Politik

Endspurt im Häuserwahlkampf "Das Herz der Leute gewinnt man nur an der Tür"

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Elif Eralp (Die Linke) kämpft in Kreuzberg um Stimmen, Martin Pätzold (rechts) und Burkard Dregger klingeln für die CDU in Hohenschönhausen.

(Foto: Valerie Dörner)

Von Tür zu Tür ziehen, klingeln, Flugblätter verteilen: In Zeiten von Digitalisierung und Pandemie wirkt der Wahlkampf an der Haustür fast antiquiert. Trotzdem setzen fast alle Parteien darauf, ihre potentiellen Wähler und Wählerinnen genau dort sich zu überzeugen. Kann das in den letzten Tagen vor der Wahl noch gelingen? Ein Besuch bei Berliner Haustürwahlkämpfern.

In Alt-Hohenschönhausen stolpert man von der sechsspurigen Kreuzung direkt in eine andere Welt. Hier in der Idylle aus Kleingartensiedlung und Einfamilienhäusern will Martin Pätzold von der CDU für den Wahlkreis Berlin-Lichtenberg 2 ins Berliner Abgeordnetenhaus. Bei der letzten Wahl lag die Linke vorn, dicht gefolgt von der AfD.

Trotz dieser Ausgangslage ist Pätzold zuversichtlich, dass er bei der Wahl in wenigen Tagen noch einige Stimmen einsammeln kann. Dafür ist er seit Wochen im Viertel unterwegs, verteilt Flyer und klingelt mit seinem Team an den Haustüren. Negative Erfahrungen habe er bislang kaum gemacht, sagt Pätzold. Und auch Burkard Dregger, Fraktionsvorsitzender der CDU in Berlin, ist überzeugt: "In den Kopf der Wähler kommt man auch anders, doch ihr Herz gewinnt man nur an der Tür." Er begleitet Pätzold an diesem Tag, genau wie ein paar andere CDU-Mitglieder. Treffpunkt ist bei einer kleinen Kirche, direkt neben einigen Schrebergärten. Der Haustürwahlkampf ist hier eher ein Gartenzaunwahlkampf, direkt an die Türen geht das Team des 37-Jährigen nicht. Meist liegt noch ein Zaun und ein Vorgarten zwischen Pätzold und seinen potentiellen Wählern.

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Martin Pätzold will in Hohenschönhausen für die CDU punkten.

(Foto: Valerie Dörner)

Doch Pätzold spricht die Leute auch direkt auf der Straße an. "Wir wählen AfD", blafft ihm ein Mann ins Gesicht, da hat er sich kaum vorgestellt. Der 37-Jährige versucht trotzdem, ins Gespräch zu kommen. "Es ist mir immer auch ein Ziel, Leute von den anderen Parteien wieder für mich zu gewinnen und auf den demokratischen Boden zurückzuholen", sagt er.

In Kreuzberg wollen die Linken an der Tür punkten

Ein paar Tage später, Donnerstagnachmittag, mitten in Berlin-Kreuzberg. Zäune und Vorgärten gibt es hier in der Werner-Düttman-Siedlung nicht, dafür viele Sozialwohnungen und dunkle, enge Treppenhäuser. Doch auch hier geht es darum, auf den letzten Metern noch Wähler zu überzeugen. Für Elif Eralp, die im Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg 2 für das Abgeordnetenhaus kandidiert, geht es gleich los zum Haustürwahlkampf. Die 40-Jährige trägt Turnschuhe und eine lockere Stoffhose, dazu hat sie ihre rote Tasche mit dem Aufdruck "Die Linke" geschultert.

Bevor sie auf die Klingeln drückt, liest Eralp die Namensschilder der Menschen. Klingt der Name türkisch, startet sie oft auch mit einer türkischen Begrüßung. "Dass 'jemand von ihnen' es in die Politik geschafft hat und für das Parlament kandidiert, das kennen viele gar nicht. Umso mehr freuen sich die Leute, wenn ich dann an der Tür stehe", sagt die 40-Jährige. Sie rechnet sich für die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus gute Chancen aus: Hier in Kreuzberg wurde die Linke bei der letzten Wahl zweitstärkste Kraft hinter den Grünen.

