Politik

Obamas große Athener Rede Alles wird gut, oder wenigstens okay

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Vor seiner Athener Rede erhielt Barack Obama eine persönliche Führung über die Akropolis, die Wiege der Demokratie.

(Foto: REUTERS)

Auf seiner letzten Auslandsreise hält Barack Obama eine seiner letzten Reden als US-Präsident. Die Botschaft ist noch genauso optimistisch und hoffnungsvoll wie vor acht Jahren. Nur sein Tonfall ist deutlich defensiver geworden.

Was immer man von Barack Obama hält, in einem sind seine Anhänger und Kritiker einer Meinung: Reden kann er. Für eine seiner letzten Reden hat er sich einen Ort ausgesucht, der historischer kaum sein könnte: die griechische Hauptstadt Athen.

Es wird eine Grundsatzrede zur Demokratie, zum Zustand der Demokratien weltweit, zugleich wird es eine Rede, mit der er sein Erbe verteidigt. Der Zeitpunkt prägt diese Rede denn auch stärker als der Ort: Sie ist ungewohnt defensiv, fast trotzig, was allerdings auch daran liegen könnte, dass das Konzept der Demokratie im Westen in die Defensive geraten ist.

Obama spricht in einem neuen Kulturzentrum, das die griechische Nationalbibliothek und die Staatsoper beherbergt. Er beginnt mit freundlichen Worten über die Griechen. Er sei immer entschlossen gewesen, bei seiner letzten Auslandsreise Griechenland zu besuchen - zum Teil, weil er von der legendären Gastfreundschaft der Griechen gehört habe, auch weil er die Akropolis habe sehen wollen, vor allem aber, weil er Griechenland, "diese kleine, große Welt", dafür danken wolle, was es der Menschheit gegeben habe.

Obama zählt ein paar scherzhaft gemeinte griechisch-amerikanische Gemeinsamkeiten auf, darunter den Basketballspieler Giannis Antetokounmpo von den Milwaukee Bucks, "der jedes Jahr besser zu werden scheint". Er lobt auch die Großzügigkeit der Griechen den Flüchtlingen gegenüber, die die Welt begeistert habe.

"Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede"

Dann kommt er zu dem größten Geschenk, dass die Griechen der Welt gemacht haben: die Vorstellung, "dass wir das Recht und die Fähigkeit haben, uns selbst zu regieren". Vor 25 Jahrhunderten sei in Athen eine neue Idee entstanden: "Dimokratia, das Konzept, dass wir nicht Untertanen sind, sondern Bürger". Die Flamme, die in Athen zum ersten Mal entzündet worden sei, starb nie, sagt Obama. "Sie wurde durch die Aufklärung belebt, sie wurde angefacht von den Gründervätern der USA".

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Vor seiner Rede ließ sich der US-Präsident auch das Akropolis-Museum zeigen.

(Foto: AP)

Demokratie sei nicht nur gut für die Welt, sondern auch gut für die nationale Sicherheit der Demokratien. An dieser Stelle betont Obama, wie er es nach dem Wahlsieg von Donald Trump bereits einige Male gemacht hat, dass er zuversichtlich sei, dass das amerikanische Engagement in der Nato weitergehen werde.

Wie alle menschlichen Institutionen sei die Demokratie nicht perfekt, "sie kann frustrierend sein, sie könne chaotisch sein", oft seien Politiker unbeliebt, weil die Demokratie Kompromisse erfordere. In einer multiethnischen Gesellschaft wie den USA könne die Demokratie besonders kompliziert sein. "Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede." Dennoch könne der demokratische Prozess für einen friedlichen Ausgleich sorgen.

Er sagt wirklich "okay"

Nach der Wahl hänge die Demokratie davon ab, dass die Macht friedlich übergeben werde - gerade dann, wenn man verliert. "Wie Sie vielleicht gemerkt haben, könnten der nächste amerikanische Präsident und ich nicht unterschiedlicher sein", fügt er unter dem Gelächter des Publikums hinzu. Obama macht deutlich, dass er sich von Trumps Wahlsieg, den er ganz offensichtlich als Rückschlag empfindet, nicht unterkriegen lässt. So hart es manchmal sein könne, man müsse verstehen, "dass der Fortschritt einen verschlungenen Weg geht, manchmal vorwärts, manchmal rückwärts".

