv beschreiten müssen: Wo sind die Potenziale für Industrie, Landwirtschaft und Haushalte, mit weniger Wasser auszukommen?"

Eine Sache, die man aus Sicht des Wasserexperten auf jeden Fall umsetzen muss, ist, wieder mehr Wasser in der Landschaft zu halten. Bisher habe man sich vor allem darum bemüht, es in bebauten Gebieten über die Kanalisation schnell abzuführen, sagt Rechenberg. "Dann landet es im Fluss oder im Meer, steht dem örtlichen Wasserhaushalt aber nicht mehr zur Verfügung."

Ähnlich sieht es in der Landwirtschaft aus. Dort sorgen Drainagen dafür, dass das Wasser nach einem Regenguss nicht stehen bleibt und die Ernte zerstört, bevor es langsam versickert oder verdunstet. Jetzt allerdings fehlt diese nachhaltige Feuchtigkeit im Boden - auch im urbanen Raum. Deshalb wird überlegt, wie man bei künftigen Bauprojekten in der Stadt weniger Flächen versiegeln und schon versiegelte Flächen wieder entsiegeln kann.

Versiegelung verhindern

Mehr zum Thema

"Pro Tag gehen 56 Hektar Boden verloren, die unter Asphalt verschwinden. Das sind alles Flächen, in die kein Wasser einsickern kann, unter denen sich kein Grundwasser bilden kann", erklärt Rechenberg im Podcast. "Das wäre auch eine Maßnahme gegen Hochwasser, weil es zu Flutwellen führen kann, wenn sich das Wasser über diesen versiegelten Flächen seinen Weg bahnt."

Es gibt aber auch Lichtblicke im deutschen Wassermanagement. Zwei Maßnahmen, wie der Vorrat steigen könnte, sind schon vor Jahren beschlossen worden: der Atomausstieg und der Ausstieg aus der Kohlekraft. Für die Kühlung der Kraftwerke sei viel Wasser aus Oberflächengewässern entnommen worden, sagt Rechenberg. Das werde bald nachlassen.

Auch private Haushalte leisten ihren Beitrag: Ihr Verbrauch ist von 144 Litern pro Person und Tag im Jahr 1991 auf heute 123 Liter gesunken. Durch bessere Technologien in Duschen, Bädern, Spülmaschinen und Waschmaschine ist ein weiterer Rückgang wahrscheinlich. Allerdings haben wir nicht mehr viel Zeit, um zu handeln. "Das sehen wir an katastrophalen Zuständen in den Flutgebieten", sagt Jörg Rechenberg. "Wir müssen jetzt zügig Entscheidungen treffen."

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.