Panorama

Gewalt in der eigenen Familie Wie gefährdet sind Kinder in der Krise?

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Durch die Krise droht ein Anstieg der häuslichen Gewalt - auch gegen Kinder und Jugendliche.

(Foto: imago images/Petra Schneider)

Kinder, die familiäre Gewalt erleben, sind in der aktuellen Corona-Krise wohl noch mehr Gefahren und potenziellen Angriffen ausgesetzt als bisher. Die Jugendämter müssen immer öfter einschreiten. Während Familien in den eigenen vier Wänden bleiben müssen, eskaliert vielerorts die Lage.

Die deutschen Jugendämter schlagen Alarm, denn die Corona-Krise könnte zu mehr Gewalttaten gegen Kinder führen: Die Zahl der Inobhutnahmen in städtischem Umfeld steigt an, wie der Vorsitzende der Bundesgemeinschaft Landesjugendämter (BGA), Lorenz Bahr, vor einigen Tagen mitteilte - er forderte mehr Aufmerksamkeit für Gewalt gegen Kinder. Die Inobhutnahme, bei der Kinder aus der Familie geholt werden, ist die stärkste Schutzmaßnahme von Jugendämtern bei Kindeswohlgefährdung.

Im Jahr 2018 leiteten die Behörden rund 53.000 Inobhutnahmen ein - in 7800 Fällen meldeten Bürger, Kitas, Schulen und Verwandte die Kindeswohlgefährdung bei den Ämtern. Belastbare Zahlen zum aktuellen Jahr und zur Statistik während der Covid-19-Krise gibt es allerdings noch nicht.

Die Pandemie kann die Gewaltsituation in Familien zusätzlich anheizen, weil sie besonders in Städten auf kleinem Raum zusammenleben und Konflikte schneller eskalieren können. Kinder können sich daraus oftmals nicht selbst befreien und sind in diesen Situationen auch darauf angewiesen, dass Nachbarn oder Bekannte Hilfe rufen, Jugendämter informieren, um sie aus der Gewaltsituation herauszuholen.

"Besondere Aufmerksamkeit ist geboten"

Nach Angaben der BGA sind die Jugendämter auch in der aktuellen Lage voll erreichbar und die Mitarbeiter weiterhin unterwegs, um sich um das Wohl gefährdeter Kinder zu kümmern. Hausbesuche würden teilweise am Fenster gemacht. Auch Videokonferenzen kämen zum Einsatz, um Kontakt zu den Familien zu halten. "Gerade dort, wo schon vor Corona hoher Unterstützungsbedarf bestand, ist besondere Aufmerksamkeit geboten. Soweit zur Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung ein Hausbesuch im Rahmen des Schutzauftrages des Jugendamts erforderlich ist, wird dieser auch durchgeführt werden", erklärte Lorenz Bahr der Deutschen Presse-Agentur.

Auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, rät zu erhöhter Wachsamkeit im eigenen Umfeld: Aus Ländern wie China, Italien oder Spanien, wo es bereits längere Erfahrungen mit Ausgangsbeschränkungen gebe, werde "durch die Bank" von einem starken Anstieg der innerfamiliären häuslichen Gewalt berichtet, erklärte Rörig der "Welt". Das liege auch daran, dass die Eltern in der Krise unter Druck stünden: "Viele haben Angst vor Jobverlust und Geldmangel, sind massiv überfordert. Das kann physische, emotionale und auch sexuelle Gewalt gegen Kinder noch fördern."

Neues Hilfsportal in der Corona-Krise

Jeder Bürger ist nach Ansicht des Missbrauchsbeauftragten selbst gefragt, bei möglicher Kindeswohlgefährdung Alarm zu schlagen: "Ich appelliere eindringlich: Bitte schauen Sie nicht weg und bitte hoffen Sie nicht, dass sich schon ein anderer darum kümmert. Das ist in der Regel nämlich nicht der Fall", sagt Rörig. Er hat in der Krise ein neues Hilfsportal veröffentlicht: "Kein Kind alleine lassen" soll Kindern und Jugendlichen dabei helfen, direkte Hilfe zu suchen. So können ältere Kinder in einem Chat Kontakt zu Beratungsstellen aufnehmen und auf ihre Situation aufmerksam machen. Außerdem informiert das Portal über die unterschiedlichen Anlaufstellen wie die "Nummer gegen Kummer" und das "Hilfstelefon Sexueller Missbrauch". Darüber hinaus bietet es Tipps, wie sich Betroffene in der akuten Notsituation verhalten können.

Die wichtigsten Telefonnummern:

  • Nummer gegen Kummer: 116 111
  • Hilfstelefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530
  • Hilfstelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016

Quelle: ntv.de, mit dpa und AFP