Obamas Botschaft ist, dass die Demokratie auch dann die bessere Staatsform ist, wenn der politische Gegner gewinnt – sogar dann, wenn dieser politische Gegner Trump heißt. "Wenn wir uns den Glauben an die Demokratie bewahren, wenn wir uns den Glauben an das Volk bewahren, wenn wir nicht von den zentralen Prinzipien abweichen, die eine lebendige, offene Debatte ermöglichen, dann wird unsere Zukunft okay sein." Er sagt wirklich "okay", nicht "great", wie man an dieser Stelle vielleicht von einem amerikanischen Präsidenten erwarten würde.

Obama spricht auch über das "Paradox der modernen globalen Wirtschaft". Das bestehe darin, dass dieselben Kräfte, die so viel Wohlstand geschaffen hätten, zugleich viele Arbeitsplätze vernichtet hätten. Obama betont, dass dies, auch wenn es oft völlig anders aussehe, die beste, wohlhabendste, friedlichste Welt sei, die es je gegeben habe. Aber zugleich gebe es enorme Zerwürfnisse und eine starke Zunahme an Ungleichheit.

"Diese Ungleichheit stellt eine der größten Herausforderungen für unsere Wirtschaft und unsere Demokratie dar", sagt Obama. Früher sei Ungleichheit akzeptiert worden, doch heute habe jeder ein Mobiltelefon und könne sehen, wie ungerecht die Welt ist. So gebe es nicht nur eine Zunahme an Ungleichheit, sondern auch einen zunehmenden Sinn für Ungleichheit.

"Nötig ist eine Kurskorrektur"

Von den demokratischen Regierungen fordert Obama, sich stärker zu öffnen. "Die Leute müssen wissen, dass sie gehört werden." Das gelte auch für den Umgang der EU, die Obama "eine der größten Errungenschaften in der Geschichte der Menschheit" nennt, mit ihren Mitgliedsstaaten. "Wir müssen deutlich machen, dass die Regierungen den Interessen der Menschen dienen, nicht umgekehrt."

Nötig sei eine "Kurskorrektur". Die positiven Folgen der globalisierten Wirtschaft müssten für mehr Menschen spürbar sein. Auch diese Politik habe er in seiner Amtszeit verfolgt, so Obama. Aber er lobt nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Gastgeber, den griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras, für seine Reformbemühungen. Die Gläubiger drängt er, Griechenland zu unterstützen. Der Internationale Währungsfonds habe gesagt, ein Schuldenerlass sei unerlässlich, um Griechenland auf einen nachhaltigen Kurs zu bringen. "Sie haben Recht", fügt Obama hinzu - es wird interessant sein zu sehen, ob er diese Botschaft von Athen nach Berlin trägt.

Am Abend landete Obama in Berlin. Er trifft Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem bilateralen Gespräch bei einem Abendessen im Hotel Adlon. Am Donnerstag empfängt Merkel den US-Präsidenten im Kanzleramt. Am Freitag treffen beide sich mit dem französischen Präsidenten François Hollande, dem italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi, dem spanischen Regierungschef Mariano Rajoy und der britischen Premierministerin Theresa May. Sie alle schlagen sich mit unterschiedlichen Problemen herum, sie alle haben auch mit dem Anstieg populistischer Parteien in ihren Ländern zu tun. Aufmunternde Worte können sie gut gebrauchen.

Seine zentrale Botschaft greift Obama am Ende seiner Rede noch einmal auf. Er sei "zuversichtlich, dass unsere Zukunft hell sein wird, wenn wir treu an diesem System der demokratischen Selbstverwaltung festhalten". So positiv und gut gelaunt wie vor acht Jahren ist diese Botschaft nicht mehr. Sie ist mit Einschränkungen verbunden: Trotz aller Rückschläge, trotz Trump, Brexit und Le Pen – alles wird gut. Oder wenigstens okay.

Quelle: ntv.de