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Immunologin Falk warnt bei ntv "Wir brauchen die Tests auch weiterhin"

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Derzeit können sich die Menschen überall kostenlos auf das Coronavirus testen lassen. Diese Möglichkeit könnte bald wegfallen.

(Foto: dpa)

Wer sich nicht impfen lassen will, soll künftig Corona-Tests selbst bezahlen. Immunologin Falk erklärt bei ntv, warum sie das zumindest derzeit für keine gute Idee hält. Denn es könnte dazu führen, dass Ungeimpfte weniger getestet werden - und das wäre kontraproduktiv.

ntv: Morgen trifft sich die Kanzlerin wieder mit den Länderchefs und Länderchefinnen, um den Fahrplan für die nächsten Monate festzulegen. Was erwarten Sie?

Christine Falk: Wir sollten eine vierte Welle verhindern - oder möglichst klein halten. Und wir sollten alle Fragen rund um die Kinder nach vorne stellen. Das wäre mir ein ganz wichtiges Anliegen. Das Robert-Koch-Institut hat einen hervorragenden Maßnahmenkatalog vorgelegt, mit dem wir mit Testen, Impfen, den "AHA+L"-Regeln vorgehen können. Ganz dringend beibehalten sollten wir die Masken. Wir brauchen die noch, damit wir einen Kombinationseffekt bekommen. Mit diesen Maßnahmen schaffen wir es, gemeinsam die Virusausbreitung zu verhindern. Ich erhoffe mir, dass wir eine Einigung darüber bekommen, wie wir gut gemeinsam durch unser Verhalten dazu beitragen können, dass wir gut durch Herbst und Winter kommen.

Müssen Lockdowns weiter eine Option sein für den Herbst?

Wir sollten kein Drohszenario aufbauen, sondern die Idee sollte sein: Wie können wir uns so verhalten, dass wir keine Lockdowns mehr brauchen? Ein Lockdown muss die Ultima Ratio sein, wenn die Viruszahlen hochgehen. Der Umkehrschluss ist: Wenn wir es schaffen, die Viruszahlen niedrig zu halten, dann brauchen wir auch keinen Lockdown. Aber dafür müssen wir uns über die Maßnahmen unterhalten: Impfen, Testen und auf jeden Fall weiter "AHA+L". Mir wäre es lieber, den positiven Aspekt, nämlich unsere Handlungsoptionen, in den Vordergrund zu stellen und kein Szenario aufzubauen, das wir alle nicht wollen.

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Christine Falk - hier im Gespräch mit ntv-Moderatorin Katrin Neumann - ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie.

Die Diskussionen über Impfungen, Lockerungen oder strengere Maßnahmen, finden vor dem Hintergrund des laufenden Wahlkampfes statt. Das wird ja die nächsten Wochen so bleiben. Wie sehr dient das der Sache?

Ehrlicherweise gar nicht. Natürlich merkt man, dass der Wahlkampf über allem steht auf der politischen Seite. Aber für uns Bürgerinnen und Bürger ist doch wichtig, dass wir gemeinsam erkennen, dass wir es jetzt alle gemeinsam in der Hand haben, wie wir uns vorbereiten - unabhängig vom Wahlkampf. Ich denke, wir sollten morgen versuchen, den Wahlkampf ein wenig auf die Seite zu schieben so weit das geht. Und als Bürgerinnen und Bürger das herauszulesen, was für uns an Handlungsoptionen wichtig ist. Eine Ermöglichungskultur wäre gut: So viel wie möglich machen und vor allem verhindern, dass das Virus sich ausbreitet.

Wie sollten Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, in Zukunft behandelt werden?

Das Wichtigste ist im Moment, dass wir positiv motivieren, sich impfen zu lassen. Man sollte ihnen mitteilen, wie sie bei dem Versuch helfen können, eine vierte Welle zu verhindern oder möglichst klein zuhalten. Eine wichtige Botschaft ist: Es geht nicht so sehr um die Frage impfen oder nicht impfen, sondern impfen oder sich anstecken. Denn die Idee, dass man ungeimpft davonkommt, ohne sich anzustecken, ist keine gute. Wir sind gerade schon wieder in einem exponentiellen Wachstum. Vor diesem Hintergrund würde ich immer versuchen, mit Motivation zu arbeiten anstatt mit Druck. Die vergangenen Wochen haben uns gezeigt, dass es funktioniert - und ob das jetzt kulinarisch mit einer Bratwurst verbunden ist oder bürgernah auf den Marktplätzen, da sollten der Kreativität keine Grenzen gesetzt sein.

Aber die Frage steht ja im Raum, ob man Tests in Zukunft weiterhin kostenlos anbietet oder nicht. Das sind ja Steuergelder, die da aufgebracht werden.

Mir wäre wichtig, dass das Testen beibehalten wird. Wir brauchen die Tests weiterhin, gerade bei denen, die nicht geimpft sind, damit wir wissen, wie viel Virus wir in der Gegend haben. Wenn die Kostenpflichtigkeit dazu führt, dass sich die Leute nicht testen lassen, ist uns nicht geholfen. Für die nächsten zwei Monate würde ich dazu raten, zu sagen: Bitte testen lassen! Damit wir möglichst die Viruszirkulation verhindern. Das ist die oberste Prämisse, unter der wir arbeiten sollten. Und dann kann man vielleicht später überlegen, ob man Tests kostenpflichtig macht.

Der US-Immunologe Fauci warnt davor, dass es in Zukunft weitere möglicherweise noch ansteckendere Varianten geben wird, wenn das Virus weiterhin die Möglichkeit hat, so frei zu zirkulieren wie bisher. Wie schätzen Sie das ein?

Fauci weiß genau, was er sagt und warum er das sagt, und er hat vollkommen recht. Virusvarianten sind bisher immer aufgetreten, wenn sehr viel Virus in der Bevölkerung, in großen Bevölkerungsgruppen, zirkulierte. Auch da wieder der Umkehrschluss: Wenn wir es schaffen, die Viruszirkulation herunterzudrücken, dann schaffen wir es auch, zu verhindern, dass neue Varianten entstehen - zumindest hier. Was in anderen Teilen der Welt passiert, müssen wir unbedingt im Blick haben. Fauci hat die USA im Blick, er weiß, warum er das sagt: Weil sich da so viele Menschen nicht impfen lassen wollen und er weiß, dass das überhaupt keine gute Entwicklung ist. Insofern kann ich ihm wie immer zustimmen. Wir sollten versuchen, das Virus zu kontrollieren und nicht umgekehrt.

Mit Christine Falk sprach Katrin Neumann

Quelle: ntv.de

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