Getrennt in den Themen, vereint in der Art des Wahlkampfs

Zurück in Hohenschönhausen ist die Tour nach knapp zehn Mal klingeln schon wieder vorbei - nur wenige haben aufgemacht. Nachdem er seine Wahlkampfhelfer verabschiedet und das Material zurück ins Auto gepackt hat, lädt Pätzold noch zum "Kiezgrillen". In seinem Newsletter "Unser Hohenschönhausen" informiert er einmal die Woche darüber, was so passiert im Viertel. Der Name ist Programm: Die Nachbarschaft hier im Kiez, das eher dörfliche Flair, darauf kommt es für viele an. "Jeder, der hier lebt, ist Hohenschönhausener und fühlt sich auch so", erklärt ein Anwohner, nachdem er sich am "Kiezgrill" eine Bratwurst abgeholt hat. Pätzold selbst verzichtet heute. "Ich kann keine Bratwürste mehr sehen", sagt er lachend, so viele Kiezgrill-Aktionen hat er hier in den letzten Wochen veranstaltet. Pätzold begrüßt jeden Anwohner persönlich. Die Gespräche drehen sich nicht ums Klima, um Außenpolitik oder zu hohe Mieten. Hier geht es darum, ob die S-Bahn verlängert wird und dass die eigene Aussicht nicht verbaut wird.

Elif Eralp in Kreuzberg dagegen kämpft in der Werner-Düttmann-Siedlung darum, die Leute überhaupt zum Wählen zu bringen. Zwar ist die Wahlbeteiligung in ihrem Wahlkreis allgemein hoch, doch hier in der Sozialbausiedlung haben weniger als 40 Prozent der Menschen letztes Mal ihre Stimme abgegeben. Viele, die hier wohnen, dürfen bei den Wahlen allerdings auch gar nicht abstimmen. Sie sind keine deutschen Staatsbürger und haben deshalb kein Wahlrecht. Eralp will das ändern. "Wer seit 40 Jahren hier wohnt, hier arbeitet, hier Steuern zahlt, der soll auch wählen dürfen", meint sie.

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In der Werner-Düttmann-Siedlung geht es für die Linken darum, Leute überhaupt zum Wählen zu bewegen.

(Foto: Valerie Dörner)

An über 1000 Türen hat sie allein in ihrem Wahlkreis schon geklingelt in den letzten Wochen, doch an diesem Donnerstagnachmittag werden nur wenige geöffnet. Diejenigen, die aufmachen, freuen sich, dass ihre Abgeordnete direkt vor ihnen steht. Eralp überreicht stolz ihre Flyer und das Kurzwahlprogramm der Linken. "Sind Sie das wirklich?", fragt ein Mann beim Blick auf ihr Foto skeptisch. "Ja, das bin ich wirklich! Die Wahlkampffotos sind manchmal etwas geschönt", sagt Eralp lachend und zieht kurz ihre Maske ab, um ihm zu beweisen, dass sie wirklich vor ihm steht. "Dass Sie direkt persönlich vorbeikommen, das habe ich ja noch nie erlebt", sagt der Mann.

"Hier an der Tür, das hinterlässt schon einen Eindruck"

Ob Hohenschönhausen oder Kreuzberg: So unterschiedlich die beiden Wahlkreise und Kandidierenden auch sind, im direkten Kontakt kann man einige Unentschlossene überzeugen. Da sind sich Eralp und Pätzold einig. Studien geben den beiden recht: 40 Prozent derjenigen, bei denen schon mal geklingelt wurde, bewerten die jeweilige Partei positiver als vor dem Gespräch. Rund ein Viertel gibt sogar an, durch das Haustürgespräch in ihrer Wahlentscheidung beeinflusst worden zu sein, ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Jahr 2017. Und eine Studie der Universität Mainz zur Kommunalwahl 2014 konnte sogar eine höhere Wahlbeteiligung in Wahlkreisen feststellen, in denen Politiker und Politikerinnen von Tür zu Tür gegangen waren.

"Hier an der Tür, das hinterlässt schon einen Eindruck. Man lernt sehr viel über die Menschen im Wahlkreis, es ist ein intensiver Kontakt", so Elif Eralp. Und auch Martin Pätzold glaubt: "Dass sich jemand hier Tag für Tag hinstellt, obwohl er auch Zeit mit seinen Kindern verbringen könnte - das zählt was für die Leute."

Quelle: ntv.de

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